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Volk und Land · 1919-06-12 · Heft 24 (12.6.1919) · p. Seite 741-742

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 24 (12.6.1919)
Date
1919-06-12
Page
Seite 741-742 (sequence 7)
Language
German
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741 VOLK UND LAND 742 fremdet, daß zum Beispiel bei einem bereits im städtischen Berufe stehenden Manne kaum mehr ein Uebergang — von vereinzelten Ausnahmen abgesehen — zur Landwirtschaft erfolgen könne. D iheise i dieser Ausgleich gerade bei den Juden nur rein theoretisch und werde in praxi nicht oder nur unter sehr erschwerten Bedingungen erfolgen. Keiner dieser beiden Einwände ist stichhaltig, Für die nächste Generation — und für einen weiteren Zeitraum ist es überhaupt zwecklos, zu disponieren, — ist eine Bodensperre in Palästina völlig ausgeschlossen. Ruppin rechnet mit einer landwirtschaftlichen Einwanderung für das erste Jahrzehnt von 70 000 Menschen, für das zweite von 140000, für das dritte von 210 000. Das ergäbe mit dem Bevölkerungszuwachs zirka y2 Million nach 30 Jahren. Verdreifachen wir diese Zahl — ob es in praxi dazu kommen wird, ist zweifelhaft, wie jeder weiß, der die Geschichte landwirtschaftlicher Kolonisation kennt — so würde die Zahl der landwirtschaftlich tätigen Juden nach einer Generation ly* Millionen erreichen, während das Land bei systematisch durchgeführter künstlicher Bewässerung, bei Intensivierung der landwirtschaftlichen Methoden mindestens die doppelte Anzahl von Menschen in der Landwirtschaft unterbringen kann, wahrscheinlich sogar — nach Ballod u. a. — das Vierfache. Eine Bodensperre in dem Sinne, daß das ganze Land wirklich von Juden in intensiver Wirtschaft innerhalb eines absehbaren Zeitraumes besiedelt wird, brauchen wir also nicht zu befürchten, wenn wir uns'eben durch zentralisierte Landkäufe den Besitz der Ländereien sichern. Nun der zweite Einwand. Wir sind oben ausführlich darauf eingegangen, daß eine Uebertragung der europäischen Begriffe von Landwirtschaft und Industrie auf die besonders gearteten Verhältnisse Palästinas irreführend ist, daß die wirtschaftliche Struktur des Landes — die dem psychischen Bedürfnis der national gesinnten Judenheit nach einer Verknüpfung mit der Scholle entgegenkommt - Industrie und Landwirtschaft einander nähert. Daher ist das Argument von der außerordentlichen Schwierigkeit, Juden zur Landwirtschaft zu überführen, für alle europäischen Verhältnisse vielleicht richtig, falsch dagegen für den eigenartig gelagerten Sonderfall Palästina. Wenn Reiner daher in seinen Ausführungen sich gegen die kapitalistische Fabrik mit Großbetrieb wendet, ohne die sozial^organisierte Industrie abzulehnen, so glaube ich, daß das Obereigentum des jüdischen Volkes an Grund und Boden die Voraussetzung — vielleicht sogar die Bürgj schaff — ist für eine sozial organisierte industrielle 1 Produktion. ) Ich teile Reiners Befürchtungen gegenüber dem industriellen Großbetrieb nicht, wie mir überhaupt ) die Befürchtungen vor einer Industrialisierung Palästinas aus unklaren nebelhaften Vorstellungen erwachsen zu sein scheinen. Ich stehe dureihaus auf j dem Standpunkte, daß die wirtschaftliche Struktur Palästinas grundverschieden sein muß von der aller! Länder, in denen die Mehrzahl aller Juden lebt Aber — und das sollte man denjenigen, die die Begrenztheit jeder materiellen Gescnichtsauffassung erkannt haben, nicht auseinander zu setzen brauchen I — nicht die Betriebsform ist entscheidend, sondern der Geist, der sie beherrscht. Die Befürchtung, Palästina könne europäischen Industriestaaten gleichen, erscheint mir durch die Verhältnisse in, keiner Weise gerechtfertigt. Sie besteht nicht für Zionisten, j die an die unerschöpfliche Kraft des Judentums! glauben, an jene Kraft, die es zuwege bringen soll, j die allerorten versprengten jüdischen Massen wieder zu einem ,Volke zu gestalten. VOR ZWANZIG JAHREN In der „Welt“ vom 23. Juni 1899 erschien unter der Ueberschrift „Eine kalifornische Kolonisationsmethode“ der nachstehend: wörtlich wiedergegebene Aufsatz von Davis Trietsch (Ben-David), als dessen erster Beitrag für die „Welt“. Der Leser wird darin den später aufgekommenen Plan der „Achusa“, die systematische, den Juden und Palästina angepaßte Kolonisation, die Umschichtung der Berufe und die auf systematischer Kolonisation aufgebaute Volks- und Selbsthilfe großen Maßstabes erkennen können. Die größte von all den zahlreichen Schwierigkeiten, unter denen die jüdischen Kolonisationsversuche bisher zu leiden hatten, lag in dem Mangel an einer geeigneten Methode. Wurde eine Anzahl von Juden irgendwo angesiedelt, so hatte mar nichts anderes dabei im Auge, als die Kolonie so schnell als möglich in ertragsfähigen Zustand zu setzen, und man war befriedigt, wenn dies sich in nicht allzulanger Zeit ermöglichen ließ. Man nannte das dann einen Erfolg, ohne sich zu vergegenwärtigen, daß 'selbst eine noch so große Anzahl solcher „Erfolge“ im besten Falle nur den wenigen Kolonisten geholfen hatte, und zwar meistens mit ganz unverhältnismäßigen Geldopfern. Eine Kolonisation, bei der jede neue Gruppe aüfs neue von vorn anzufangen hat, kann bei der Ungewohnheit landwirtschaftlicher Arbeiten und bei den sonst recht reichlichen Schwierigkeiten zu einer roßen Abhilfe durchaus nicht genügen. Auch desalb nicht, Weil zur Aussendung stets neuer Gruppen Geldmittel gehören würden, wie sie tatsächlich nicht flüssig gemacht werden können. Die ganze Sache wird viel zu sehr vpn Fall zu Fall behandelt. Hat man sich gegenüber einem entsetzlichen Unglücke einmal zu einer „Tat“ aufgerafft — und zwar selbstverständlich zu einer unzulänglichen — so ist man befriedigt und „wartet“ eben aut das nächste entsetzliche Unglück, um -wieder „etwas zu tun“. Eine Abhilfe ist hier dringend notwendig. Will man kolonisatorisch audi nur Nennenswertes vollbringen, so muß System in die Sache gebracht werden. Sonst sind wirkliche Erfolge — bei der Neuheit landwirtschaftlicher Beschäftigung für die Juden — schlechterdings unmöglich. Im Folgenden soll eine Kolonisations-Methode skizziert werden, die in Kalifornien mit schönem Erfolge angewendet wird, und die mir, unseren Verhältnissen angepaßt, außerordentlich aussichtsreich erscheint. Ich möchte sie die „ideale Methode“ nennen. Das'System ist außerordentlich einfach. Eine Gesellschaft übernimmt ein größeres Stück Land, parzelliert es- und bietet die Parzellen zum Kaufe an. A ber nicht das Land, wie es ist — für j solches fänden sich wenige Käufer. Die Gesellschaft | unternimmt es, das Land in — sagen wir — fünf! Jahren in ertragsfähigen Zustand zu versetzen (in Kalifornien handelt es sich meist um Baumkultur) I und offeriert ihre Parzellen vollständig hergenchtet! und bepflanzt, so daß der Käufer, der fünf Jahre | Zeit hatte, die Kaufsumme in Raten zu bezahlen, nach Ablauf dieser Zeit sich im Besitze eines ertragsfähigen Landstückes befindet. In dieser Weise können Kaufleute oder Handwerker Landwirte werden, ohne durch ihre Un-

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