Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1919)
- Date
- 1919-06-12
- Page
- Seite 739-740 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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739 VOLK und LAND jedenfalls für Seidenbau geeignet, und bei der Neugestaltung der palästinensischen Wirtschaft ist es leicht möglich, daß sich eine Seidenraupenzucht verbunden mit Seidenspinnerei, Seidenfärberei Seidenweberei zugleich mit der Textilindustrie ent- 1 wickeld wird. Die Textilindustrie übertrifft an Bedeutung in Syrien alle anderen Industrien und kann auch in Palästina denselben Rang erreichen. Palästina entspricht, mit seiner Breitenlage — von 30—33 Grad —, derjenigen der Baumwolle; bauenden Zone Amerikas und ist im .Hinblick auf Klima und Boden bis zur Höhe von etwa 1000 Fuß über dem Meere ein für diese Kultur gej eignetes Land. | Gegenüber Aegypten hat Palästina den Vorteil, j daß dort das für Baumwolle geeignete Land fast j 15—20 mal so teuer ist wie in Palästina, und die j Organisationen, die das Kolonisationswerk in Paj lästina leiten, werden eine starke Erhöhung der j Preise zu verhindern wissen. j Die Versuche, die man in den jüdischen Pflan- I Zungen mit Baumwollanbau unternommen hat, i haben zu günstigen Resultaten geführt. Sobald | die jüdische Initiative tatkräftig eingreift, kann es als ausgeschlossen gelten, daß die Baumwolle das! Land verläßt, um als Garn, dazu noch mit einem j Einfuhrzoll belastet, wieder ins Land zu kommen.! Dasselbe gilt von der Wolle, die in großen i Quantitäten von den Beduinenstämmen des Os> | jordanlandes gewonnen wird. Mit der primitiven; Art der Handspindel wird aufgeräumt werden; j moderne Spinnereien werden im Lande entstehen. j Ebenso wird die Weberei und die Färberei,, die seit uralter Zeit in Syrien zu Hause ist, technisch vervollkommnet und ihr Absatz organisiert werden. Die Aufnahmefähigkeit des Inlandsmarktes wird in den nächsten Jahrzehnten proportional der jüdischen Einwanderung und der Weiterentwicklung der arabischen Wirtschaft steigen. Das Kleidungsbedürfnis des Orientalen, dessen Einkünfte auch nur um ein Geringes über das notwendige Existenzminimum hinausragen, ist, wie allgemein bekannt, besonders auffallend, und er verwendet einen weit größeren Prozentsatz als der Europäer zu dessen Befriedigung. Die Begabung des Juden für die Textilindustrie und den TextiK handel ist bekannt. Wenn große jüdische Organisationen zahlreiche Baumwollenanlagen anlegen, und sich im Anschluß an den Baumwollenanbau (und evtl, die Seidenraupenzucht) eine Textilindustrie im Lande entwickelt, so könnte diese Industrie die wichtigste des ganzen Landes werden. Die Zahl der Industrien, die landwirtschaftliche Produkte verarbeiten, — wir geben hier natürlich nur eine unvollständige summarische Uebersicht — ist also nicht gering, und wir glauben auch aus diesem Grunde nicht, daß sich die Gegensätze in Stadt und Land in Palästina so scharf herausbilden werden, wie beispielsweise in England, Amerika und Deutschland. Besonders dann nicht, wenn die Arbeitslöhne derartig sind, daß die Arbeiter sich in einigen Jahren genügend Geld ersparen können, um auf Erbpachtboden sich anzusiedeln und sich dann nebenberuflich mit intensiver Landwirtschaft zu beschäftigen bei einem j Bodenausmaß, das 1 ha wohl kaum übersteigen | wird. Es ist eine ganz eigenartige Erscheinung, j daß in einem Agrarlande wie Palästina fast die Hälfte der eingesessenen Bevölkerung in Städten wohnt. Dies ist darin begründet, daß, abgesehen von Jerusalem, die palästinensischen Städte Landstädte sind — den deutschen mittelalterlichen vergleichbar — die auch jetzt ihren dörflichen Ursprung noch deutlich zeigen und deren Bewohner 740 zum großen Teil nebenberuflich landwirtschaftlich tätig sind. Das Gegenbeispiel findet sich in den jüdischen Kolonien, in denen neben 7500 landwirtschaftlich Tätigen, 4500 in anderen Berufen beschäftigt waren, so daß in den jüdischen Kolonien selbst ein ähnliches Verhältnis zwischen Landwirten und Nichtlandwirten bestand wie in einem Agrarlande (beispielsweise Italien) zwischen Stadt und Land. Auch weiterhin wird sich die Entwicklung in derselben Richtung vollziehen, die wir denen, die an die europäischem Siedlungsverhältnisse gewohnt sind, am besten durch die Begriffe Ackerstadt und Industriedorf näherbringen. Wie wird sich das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter in der palästinensischen Industrie gestalten? Reiner ist auch auf dieses Problem zu wenig eingegangen; er schreibt: ,,Aber es gibt auch eine praktische Lösung. Und sie ist die, daß man dem Menschen wirtschaftliche Freiheit gibt. Denn dieser große europäisch-amerikanische Wirtschaftsapparat kann nur dadurch bestehen, daß man einen Teil der Bevölkerung gewaltsam vom Boden fernhält und nicht gewillt ist, ihm Nahrung zu gewähren, es sei denn, daß er sich in die industriesklaverei begibt.“ Ich bin mit ihm der Ansicht, daß das private Eigentum an Grund und Boden die Voraussetzung für die moderne Indüstriesklaverei gibt und daß der Einfluß des Obereigentums, damit die Verhinderung der Bodensperre, in seiner Wirkung nicht auf die landwirtschaftlichen Verhältnisse beschränkt, sondern für den gesamten Aufbau Palästinas von fundamentaler Bedeutung ist. Es ist hier nicht der Ort, des näheren auf die Wirkung einzugehen, die eine Verhinderung jedes Landlmonopols auf die Arbeitsbedingungen in der Industrie hat. Es sei hier vor allem auf Oppenheimers grundlegende Werke hingewi'esen. (Nebenbei sei bemerkt, daß auch nach Sombart das Erstarken der sozialistischen Bewegung in Amerika zeitlich mit der Sperre des landwirtschaftlichen Bodens zusammenfällt.) Nur mit denen wollen wir uns hier ausein ander setzen, die zwar annehmen, daß die Aufhebung der Bodensperre, und damit die Aufhebung eines besitzlosen Landarbeiter Proletariats, das das Reservoir für eine industrielle Reservearmee bildet, von nachhaltigen Folgen auf die Gestaltung der Arbeiterverhältnisse ist, die jedoch in Frage stellen, ob die Aufhebung der Bodensperre durch Beseitigung des römisch-rechtlichen Eigentums an Grund und Boden auch für Palästina von diesen segensreichen Folgen begleitet sein wird. Die Argumente sind ungefähr folgende: 1. Der Boden Palästinas sei so eng begrenzt, daß auch ein Obereigentum des Staates seine Sperrung in kurzer Zeit nicht zu verhindern imstande sei; daher würden die oben angeführten Folgen nur dann bestehen, wenn beispielsweise in den Nachbarländern, die für eine jüdische Besiedlung in Frage kämen, ein Obereigentum durchgeführt werde, dies sei jedoch nicht der Fall. 2. Der Uebergang zur Landwirtschaft sei bei den Juden anormal im Vergleich zu anderen Völkern. Dort vollziehe sich der Uebergang weit gleitender, einfacher, weil eine außerordentlich große Zahl der städtischen Bevölkerung noch Beziehungen zur Landwirtschaft unterhalte und nur kurze Zeit brauche, um wieder landwirtschaftlich tätig zu sein, so daß in Wirklichkeit die städtische Bevölkerung niemals unter ein Minimum sinken könne, das bei aufgehobener Bodensperre und frei verfügbarem Lande dem auf seiner Scholle sitzenden Erbpächter entspräche. Dies treffe zwar für andere Völker zu, für die Juden, aber nicht; denn diese seien der Landwirtschaft so außerordentlich ent-