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Volk und Land · 1919-06-12 · Heft 24 (12.6.1919) · p. Seite 737-738

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 24 (12.6.1919)
Date
1919-06-12
Page
Seite 737-738 (sequence 5)
Language
German
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737 VOLK UND LAND 738 daß eine größere Anzahl von Kolonisten jährlich angesiedelt werden kann, daß insbesondere die Zahl der Kleinsiedler zu gering angesetzt ist, da viele von denjenigen, die in öffentlichen Arbeiten beschäftigt sein werden, in Zukunft Kleinsiedler werden. An dem Verhältnis von Pflanzungs¬ und Getreidewirtschaft wird dadurch nichts geändert. Das ist auch darin begründet, daß sich die Juden — Ruppin spricht an vielen Stellen seiner Schriften davon — für den Pflanzungsbau, der ihren intellektuellen Fähigkeiten entgegenkommt, weit mehr als für die Getreidewirtschaft eignen. So sind beispielsweise russische jüdische Landwirte ohne jeden Zwang von außen immer mehr zu intensiver Gartenkultur übergegangen und haben die reine Getreidewirtschaft vernachlässigt. Alle Pflanzungen sind auf Export angewiesen, und wenn daher gesagt wird, daß wir Palästina vom Weltmarkt unabhängig machen und uns daher vor allem mit Landwirtschaft beschäftigen müssen, so übertragen die Befürworter dieser Ausführung europäische landwirtschaftliche Begriffe auf Palästina, ohne sich über die Eigenart der palästinensischen jüdischen Landwirtschaft klar geworden zu sein. Wird so die Landwirtschaft zu einem weitaus überwiegenden Teile aiuf Export angewiesen sein, so wird sich ein großer Teil der neu entstehenden Industrie — wie audi Reiner ausführt — aut landwirtschaftlichen Rohstoffen aufbauen, und die in ihm Beschäftigten werden daher schon aus diesem Grunde den Zusammenhang mit dem Lande nicht verlieren. Wenn wir im folgenden kurz auf diese palästinensische Industrie eingehen, soll damit nicht etwa behauptet werden, daß gerade diese Industrie eine Zukunft in Palästina haben würde, sondern es sollen immer nur Möglichkeiten angedeutet werden. Unabhängig davon, ob die weitere Entwicklung in den jüdischen Kolonien zu einer starken Ausbreitung der Gartenkultur führt oder nicht, wird die Mühien-Industrie eine größere Erweiterung erfahren. In dieser Industrie sind die Juden recht gut vertreten. So gibt es jüdische Mühlenbesitzer — abgesehen von vielen Kolonien, die eine Mühle besitzen — in Jerusalem, Jaffa und, wie Trietsch bemerkt, sogar an manchen Orten, in denen keine oder hur wenige Juden wohnen, so in Jebna (Jabne), in Beerseba, in Faludsche und in Burer. Die fortschreitende landwirtschaftliche Entwicklung verbunden mit der Modernisierung der Mühien- Industrie wird das 'Land von der Mehleinfuhr befreien und der Mühien-Industrie ein weites Feld geben. Der palästinensische Weizen ist für feinere Mehlsorten nicht sehr geeignet, dagegen wird inan, sobald sich die Verkehrsverhältnisse gebessert' haben, den weißen, weichen Hauran-Weizen zu diesem Zwecke heranziehen. Auch die Makkaroni-Fabrikation wird bei der steigenden Einwanderung starke Fortschritte machen, da der palästinensische Weizen dafür außerordentlich geeignet ist. Das gleiche gilt von der Fabrikation von Weizenstärke und von der Spiritus-Fabrikation. Durrha, das in Palästina glänzend gedeiht, enthält 60—65 °/o Stärke, die, wie der ehemalige Vorsteher der Versuchsstation in Halle, Professor Merker, feststellfe, einen Spiritus von größerer Einheit ergibt als Mais. Durrha wurde bisher zumeist nach England und Frankreich ausgeführt und dort zur Spiritus-Fabrikation verwendet. Gleichzeitig kann man die Nebenprodukte der Weinbereitung industriell ausnutzen. Schon vor dem Kriege wurde, wie Trietsch berichtet, Weinstein industriell verarbeitet und zu diesem Zwecke der Kellerei in Rischon le Zion eine kleine Fabrik angegliedert. Von größerer Wichtigkeit noch als der Wein- 1 bau ist die Oelerzeugung für Palästina. Der Oelbaum ist in Syrien heimisch, und die Erzeugung von Olivenöl und Seife ist, abgesehen von der Textilindustrie, die wichtigste ganz Syriens. Nach Ruppin*) betrug die Produktion von Olivenöl in ganz Syrien 17 450 000 Okka**). Die Produktion Palästinas kann ganz außerordentlich gesteigert werden; in den jüdischen Kolonien, die bislang wegen der Jugend der Pflanzungen bei der Oel- und Seifenproduktion des Landes nur eine geringe Rolle spielten, sind von Jahr zu Jahr neue Olivenpflanzungen angelegt worden, so u. a. in zahlreichen Kolonien Judäas und Samarias, und in Domänen, die der Nationalfonds errichtet hat. Weiterhin kann man die Fabrikation des Sesamöls ausbauen sowie die der ätherischen Oele, vor allem Thymianöl, Geraniumöl, Lorbeeröl und Anisöl. Auf die weiteren Pflanzungen soll hier nicht eingegangen werden; nur dies sei bemerkt, daß die Marmelade- und Fruchtkonservenindustrien in Syrien ganz außerordentliche Entwiddungsmöglichkeiten haben und ihre Einführung frur eine Frage der Zeit ist. Daran anschließend kann auch eine Gemüsekonservenindustrie entstehen. Die Einführung einer Zuckerindustrie in großem Maßstabe scheint mir eine Frage der Zeit zu sein. Sowohl das Zuckerrohr wie die Zuckerrübe gedeihen im Lande. Versuche in den jüdischen Kolonien haben, wie Ruppin berichtet, bewiesen, daß die Zuckerrübe gut gedeiht und einen viel höheren Prozentsatz von Zucker enthält als in den besten europäischen Rübengebieten. So bieten sich der Zuckerindustrie reiche Entwicklungsmöglichkeiten. Sie wird bei den geringen Produktionskosten wohl schon in absehbarer Zeit an einen Export denken, wird naturgemäß die ausländische Einfuhr beseitigen, die in Syrien ca. 7 kg pro Kopf der Bevölkerung betrug, wird weiterhin die Entwicklung von Marmeladen- und Konservenindustrien beschleunigen und ihre Rückstände werden dem an natürlichem Dünger nicht reichen Lande zugute kommen. Auch die Tabakkultur hat in Palästina noch keine große Verbreitung gefunden; die Gründe hierfür sind im amtlichen Tabakmonopol zu suchen, das dem Aufkommen der Industrie in Palästina bislang hinderlich war. ln diesem Punkte werden sich die Verhältnisse nach dem Kriege völlig ändern. Da nicht anzunehmen ist, daß irgendeine Regierung aus kurzsichtigen finanz-politischen Gründen das Aufkommen dieser für das Land so wichtigen Industrie weiterhin hemmen wird, so wird dieser Erwerbszweig in Palästina einer zahlreichen Bevölkerung den Lebensunterhalt verschaffen. In Aegypten, das selbst keinen Tabak erzeugt sondern diesen sowie das Zigarettenpapier und die Emballage, sogar die Kisten einführt, hat die Zigarettenindustrie, wie bekannt, eine große Ausdehnung gewonnen. Palästina hat durch den eigenen Anbau — die Versuche haben sehr günstige Resultate ergeben — einen großen Vorzug vor Aegypten. . Auch der Inlandsmarkt ist nicht unbedeutend und Wird bei der steigenden jüdischen Einwanderung und bei der Hebung der arabischen Wirtschaftsweise eine große Ausdehnung erfahren. Wie die Weltmarktsverhältnisse für Seide sich nach dem Kriege gestalten werden, kann man jetzt noch nicht übersehen. Der Boden Palästinas ist *) Syrien als Wirtschaftsgebiet. **) Okka 1,28 kg.

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