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Volk und Land · 1919-06-12 · Heft 24 (12.6.1919) · p. Seite 735-736

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 24 (12.6.1919)
Date
1919-06-12
Page
Seite 735-736 (sequence 4)
Language
German
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735 VOLK UND LANDF= -- - ■ 736 der Macht kämpfen, hierzu aber der antisemitische Schlagfast sehr förderlich ist. Schlimm sieht es diesbezüglich in den einzelnen Staaten aus, die an die Stehe des alten Oesterreich-Ungarn traten; am allerschlimmsten freilich in — Polen. — — — Noch sind ihre Grenzen, sowie ihre Beziehungen zueinander und das gegenseitige Verhältnis der Volksstämme innerhalb derselben, sowie zu den Juden nicht geregelt, — weshalb ich mir für einen späteren Artikel die Erörterung dieses Themas Vorbehalte. Aber heute bereits muß mit allem Nachdrucke gegenüber den Aspirationen der tschechischen und deutschen, der polnischen und rumänischen, der magyarischen, serbischen und italienischen Chauvinisten samt ihrem assimilatorisch-jüdischen Anhänge betont werden: „Die Zeit der Unterdrückung ganzer Völker oder Volksklassen oder auch nur der nationalen Minderheiten ist einfür allemal vorüber^. Europas Völker können wählen: „Zwischen nationaler Verständigung und positiver kultureller Arbeit sowie radikaler Gesellschaftsreform einerseits und sozialer Revolution andererseits/' Gerade die Juden aber, die eine über alle Länder zerstreute Minderheit bilden und ein jeden Tag anwachsendes Heer physisch und geistig arbeitender Proletarier repräsentieren, müssen nach Anerkennung als gleichberechtigte Nation und nach Erlangung eines palästinensischen Emigrations- und Kulturzentrums nicht nur unter dem Gesichtspunkte ihrer ethischen Kulturmission, sondern auch unter dem eines gesunden nationalen Egoismus im schärfsten Gegensätze zur Politik der überwiegenden Mehrheit der Assimilanten allüberall, besonders aber in Osteuropa, Mitteleuropa und am Balkan mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln aktiv und passiv die Völkerverständigung und die gesellschaftliche Erneuerung durch eine solche jüdische Volkspolitik fördern, welche ihrer nationalen Eigenart und sozialen Struktur gleichmäßig Rechnung trägt. Darüber, sowie über die Lage der Juden in den einzelnen Nationalstaaten werde ich mich in einem späteren Artikel äußern. UEBER 1NDUSTRIEALISMUS Von Fritz Im Januarheft des „Juden" befindet sich ein Aufsatz von Markus Reiner: „Der Industrialismus", mit dem wir uns an dieser Stelle nicht kritisch beschäftigen wollen. Hier gedenken wir nur, ihn an einigen Stellen zu ergänzen, da Reiner zu kurz auf die spezifischen palästinensischen Verhältnisse eingegangen ist. Es muß zunächst einmal klipp und klar allen denen gesagt werden, die einen Gegensatz konstruieren zwischen einer palästinensischen „Exportindustrie" und einer palästinensischen Landwirtschaft, daß die palästinensische Landwirtschaft zum überwiegenden Teil auf Export angewiesen sein wird, wenn auch dieser Export selbstverständlich unter wesentlich anderen Bedingungen erfolgen wird wie der industrielle. Schon vor dem Kriege waren von der landwirtschaftlich tätigen jüdischen Bevölkerung 3/4 im Pflanzungsbau und nur 1/4 in den Getreidekolonien tätig. Auch nach dem Kriege wird der Pflanzungsbau ungleich schnellere Fortschritte machen als die Getreidewirtschaft. Aus drei Gründen: Einmal ist der Boden Palästinas zur Hälfte nur für Pflanzungskultur geeignet, und die Araber, die weder das Kapital noch die Kenntnisse dafür besitzen, lassen gerade diesen Boden fast unbebaut, so daß sein Uebergang in jüdische Hände viel reibungsloser durchgeführt werden kann als beispielsweise der Uebergang von Boden, der für Getreidewirtschaft geeignet ist. Dies ist von außerordentlich großer Bedeutung; eine der schwierigsten Fragen unseres Kolonisationswerkes wird die Beziehung zu der alt eingesessenen arabischen Bevölkerung bilden. In den Städten werden die Reibungsflächen nicht so stark sein, da die im Entstehen begriffene Industrie Juden und Arabern leicht Beschäftigungsmöglichkeiten geben wird. Auf dem Lande dagegen sind die Gegensätze schon vor dem Kriege scharf gewesen, und kein Vorgang vermag den nationalen Chauvinismus mehr zu entfachen als die Ueberführung von Land aus dem Besitz der einen Nation in den der anderen; wenn wir also den Uebergang ohne große Widerstände durchführen können wie beim Pflanzungsbau, so ist dies ein unschätzbarer Vorteil. Dazu kommt weiterhin die völlige Unrentabilität des .t e rn b e rg. reinen Ackerbaus in Palästina. Oettinger untersucht in seinem Buche: „Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina" die Rentabilität jedes einzelnen Kolonietypus, dabei schneidet die reine Getreidewirtschaft am schlechtesten ab. Er sagt darüber: Der Ackerbaukolonist wird in. Palästina auch bei den bescheidensten Ansprüchen das in seiner Wirtschaft investierte Kapital in den ersten zehn Jahren nur unter den größten Schwierigkeiten bei einem noch so geringen Zinsfuß zu verzinsen imstande sein. . . . Alles in allem angenommen sind in Palästina die Perspektiven, für einen Betrieb auf einem Bodenanteil von 200—350 Dunam und bei Ueberwiegen des Ackerbaues keineswegs günstig. Die Ertraglosigkeit während der unvermeidlichen, schwierigen ersten Wirtschaftsperiode bietet eine schlechte Kreditbaisis. Die Zinslosigkeit während des langen ersten Zeitraumes kann für die Beleihung dieses Betriebstypus nicht werbend wirken. Und wenn auch der Nationalfonds seinerseits im Laufe der zinslosen Zeit auf Zins verzichten wollte und wenn andererseits der Kolonist eigenes beträchtliches Kapital verwenden sollte, so wird doch die Tatsache der Unrentabilität des Ackerbaues in Palästina, wenigstens für die nächste Zukunft, bestehen bleiben. Da die reine Getreidewirtschaft eine Fläche von 200—250 Dunam zum Unterhalt für eine einzelne Familie verlangt, so wird aus diesem Grunde eine stärkere Verbreitung kaum möglich sein. Damit steht in Einklang, daß bei dem Ruppimschen Kolonisationsprogramm für die nächsten Jahrzehnte die Getreidewirtschaft hinter dem Pflanzungsbau und sonstigen intensiven Kulturen völlig zurücktritt. Ruppin rechnet mit 100 Großpflanzern, 400 kleineren Pflanzern, die 600 Arbeiter beschäftigen, 100 Bauern luind 200 Kleinsiedlern, im ganzen mit 1400 Familien, d. h. 7000 Seelen pro Jahr. Allein der Bauer treibt vorwiegend Getreidewirtschaft, die Wirtschaft aller anderen Kolonisten beruht zum großen Teile auf Pflanzungen, zum weitaus kleineren auf Gemüse und Viehzucht. Man kann gegenüber Ruppin behaupten — ich verweise insbesondere auf die Arbeiten von, Davis Trietsch —,

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