Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1919)
- Date
- 1919-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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VOLK LAND JUEDISCiilKPHiMSCHRIFT FUER POLITIK. WIRTSCH^^UND PALAESTINAARBEIT HERAUSGEGEBEN VÖN OAVIS TRIETSCH 12. JUNI 1919 HEFT 24 I. JAHRGANG DAS MITTELEUROPAEISCHE CHAOS UND DIE JUDEN Von Dr. H. K Wer die politische und wirtschaftliche Lage der Juden, ihre Stellung zu den anderen Donauvölkem, sowie weiter die Aufgaben einer jüdischen Volkspolitik in jenen Staaten, die aut den Trümmern des alten Oesterreich-Ungarn entstanden, verstehen will, der muß die sehr komplizierte politische Situation in Mittel- sowie Osteuropa in ihren Einzelheiten richtig beurteilen. Die Entwicklung im letzten halben Jahre zeigt deutlich, daß das österreichische Problem durch die Auflösung des alten Oesterreich-Ungarn und speziell durch den Friedensvertrag betreffs keiner einzigen der verschiedenen Streitfragen — die seit Jahrzehnten zu permanenten Nationalitätenkämpfen führten — gelöst wurde. Mit vollem Rechte schreibt diesbezüglich der „Neue Tag“: „Die Geschichte zeigt nun, daß es wohl möglich war, Oesterreich zu zerschlagen, aber anscheinend unmöglich ist, eine bessere Ordnung an die Stelle der alten Unordnung zu setzen. Denn wir werden jetzt im Herzen Europas nicht ein Oesterreich, nicht ein Reich der kämpfenden und hadernden Völker, sondern drei solcher Staatsgebilde haben. Die Krankheit Oesterreichs ist nicht beseitigt, das Problem nicht gelöst, es ist nur territorial verschoben und vervielfacht worden.“ Ohne Rücksicht auf die traurigen Ergebnisse der früheren Friedensverträge, die Erfahrungen eines fünfjährigen Weltkrieges und bar des Verständnisses für die Ursachen der fünf Jahrzehnte dauernden Nationalitätenkämpfe, die schließlich zum Zusammenbruche des Donaureiches führten, hat dilettantenhafte Diplomatie statt einer Lösung der mitteleuropäischen Fragen ein großes Chaos in Mitteleuropa und am Balkan gezeitigt, welches in wenigen Jahren einen neuen Weltkrieg zur Folge haben dürfte.' Man hat vollkommen übersehen, daß die Ursache der steten Nationalitätenkämpfe in Oesterreich-Ungarn nicht seine übernationale Reichsidee war, sondern die Unfähigkeit seiner Regierungen, diese durch eine föderative Umgestaltung des Gesamtstaates in Einklang zu bringen mit den Lebensbedingungen seiner Völker. Am Dualismus und am Versuche, mittels dieser unnatürlichen Reichsverfassung die Hegemonie der deutschen, sowie besonders der magyarischen Bourgeoisie über alle anderen Nationalitäten und Klassen des Donaureiches zu erhalten; scheiterten alle Versuche, das österreichische Problem auf dem Boden eines Neu- Oesterreich zu lögen. d i s ch , Wien. Statt aber wirkliche Nationalstaaten — bei gleichzeitigem Schutz der nationalen Minderheiten in ihnen zu schaffen — und diese Staatsgebilde nach dem Muster der „Vereinigten Staaten von Nordamerika“, in Form einer Föderation zusammenzufassen, hat man Tschechoslowakien, Deutschösterreich, Polen, Ungarn, Ingoslowien, also voneinander vollständig getrennte „National“-Staaten ins Leben gerufen. In und zwischen diesen tobt nun — in gesteigertem Maße — der Nationalitätenhader fort, der wie in der Vergangenheit so auch in der Gegenwart in den Antisemitismus mündete. Während früher aber die Juden als ein Zwei- Millionen volk im Donaureiche einen Machtfaktor bildeten und bei einer nationalen Organisation in viel höherem Maße hätten bilden können, sind heute die Juden in jedem dieser „nationalen“ Kleinstaaten — abgesehen von Polen und der Ukraine — eine kleine Minderheit und bilden eine quantite negligeable für deren Regierungen und Parlamente. Ihre politische Situation hängt nun sehr enge mit der Konsolidierung der einzelnen Staatsgebilde, dem friedlichen Zusammenleben der einzelnen Völker — die durch den nationalen Minoritätenschutz sehr bedingt ist — und von einer, diesen Tatsachen Rechnung tragenden richtigen jüdischen Volkspolitik in erster Linie ab. Der seit der Zertrümmerung des Donaureiches aber mit der größten gegenseitigen Erbitterung geführte Nationalitätenkampf zwischen Deutschen und Tschechen, Polen und Ukrainern, Italienern und Südslawen, Magyaren und Rumänen, beschränkt sich nicht mehr wie früher auf Redegefechte in Versammlungen, Presse und Parlament, sondern artet besonders in Galizien, Nord- sowie Südungarn zu regelmäßigen Schlachten aus, die aber nicht nur in diesen Territorien zu wiederholten großen Judenpogromen führten, sondern auch in der Bukowina, Siebenbürgen, Slawonien, Bosnien, Böhmen und Mähren in verschiedenen Ortschaften allerdings vereinzelte Exzesse gegen die Juden zeitigten. Hierbei muß konstatiert werden, daß der Antisemitismus in seinen verschiedenen nationalen, religiösen und wirtschaftlichen Schattierungen nicht sich auf einzelne Volksstämme, Konfessionen. Klassen oder Parteigruppen beschränkt, sondern immer mehr verhüllt oder unverhüllt Gemeineigentum wird, zumal da ja in den meisten Staaten die politischen Parteien nicht für Prinzipien, sondern nur für die Erlangung, beziehungsweise Erhaltung