Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 731-732 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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731 VOLK UND LAND 732 gesunderen, kraftvollen Menschentyp wahrscheinlich machen. Widerstandsunfähige, Zerbrechliche und Zerbrochene, Geisteskranke und solche, deren antisozialer Charakter aus Krankhaftem steigt, Blinde, die nur durch andere leben können, scheiden aus. Wir wissen, daß hierbei Ungerechtigkeiten und ZieKvidriges durcheinanderlaufen. Denn auch im Degenerierten können durchaus normale Erbmassen zur Weiterentwicklung kommen. Der behördlichen Maßnahme wird selbst im Sinne der Eugenik ein bedenklicher Spielraum gegeben, und im Einzelfall kann die Hafenpolizei Hoffnungen und Zukunftsmöglichkeiten zerstören. Aber daß die grundsätzlichen Gedanken dieser Eugenik für unsere Aufgaben entscheidend sein müßten, bedarf der Begründung nicht weiter. Leider werden sie sich nicht in unserer Arbeit (jedenfalls zunächst nicht) oder nur in geringstem Ausmaß erfüllen lassen. Des weiteren wird dem Rechnung zu tragen sein, daß die Schrecknisse des Krieges und seine Auswirkungen besonders auf die Juden einzelnen Seuchen gerade in den jüdischen Volksmassen eine ungeahnte Verbreitung gegeben haben sollen. Mit so starkem Schmerz nationaler Stolz dieses Unglück aufnehmen muß, stets bereit und mit Fug berechtigt, diese Verheerungen zu einer leidenschaftlichen Anklage gegen Unterdrücker, Barbaren und gegen die hinter den übelberüchtigten „militärischen Notwendigkeiten“ sich lagernde antisemitische Wollust zu erheben —: der Hygieniker wird sich in apologetischen und sittlichen Entrüstungen nicht bescheiden. Seine Maßnahmen können nicht vor dem „Warum“ halten, sie müssen auf die Tatsachen bezogen werden. Wenn durch grausame Evakuierungen, wenn durch ein unmenschliches Zusammenpressen in bereits überfüllten Pferchen, wenn durch die Entziehung der Nahrungsmittel körperliche Schädigungen gesetzt wurden, so wird er den Makel auf die Urheber legen, aber planmäßig zugreifen, um das Uebel zu beseitigen, um den weiter vordringenden Seuchen kräftig Halt zu gebieten. Aerger als irgendein Volk haben wir unter dem Fleckfieber gelitten — diesem Index des Elends. Hunger, Schmutz, Enge haben seinen Weg vorgebahnt. Und wenn sich der Hochmut der üppigen Etappe darin gütlich tut, die Juden immer nur als die „prinzipiell“ Verlausten zu sehen und sie — da die Laus die Trägerin dieser furchtbaren Seuche ist — gewissermaßen als die „geborenen“ Verbreiter der Krankheit anzusprechen —: unser Handeln darf der Abscheu gegen diese verlogene und eigenes Verschulden deckende Argumentation nicht aus der geraden Richtung drängen. Nicht anders steht es um die Geschlechtskrankheiten. Daß sie in unserem Volke nicht verbreitet waren, lehrt die Statistik unserer Fruchtbarkeit. Gerade im Osten hat der Geburtenüberschuß die haßgeborene Ausrottungspolitik unserer Bedränger zuschanden gemacht. Aber wenn es wahr sein sollte, daß kranke deutsche und österreichische Soldaten, in schmählicher Ausnutzung von Armut und Hunger, ihre Krankheiten in das jüdische Haus getragen haben, wenn es wahr sein sollte, daß dann von hier aus die Infektionen weitergeschleppt wurden, So sind die Tatsachen nicht unter moralischem Gesichtspunkt zu prüfen, sondern Befehle an unseren Tatwällen. Gerade bei dem gesteigerten jüdischen Schamgefühl wird der Hygieniker gedoppelte Aufmerksamkeit dieser das Mark der Nation — seine Fruchtbarkeit — mindernden, ja zerstörenden Seuche zuwenden müssen. Wir hoffen, daß die Angaben über die Ansteckumgsquellen falsch sind. Aber da die Tatsache, daß ein bedenklicher Prozentsatz der Soldaten krank war, nicht anzuzweifeln ist, muß in rigorosester Weise Klarheit gewonnen werden; und wenn das Furchtbare erwiesen wäre, mit einer Leidenschaft zugegriffen werden, die nur die zumi höchsten gespannte nationale Verpflichtung gegen uns und unsere Zukunft geben kann. Allein darüber hinaus muß der gegebene Wanderungszweck entscheidend bleiben. Unsere Wanderer werden nicht — wie etwa in Amerika — in den Hafenplätzen bleiben. Sie werden sich über das Land verbreiten, ein jeglicher zu seiner Arbeitsstatt. Wenn gewiß auch diese Binnenwanderung zunächst in den natürlichen Verhältnissen ihre Begrenzung findet, die Pioniere, die Streckenarbeiter müssen in aller Ungunst der gesundheitlichen Zustände ihr Werk beginnen. Hier zeigt sich das Wesen der sozialen Wanderung. Und die Erfahrungen des Krieges in diesen Gebieten haben gelehrt, wie ungeheuer schwer die geforderten Opfer waren. Selbst die deutschen Unternehmungen etwa zum Suezkanal — geschützt durch ein Aufgebot von Aerzten, Pflegern und Sanitätsmaterial — sind im letzten Grunde an den Krankheiten gescheitert, die kaum einen Mann verschobt haben. Gewiß werden die Erleichterungen der Nahrungsmittelzufuhr, die größere Leichtigkeit im Abtransport von Kranken und alle aus d?r Nähe nun verfügbaren Eisenbahnen und sonstiger ungefährdeter Vehikel gebotenen Sicherungen das Ausmaß der Gefahren mindern können. Aber wir vergessen nicht, daß Neuland zu erschließen ist nach einer vierhundertjährigen türkischen Verwaltung! Hier kann nicht der begeisterte Wille des Chaluz, sondern nur die Auswahl der Geeigneten, deren Konstitution eine schnelle Anpassung gewährleistet, einen (relativen) Schutz bringen. Diese Ueberlegungen werden es zu einer gebieterischen Pflicht machen, die internationalen Bestimmungen auszuweiten und für unser Menschenmaterial und für unsere besonderen Zwecke zu ergänzen. Einsetzen muß die Hygiene bereits bei den ersten Vorbereitungen der Auswanderung. Wir wissen noch nicht, in welcher Weise sie organisiert werden wird. Aber dieses ist gewiß: jede Auswanderungsorganisation, in der die Hygiene nicht einen den sozialen, besitztümlidhen, beruflichen Verhältnissen übergeordneten Platz einnimmt, ist lückenhaft! Vernachlässigung wird hier zur Versündigung. Wenn wir annehmen, daß in allen Auswanderungszentren Kataster der Bereiten angelegt werden, so wird zu fordern sein, daß neben den persönlichen Angaben ein genauer gesundheitlicher „Steckbrief“ angefertigt werden muß. In jedes Büro gehört ein seiner Aufgaben und seiner nationalen Pflicht bewußter Arzt! Er wird sich nicht mit einem allgemeinen gesundheitlichen Urteil abfinden können,- sondern versuchen — eventuell unter Benutzung methodischer Untersuchung — voraufgegangene Infektionskrankheiten anamnestisch zu sichern. Fleckfieber-, vor allem Typhusimmune werden natürlich als „angepaßtere“ erscheinen. Zu empfehlen wäre (da die Maßnahme in keinem Fall schädlich ist), schon bei der Katastrierung eine Impfung gegen Pocken (evtl, gegen Typhus) vorzunehmen und den vollzogenen Akt in die Stammrolle zu vermerken. Wird diese ärztliche Mitwirkung, wie zu wünschen, hauptamtlich vollzogen, so ist hier die Gelegenheit für die hygienische Aufklärung. Denn sie ist im sozialhygienischen Arsenal die wirkungsvollste Waffe. Broschüren sind jedem Auswanderungsbereiten in die Hand zu geben, die fernab von aller populär-medizinischen Belehrung, schlicht und eindringlich die notwendigen Kenntnisse vermitteln. Denn auf Gefahren aufmerksam zu machen* heißt oft schon sie beseitigen. Und wenn der Einzelne den Sinn der hygienischen Forderungen begriffen hat, wird er daraus Folgerungen Für sein Handeln ziehen — und dieses um so bereiter, als er bei Zeiten erkennt, auf welche ungeahnten Schwierigkeiten seine Auswanderungsabsicht stoßen kann! Die zweite Etappe befindet sich im Auswanderungshafen, in dem sich die bereits Aufgerufenen versammeln. Eigene Halten für Auswanderer und auch solche für jüdische Auswanderer waren bereits hie und da vorhanden. Aber das jüdische Interesse beschränkte sich darauf, für eine rituelle Kost zu; sorgen. Auch noch gegen-