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Volk und Land · 1919-05-29 · Heft 22-23 (29.5.1919) · p. Seite 733-734

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 22-23 (29.5.1919)
Date
1919-05-29
Page
Seite 733-734 (sequence 33)
Language
German
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733 VOLK UND LAND 734 über den allgemeinen Bestimmungen werden hier besondere Maßnahmen unserer Behörde geboten sein. E? wird der „Steckbrief“ kontrolliert erweitert; akut Kranke werden ausgesondert und die durch die Abfahrtzeiten des Schiffes gebotene Quarantäne für Aufklärung und nochmalige Untersuchung verwendet. Die dritte Etappe ist das Schiff. Nach der Schiffsordnung muß auf jedem Dampfer, der für den Transport von Menschen verwendet wird, ein Arzt zur Verfügung stehen. Sein Aufgabenkreis ist genau bestimmt; io erster Reihe steht die Behandlung akuter Krankheiten und Zufälle. Nebenher ist die Ueberwachung der hygienischen Einrichtungen und der Verkehr mit der Gesundheitspolizei seine Aufgabe. Italien, das von allen Ländern die größte freiwillige Auswanderung aufweist, hat hier eine von uns nachzuahmende Institution geschaffen: sie hat 60 Aerzte in ihren Dienst gestellt, die — in vollkommener Unabhängigkeit von dem „festen“ Schiffsarzt — jeden Transport begleiten und gewissermaßen die hygienische Vertretung der Auswanderer darstellen. Sie sorgen, daß die internationalen Gesetze wirklich beachtet werden, daß alle gesundheitlichen Verpflichtungen ' wirklich erfüllt werden, und daß Unterkunft und Ernährung auf dem Schiff und in den Landuingshäfen nach den Vereinbarungen gewährt werden. Daisie nur der Regierung gegenüber verantwortlich, im übrigen vom Kapitän und den Schiffahrtsgesellschaften vollkommen , unabhängig sind, werden sie zu rechten Vertretern nationaler Interessen und der Humanität. Die Zwischendeckserfahrungen hätten ein ähnliches j Institut auch für die jüdischen Wanderer schon längst notwendig gemacht. Jetzt ist es nicht mehr zu umgehen! Und es wird sich hier aus dem engeren Zusammenleben mit den Wanderern noch der besondere Vorteil eigeben, daß der Bericht an unseren Hafenarzt Verschwiegene? aufdedcen und drohende Gefahren bei Zeiten ankündigen : kann. Die endgültige Aufnahme erfolgt im Hafen. Hier! ist grundsätzlich zu fordern, daß die Mandatarmacht j unserem Wanderungsamt die Ueberwacbung aller in? Land kommenden Personen überläßt. Deren, wenn mein Vorredner mit Recht darauf aufmerksam gemacht hat, daß es im Lande keine Hygiene für Juden geben kann, j wenn nicht in gleicher Weise auch die niditjüdische Bevölkerung von ihr erfaßt und geschützt wird, so gilt dieser zugleich humane wie praktische Grundsatz auch für die Einwanderung. Man vergesse nie; der oberste Leitsatz der sozialen Hygiene muß lauten: „Es kann der Beste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Wir haben in unserem Sonderfalle nicht sowohl die arabische Einwanderung zu berücksichtigen, die immerhin nur sehr mäßig ist und (bei der Größe des sonstigen arabischen Siedelungslandes) nur mäßig bleiben wird, als vielmehr die um die Osterzeit anschwellende Zahl russischer Pilger. Sie kommen aus dem gleichen Milieu iund den gleichen Quellgebieten der Kriegsseuchen. Es ist eine systematische Untersuchung aller Zuwandernden zu fordern. Die leicht scherzhafte Polonäse, die gemeinhin üblich war, kann nicht genügen. Dieses Examen wird natürlich die von den Vorinstanzen gegebenen Berichte benutzen müssen. Nach dem Ergebnis werden alle Verdächtigen (mit besonderer Berücksichtigung jener, auf die der jüdische Schiffsarzt bereits die Aufmerksamkeit gelenkt hat) isoliert werden. Die Kranken kommen in das Hafenlazarett. Bei den anderen werden Blutuntersuchungen diagnostischen Anhalt geben. Jedenfalls im Anfang wird gesetzmäßig eine Serumuntersuchung auf Syphilis nach dem Wassermann sehen (oder einem noch bequemeren Verfahren) vorzunehmen sein. Gegebenenfalls könnte diese Blutentnahme, die schmerzlos und ungefährlich ist, bereits auf dem Schiff vorgenommen werden. Nach kurzer Zeit wird sich zeigen, was an der Behauptung von der Durchseuchung der Juden wahr ist und danach wäre die Untersuchung auf solche Personen zu beschränken, die irgendwie symptomatisch verdächtig sind. — Mit Rücksicht auf die Fleckfiebergefahr ist die Desinfektion allen Gepäcks zu fordern. Es gibt jetzt genug Verfahren, die eine komplette Vernichtung der Läuse (ihrer Larven und Nissen) ohne jegliche Beschädigung des Materials sicherstellen. Die Reinigung des Menschen ist erforderlich. Es wird die Aufgabe des Gesundheitstechnikers sein, von den mannigfachen im Kriege angegebenen und erprobten Baracken die unseren Zwecken am besten entsprechende Entlausungsanlage zu wählen. Die Organisation ist somit in der Weise zu schaffen: In iedem Hafen ein (eventuell dem städtischen Krankenhaus angegliedertes) Hafenlazarett mit Isolierabteilung. Das hier schon notwendige Laboratorium übernimmt die notwendigen Blutuntersuchungen. Am Hafen eine Quarantänestation, Entlausungsanlage, Waschbaracke und die Unterkunftshalle, in der die gesäuberten und unverdächtigen Zuwanderer bis zu ihrer weiteren Bestimmung bleiben. Nach Auslese der Kranken und Verdächtigen und Erfüllung aller hygienischen Forderungen liegt kein Grund für eine sonstige Beschränkung ihrer Freiheit vor. Wenn auf die Uebertragung des gesamten Hygienedienstes an unser Auswanderungsamt besonderer Wert gelegt wird, so geschieht es nicht zuletzt, um auch durch zweckdienliche Maßnahmen die Zuwanderung vom Lande her überwachen zu können. Der Hafen ist eine übersichtliche Stätte. Hier kann durch geeignete Wegeführung und rechte Ordnung eine einfache und nicht quälerische Durchführung der Maßnahmen gesichert werden. Für die Zuwanderung auf dem Landwege ist aber eine starke behördliche Autorität notwendig, um so mehr, als ja eine chinesische Mauer das ganze Gebiet nicht umzieht. Einige Zugänge sind geographisch wahrscheinlich, und wenn auch nicht anzunehmen ist, daß sich durch diese Pforten ein breiter Auswanderungsstrom ergießen wird, so bleibt zu berücksichtigen, daß hier ein Menschenmaterial zu ei warten steht, das — wie etwa orientalische Juden, nach einem ausgiebigen türkischen Kulturgenuß — der sozialen Hygiene ohne jedes Verständnis gegenübersteht. An solchen Uebergängen, deren Ueberwacbung wohl auch verwaltungs- und zolltechnisch notwendig ist, können kleinere Anstalten für Sanierung errichtet werden. Durch die Organisierung des Meldewesens in den einzelnen Zielorten ist nach englischem Muster zudem in der Folge eine Möglichkeit der Kontrolle gegeben. Meine Damen und Herren! Indem ich auf die Ausführungen meiner Vorredner verweise, erübrigt es sich hier noch einmal die ungeheure Wichtigkeit der sozialhygienischen Maßnahmen herauszuarbeiten. Wir werden (hoffentlich nicht erst durch erneute schmerzliche Erfahrungen) einsehen müssen, daß das höchste Gut eines Volkes — der Mensch ist. Er ist wahrhaft nationales Kapital. Wir haben kein Recht, es zu verwirtschaften. Allein, im Zusammenhänge mit meinen Andeutungen ergibt sich eine rein praktische Folgerung. Wir suchen nach neuen Existenzmöglichkeiten. Indem wir die öffentliche Hygiene in unsere Hand nehmen, ist ein großes Gebiet, das etwa in Deutschland jüdischen Aer2ten und Gesundheitstechnikern verschlossen war, aufgemacht. Zu den Vorbereitungen für Palästina wird bei jüdischen Akademikern die Ausbildung in der Staatsmedizin gehören dürfen, die bisher vernachlässigt wurde. Das Land braucht nicht nur Arbeit, sondern auch Kenntnisse. Große und gründliche Kenntnisse sind die schnellsten Vehikel der Uebersiedlung; die sicherste Grundlage einer Existenz.

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