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Volk und Land · 1919-05-29 · Heft 22-23 (29.5.1919) · p. Seite 727-728

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 22-23 (29.5.1919)
Date
1919-05-29
Page
Seite 727-728 (sequence 30)
Language
German
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727 728 VOLK UND LAND Das eigenartige Klima verlangt naturgemäß besondere Maßnahmen. Alle Häuser sollten grundsätzlich quer zur herrschenden Windrichtung gebaut werden, das heißt bei dem herrschenden Westwind mit der Längenentwicklung des Grundrisses von Norden nach Süden. Die guten Himmelsrichtungen für Wohn- Und Schlafräume sind die West- und Nordseite, nach der Südseite soll man möglichst wenig Fensteröffnungen machen und untergeordnete Räume, die Treppe, Aborte u. dergl. dorthin verlegen. Die Ostseite hat die Vorteil des häufigen Abendwindes, aber auch den Nachteil des Sirokkos, der bisweilen doah 3 Monate im Jahre wehen kann. Unter allen Umständen muß man die Häuser gut durchlüften können, deshalb ist es gut, nicht mehr als zwei geschlossene Räume hintereinander anzulegen. Man wird durch geeignete Isolierung der Grundmauern und des Erdgeschoßfußbodens trockene Räume und Mauern bekommen,’ und versuchen, durch entsprechende Maßnahmen die Gewalt der erbarmungslosen Sonne abzuschwächen und kühle Räume zu erzielen. Daß es sich von selbst versteht, die Wasserverhältnisse hygienisch einwandfrei zu machen, daß man Brunnen und Zisternen mit allen sanitären Vorbeugungsmaßregeln bauen wird, ist klar. Ebenso wird man jedem Siedler die Wohltat einer Bade- oder zum mindesten Duscheeinri^htung verschaffen. Mindestens ebenso wichtig ist die hygienisch einwandfreie Beseitigung der Abwässer und Fäkalien, welch letztere man in landwirtschaftlichen Siedlungen im ganzen Umfange der Ackerbestellung zuführen wird. Es werden solche jämmerliche Zustände unmöglich sein, über die Frau Meisel-Schochat so beweglich klagt, daß bei einem Gebäude, das 20 000 Frcs. gekostet hat, Wasah- und Aborträume einfach vergessen worden sind. Es hieße ein ganzes Buch über das’ palästinensische Bauwesen schreiben — und ich kann Ihnen verraten, daß ich an einem Buch über das palästinensische Bauwesen schreibe und es bald zum Abschluß gebracht zu haben hoffe —, wollte ich Ihnen auch nur einen Teil von dem sagen, was über die Anlage von Siedlungen und Häusern in Palästina zu sagen ist. Aber über all dem Vielen soll und wird niemals vergessen werden, daß bei allen baulichen Maßnahmen auf die ökonomische Seite, das heißt die Sparsamkeit, das größte Gewicht gelegt wird; zumal bei Bauten, die aus nationalen Mitteln errichtet werden. Hier wird die jüdische Architektenschaft nie veigessen, daß sie der ganzen Nation gegenüber für die verständige und sparsame Verwendung der Mittel verantwortlich ist. Gerade bei Massenbauten wie es Unsere Siedlungen werden, können durch an sich geringfügige Maßnahmen Tausende ebenso verschleudert wie eingespart werden. — Darum wird man darauf bedacht sein, die Dimensionen der erforderlichen Räume nicht größer zu wählen, als sie für einwandfreie Wohnverhältnisse ausreichen; die Mauern und Decken nicht stärker zu machen, als sie eine erträgliche Innentemperatur gewährleisten, die Treppen nicht breiter zu machen, als ,gie bei dem Mangel an schweren Möbelstücken erforderlich sind, kurz, man wird sparen, wo es nur immer phne Schädigung der Bewohnbarkeit geschehen kann. Dazu gehört in allererster Linie die Verwendung von Baustoffen, die sich auf oder in der Nähe der Baustellen befinden; so wird man in Gegenden Palästinas, in denen Lehm gefunden wird, die Häuser aus luftgetrockneten oder gebrannten Lehmsteinen bauen, also im Jordantal und anderen Flußtälern. Im Gebirge wird man entweder den natürlichen Felsstein (Kalk- oder Sandstein) verwenden, oder wenn man in Beton baut, die natürlichen Gesteine als Kleinschlag im Beton verwenden. Vielversprechend ist die maschinelle Herstellung von Kalksandsteinen, die bei Bauten am Meeresufer zwischen Sanddünen und dem Kalksteingebirge billig herzustel'en sein werden. Grundsätzlich möchte ich sagen, daß im allgemeinen jede endgültige Bauausführung jedem Provisorium vorzuziehen ist. Provisorische Bauten sind nichts halbes und nichts ganzes. Das Geld für sie ist meistens herausgeworfen. Man hört jetzt überall von sparsamen und Ersatzbauweisen, die unter geheimnisvoll tönenden Namen die Bauwelt erregen. Von diesen Bauweisen sind nur die gut, die schon von altersher bekannt sind und nur wieder verbessert ans Licht gekommen sind, so zum Beispiel die alte biblische Lehmbauweise, die als Lehmdrahtbau ihre Auferstehung gefeiert hat Die übrigen sind eben nur Ersatz. Und was Ersatz ist, das wissen wir ja alle zur Genüge. Jedenfalls wäre es leichtfertig, sich durch Anwendung solcher Bauweisen in Experimente zu stürzen, die einem recht teuer zu stehen kommen können. Denn um festzustellen, ob diese Bauweisen etwas taugen, und ob sie sich im palästinensischen Klima bewähren, müßte man doch wenigstens eine längere Erfahrung, sagen wir von 10 Jahren, gemacht haben, während diese Bauweisen nicht älter sind als ein Jahr. Mir Und vielen anderen ist eine Wand aus Ziegelstein oder aus Werkstein tausendmal lieber als alle Ersatzbauweisen der Welt. — Eine Notwendigkeit aber leuchtet auch dem Laien ein, nämlich die, in Palästina ein Materialprüfungsamt zu errichten, in welchem die verschiedenartigen Baustoffe des Landes und die verschiedenartigen Bauweisen auf ihr Verhalten dem Klima gegenüber, auf ihre Wärmedurchlässigkeit, ihre hygroskopischen Eigenschaften und dergleichen laufend untersucht werden. Bauten sind und waren immer Kulturdokumente. An ihnen kann man, wie an einem Wasserstandsglas das Niveau des Wassers in einem Kessel, das geistige und künstlerische Niveau eines Volkes äblesen. Bau Jen sind auch das einzig sichtbare Kulturdokument; und die ganze Welt, die sich für uns und Palästina und das, was wir Juden darin und daraus machen werden, interessiert, wird darauf sehen und unsere Fähigkeiten und! unser Kulturniveau danach beurteilen, was es von uns greifbar sieht, nämlich nach unseren Bauten. Das könnte uns ja ganz gleichgültig sein und vielen von uns ist’s ja auch wohl ganz egal, was die Leute da zu sehen bekommen. Und es ist nicht etwa erdacht, sondern ein oft gehörtes Wort: ich will nicht schön, ich will billig bauen! Leider liegt die Sache bei uns so, daß vielen, ja der Mehrzahl der Juden völlig die Empfindung dafür fehlt, was an einem Hause schön ist Denn es mangelt ihnen jegliche Schulung zum Geschmack. Für den diesen Leuten fehlenden Sinn muß das Bauamt und die gesamte jüdische Architektenschaft mit mustergültigen Leistungen einspringen. Nicht daß da mit Säulen und Ornamenten gewirkt wird, nicht daß wir mit Stilformen herumexperimentieren, nicht daß wir Bauten aus Gohisiändern äußerlich nachahmen, nicht daß wir russische Holzhäuser oder Schweizer Villen oder kalifornische Plantagen bauen oder indische Bungalows kopieren. Europa hat durch diesen StiJmischmasch in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts seine Städtebilder zumeist unrettbar verdorben. Es wäre andererseits ebenso verfehlt und unsinnig, mit Gewalt in kurzer Zeit einen jüdischen Nationalstil durch krampfhaftes Gebären neuer Bauformen schaffen zu wollen. Niemals sind Baustile von heute auf morgen entstanden. Nein, wir wollen und werden unsere Häuser durch anständiges Material, Zweckmäßigkeit gute Proportionen wirken lassen und vor allem wollen wir sie dem orientalischen Charakter Palästinas anpassen. Das kann und wird nur in enger Anlehnung und Weiterbildung der Bauformen und Hättsformen gelingen, die seit biblischen Zeiten ihre Bewährung für Klima pnd Lebensgewohnbeiten hunderttausendfach bewiesen haben und wie sie schon unser Altmeister Bezalel gebaut hat Darin soll und wird die Schönheit unserer Bauten beruhen. Das, was dem arabischen Architekten im Blute liegt, daß seine Bauten so erscheinen läßt, als waren sie aus dem palästinensischen Boden herauserwaehsen, das

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