Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 725-726 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649295--0463-2649813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
725 VOLK UND LAND 726 bauamtes gemeinsam Verträge mit Unternehmern und j Fabrikanten Europas oder Amerikas abschließen über J Lieferung von Baumaterialien, die es in Palästina nicht j gibt, insbesondere von Eisen in jeder Form, Zement, Glas, Bau- und Tischlerholz, Farben und dergleichen mehr. Diese Männer werden dafür ö&rgen, daß Geräte und Gerüste, Betonmasthinen, Hobelbänke, Eisenscheren j und dergleichen beschafft werden. An seine Hauptauf i gäbe wird das Bauamt aber erst herantreten, wenn es nach Palästina übergesiedelt sein wird. Niemand, und sei er noch so tüchtig, kann eine Siedelung bauen, ohne das Terrain zu kennen. So muß sich der Nationalfonds oder der sonstige Käufer von dem Stab der Hochbautechniker bei der Wahl und bei dem Kauf der Qrundstücke beraten lassen. Da sind Untersuchungen des Baugrundes auf Tragfähigkeit anzustellen, ferner ist darauf Rücksicht zu nehmen, wo und wie Wasser zu beschaffen ist, Untersuchungen sind vorzunehmen, ob sich die Lage des Terrains zu den Windrichtungen, sein Gefälle^ seine Bodenbeschaffenheit und vieles mehr zur Bebauung eignet, ferner ob die Straßen- und Verkehrsverhältnisse günstig liegen. Alles Dinge, bei deren rechtzeitiger Ueberlegung und Untersuchung viel Geld erspart werden kann, das sonst nutzlos verpufft wäre. Sind dann die Grundstücke erworben und vom Landmesser vermessen und nivelliert, dann erst kann das Hochbauamt die endgültigen Bebauungspläne und Kostenanschläge aufstellen. Dann werden die Straßenzüge und Grundstücksgrenzen festgelegt, die öffentlichen Plätze und Grünflächen reserviert, festgestellt, welche Straßen für offene Bauweise, welche für Reihenhäuser vorgesehen sind; die Pläne für die öffentlichen Gebäude, das Gemeindehaus, Ledigenheim, Schule, Krankenhaus, Spritzenhaus und das eventuell erforderliche Gemeinde-Küchenhaus und Waschhaus, die schon vorbereitet waren, werden endgültig fertiggestellt, kurz alle Aufgaben gelöst; die die neuzeitliche Städte- und Siedelungsbaukunst erfordert. Jetzt werden die Gruppen der Bauhandwerker und Landarbeiter unter Leitung ihrer Architekten und Werkmeister auf die künftigen Siedelungen entsandt; sie beziehen | daselbst die vorbereiteten Zelt- oder Barackenlager und j beginnen die Siedelung zu erbauen. Für ihren Lebensj unterhalt sind Nahrungsmittel und Feldküchen, ein Feldlazarett und dergleichen bereitgestellt. Gleichzeitig Sind die airfgespeicherten Baumaterialien je nach Bedarf nach den verschiedenen Baugeländen verteilt und transportiert, so daß der Bau der Siedelung ungehemmt in Angriff genommen werden kann. Wenn, wie geschildert, die technischen Arbeitskräfte und die Baumaterialien einheitlich durch das Bauamt zusammengefaßt sind, so { liegt der Gedanke nahe, alle aus öffentlichen jüdischen Mitteln, also aus dem Nationalfonds oder wenigstens 1 mit Unterstützung desselben zu errichtenden Bauten, { das heißt alle Siedelungen, Krankenhäuser, Gemeindehäuser, Schulen usw., durch das Bauamt auszuführen. Das bedeutet, daß das ßauamt das Heer der Bauhandwerker und ungelernten Arbeiter selbst anwirbt und löhnt und mit dem aus nationalen Mitteln erworbenen Baumaterial selbst baut. Das bedeutet eine Sozialisierung des Bauwesens, bei dem die Baubeamten vom obersten herunter bis zum Techniker ebenso wie Bauhandwerker und Arbeiter feste Bezüge erhalten. Man wendet immer ein, daß solche Arbeiterbeamtenschaft uninteressierter und darum teuerer baut als das Privatunternehmertum. Aber ich glaube, daß die Techniker und Bauarbeiterschaft die Größe 3er Aufgabe, für den Wiederaufbau Palästinas zu arbeiten würdigen und begreifen und ihr 'bestes an Kraft für dieses Ziel einsetzen werden. Es kommt noch hinzu, daß das Bauamt durch den Massenbezug aller Baumaterialien, und durch Ausschaltung des Zwischenj händler- und Bauunternehmergewinnes mindestens ebenso; wohlfeil bauen wird, wie der Privatunternehmer. Das j ist naturgemäß nur ein Vorschlag, aber einer, der emj steste Beachtung verdient. Denn auf alle Fälle würde diese „Nationafbautätigkeit/‘ auf die Preisbildung des Bauunternehmertums regulierend einwirken, so daß dieses, tim konkurrieren zu können, seine Unternehmergewinne derart reduzieren müßte, daß es nolens volens zu einer gemeinnützigen Baugesellschaft wird, d. h., daß es sich mit einer angemessenen Verzinsung seines Anlagekapitals begnügt. Für die Privatbautätigkeit, sei e$, daß sie durch Bauunternehmer, oder durch Baugesellsdhaften, oder durch die Bauherren selber ausgeübt wird, die sich einzelne Bauhandwerker annehmen, wird Palästina ein großes Feld bilden. Ebensowenig wird die Tätigkeit des Hochbauamtes den Privatarchitekten das Wasser abgraben; denn es ist selbstverständlich jedem Bauherren unbenommen, sich sein Bauprojekt von dem Architekten seines Vertrauens anfertigen zu lassen, besonders wenn auch dessen künstlerischer Geschmack ihm zusagt. Er wird und muß sich nur die Ueber Prüfung seiner Pläne durch das Bauamt, das die Bau polizei ausübt, gefallen lassen. Doch davon später. Wir alle machen uns ein mehr oder weniger klares Bild davon, wie es in 5 oder 10 Jahren in Palästina ausseheti wird. Wir Bauleute aber sehen vielleicht noch deutlicher im Geiste die zahlreichen Siedlungen vor uns lind freuen uns über den einheitlichen, soliden, charaktervollen und zweckmäßigen Eindrude, den alle Bauten machen, die so gebaut worden sind, wie wir sie erdachten. Doch um diesen Traum zu verwirklichen, müssen auch grundsätzlich alle Baulichkeiten bestimmte Forderungen erfüllen, die ich kurz auseinandersetzen will. Es sind das keine neuen unerhörten Forderungen, sondern Dinge, die sich bei einem, guten Gebäude von selbst verstehen, wo es auch immer gebaut werden mag. Man sollte meinen, es gäbe keine selbstverständlichere Forderung als daß ein Gebäude zweckmäßig wäre, das heißt, daß es den Wohn- und Lebensbedürfnissen angepaßt sei. Aber für den Einwanderer, der vor neue, durch das Klima bedingten Wohn- und Lebensbedürfnisse gestellt ist, ist diese Frage durchaus nicht leicht zu lösen. Es würde weit über den Rahmen dieses Vortrags gehen, hierüber Anleitungen geben zu wollen. Ich weise nur kurz darauf hin, daß man in Palästina am liebsten im Freien haust, und daß deshalb große überdeckte Hallen und Loggien lebensnotwendig sind; daß man sich nicht mit dem Wust von Mobiliar plagen soll und braucht sondern nach Möglichkeit alles in eingemauerten Wandschränken und Nischen unterbringt; daß das Mietshaus ein dem ganzen Orient wesensfremdes Element ist und daß das schöne Ziel zu erstreben ist, daß jeder Einwanderer sein Häuschen hat. Daß sogar die vielgenannten Reihenhäuser nur aus Ersparnisgründen zu rechtfertigen sind und nie die Vorzüge eines von allen Seiten von Licht und Luft umspielten Hauses "bieten können. Jeder Bau soll dauerhaft und solide gebaut sein. Gerade in Palästina - istgegen diese Grundbedingung anständigen Bauens gesündigt worden! Davon können die Rechnungsbücher der Ica oder anderer Gesellschaften, die gebaut haben, die fabelhaftesten Dinge erzählen! Fehlte es doch fast allen Bauleuten Palästinas an fast jeder Vorbildung in technischer Hinsicht. Das wird nun anders. Daß ein Haus nur aus guten Baumaterialien und nach den besten Regeln der Technik erbaut werden wird, wird bald hoffentlich selbstverständlich sein. — Man wird überall nur einfache Konstruktionen an wenden, die wenig Instandsetzungsarbeiten erfordern und wird die Bewohner dazu erziehen, daß sie entstehende Schäden schon im ersten Stadium der Entstehung sofort beseitigen. — Dann werden jüdische Bauten sich stets wohltuend von den arabischen unterscheiden, die schon wenn sie gerade fertig geworden sind, den Eindruck von Ruinen machen.