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Volk und Land · 1919-05-29 · Heft 22-23 (29.5.1919) · p. Seite 723-724

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 22-23 (29.5.1919)
Date
1919-05-29
Page
Seite 723-724 (sequence 28)
Language
German
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723 VOLK UND LAND 724 Seite der städtebaulichen Aufgaben. Und hier hat es Palästina entschieden besser als Europa. Es kann die Erfahrungen des Abendlandes als Unterbau benutzen und auf ihnen aufbauend eine städtebauliche Tätigkeit entfalten, die eine neue Entwicklung dieser Materie bedeuten wird. Es mag die Frage naheliegen, ob man sich nicht ebenso wie beim einzelnen Haus auch an die arabische Städtebauweise anlehnen könnte. Die Zeit drängt, die Einwanderung wird nach Frie densschluß einsetzen, und für die berufliche Erschließung Palästinas ist noch wenig geschehen. Einzig die Arbeitsgemeinschaft zionistischer Architekten bereitet die Planung der dringendsten Bauarbeiten vor, hat aber infolge der beschränkten, zur Verfügung stehenden Mittel, nur einen aus ihrer Mitte für einige Monate honorieren können, der sich einzig mit diesen Arbeiten beschäftigt, während die übrigen in freiwilliger Arbeit ihre Erfahrungen und Anregungen beisteuern. Geld, Geld und immer wieder Geld ist die Macht, die Palästina aus den kleinen Anfängen heraus zu einem großortigen Siedelungsgebiet machen soll. Woher dieses Geld stammt, ob es der Nationalfonds gibt, ob umfangreiche Sammlungen es herbeischaffen sollen, oder ob Kapitalisten es hergeben, kommt für diese Untersuchung nicht in Frage. Die Hauptsache ist, daß es nutzbringend angewandt und nicht verpulvert wird. Eine straffe Zentralisation für das palästinensische Bauwesen ist erste Bedingung. Kein planloses wildes Bauen ohne Zusammenhänge, ohne leitende Gesichtspunkte, ohne technische, hygienische, städtebauliche, verkehrstechnische Vorkenntnisse, ohne Kenntnis von Land und Leuten und vorhandenen Baumaterialien, ohne Erfahrung in Wasser-, Wind- und Temperaturverhältnissen. Ein Mann soll an die Spitze des palästinensi sehen Bauwesens gestellt werden, ein Mann, der als Mensch wie als Fachmann, als Verwaltungsbeamter wie als Politiker überragt. Es muß ein Techniker sein, kein reiner Vervvaltuhgsbeamter oder Jurist. Seinen Stab bildet ein Ingenieur, ein Wasserbauer, ein Maschinenbauer, ein Landmesser und ein Kaufmann. Unterdiesemm Stabe arbeiten Techniker und Gehilfen der verschiedenen genannten Berufe. Damit wäre ein Ministerium der öffentlichen Arbeiten für Palästina oder auch das jüdische Bauamt geschaffen, mit einem Leiter an der Spitze und einer Reihe ihm unterstellter Dezernenten. Die Einsetzung dieses Bauamtes ist meines Erachtens sofort nötig. Denn, wenn es auch erst in Palästina zu voller Wirksamkeit kofamen kann, kann es doch schon von hier aus eine Fülle dringendster Aufgaben lösen. Zunächst ist in allen Golusländern durch Umfrage festzustellen, welche und wieviele Jünger des Bauwesens und Angehörige technischer Berufe zu Einwanderung bereit sind, ferner ob sie und wann sie die SJebersiedelung ins Werk setzen wollen. Es wird ferner zu ermitteln sein, ob Leute darunter sind, die für gewisse Spezialgebiete des Bauwesens vorgebildet sind. Anderen wird man Gelegenheit geben, sich in bisher fremden Sondergebieten auszubilden, für die es von vornherein noch keine Spezialisten gibt. Es werden sich aus dieser Schar Leute herausschälen, die das Gebiet des Städtebaus oder das der Wohnungsfürsorge als Sondergebiet erwählen, wieder andere, die siph mit der Baupolizei oder der Bauverwaltung, oder mit Lüftungs- und sanitären Einrichtungen im besonderen beschäftigen. Manche werden den Ersatzbauweisenv dem Lehmbau usvv. ihr besonderes Interesse zuwenden. Andere, die ihre Begabung mehr auf die Innenarchitektur verweist, werden sich mit der Möbelfabrikation vertraut machen und sich dem Studium der Typenmöbel widmen. Und schließlich wird sich jemand intensiv mit den Methoden der Materialprüfung beschäftigen. Wie der Stab sich für die besonderen Aufgaben Palästinas heranbildet, so wird er es auch für eine der wichtigsten Aufgaben halten sofort aus den Leuten, die sich für Palästina melden, geeignete Bauhandwerker heranzubil den. denn es ist ein altes Leiden, daß bei Juden in Deutsch land für die leitenden Stellen jedes Faches rin Ueberan gebot von Persönlichkeiten zur Verfügung steht, tSchemarja Lew in sagte einmal: Bei den deutschen Juden wollen alle Offiziere sein!), während es an Handarbeitern und Handwerkern fehlt. Hier gilt es mit Beschleunigung und Hochdruck, Maurer und Zimmerleute, Stein metzen, 'Putzer, Spezialisten für Massivdecken, Tischler, Klempner, Rohrleger, Dachpappenklcber, Schlosser. Estrichspezialitäten und andere mehr bei guten Handwerkern jeder Art des Baugewerbes unterzubringen und auszubilden. Neben dieser Aufgabe, Klarstellung über die Zahl der Männer vom Bau, die für Palästina zur Verfügung stehen, und darüber informiert zu sein, ob für aÜe in Frage kommenden Aufgaben des Bauwesens Spezialisten vorhanden sind oder ausgebildet werden, arbeitet die Hochbauabteilung, für die ich hier allein sprechen kann, die Pläne für die in Palästina nötigsten Bauarbeiten aus. Sie projektiert Einwanderungsläger in größtem Stil mit Unterkunftsräumen für tausende verheiratete und unverheiratete Siedler, mit den dazugehörigen Quarantänestationen, Krankenhäusern, Zentralküchen, Waschanstalten usw. Um das Heer der Bauhandwerker und Bauarbeiter, das diese Läger bauen wird unterzubringen und um den Arbeiter gruppen Unterkünfte zu schaffen, die nomadisch bei öffentlichen Arbeiten beschäftigt sind, müssen Zelt- und Barackenlager gebaut werden. Wenn die englische Heeresleitung der palästinensischen Leitung solche Läger käuflich überläßt, so ist dies gewiß zu begrüßen. Wo nicht, müssen Zelte und Baracken so billig wie möglich gekauft werden. Das für diese Läger Feldküchen, Wasch- und Duschgelegenheiten und hygienisch einwandfreie Abortanlagen beschafft werden müssen, ist selbstverständlich. Das Bauamt legt schon hier auf Grund der Studien von Oppenheimer, Oet tinger und anderen und auf Grund der in andern Ländern gemachten Erfahrungen die Parzellengrößen der einzelnen Siedler fest, nach Maßgabe, ob es sich um gemüsegärtnerische, rein landwirtschaftliche, viehz.üchterische, Industrie- oder städtische Siedelungen handelt, und projektiert Idealpläne ganzer Siedlungen, soweit solches ohne genaue Kenntnis der besonderen in Aussicht ge nommenen Terrains möglich ist. Sie schafft schon hier die Normen und Typen für die in Palästina tausendfach zu erbauenden Häuser und Bauteile. Für Ein- und Mehrfamilienhäuser,. für solche mit 1, 2, 3, 4 Und mehr Stuben, für Einzelhäuser und Reihenhäuser, für Wirtschaftsgebäude, Scheunen und Ställe; für öffentliche Gebäude in Siedelungen und sö fort. Die Bauabteilung stellt ferner Normen fest für Bauteile, die tausendfach in gleichen Dimensionen und in gleicher Ausführung Vorkommen werden, also für Fenster in bestimmten Größen, Türen, Zwischenwände, Dächer u. a- Sie bestimmt die Dimensionen von diesen Bauteilen und gibt durch diese Normalisierung und Typisierung den einzelnen Baugliedern die Möglichkeit raschen und sparsamen Bauens. Das Hochbauamt wird sich die Beschaffung und Lagerung der erfor derlichen Baumaterialien in großem Maßstabe angelegen sein lassen. Es muß schon von hier aus palästinensische Steinmetzen in Sold nehmen und sich an den Hauptplätzen des Landes riesige Läger behauener Werksteine, an anderen Stellen Millionen lufttrockener oder gebrannter Lehmsteine herstellen und lagern lassen. Es wird Lagerhäuser errich ten lassen, in denen die aus Europa ankommenden Materialien wie Zement und Eisen, Glas und Holz unter Dach und Fach und unter Verschluß zu bringen sind. Ebenso muß es schon jetzt nach den Normen für Türen und Fenster viele hunderte Exemplare bei palästinensischen Tischlern auf "Vorrat anferbgen lassen. Schließlich werden Kaufmann und Techniker des Hoch-

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