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Volk und Land · 1919-05-29 · Heft 22-23 (29.5.1919) · p. Seite 703-704

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 22-23 (29.5.1919)
Date
1919-05-29
Page
Seite 703-704 (sequence 18)
Language
German
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703 - VOLK UND LAND ■■■■■■»■ ■ 704 DIE FINANZIERUNG DER PALAESTINA-KOLON1SATION Referent: Hane Goslar. Inmitten des Chaos eines in sozialen Umwälzungen begriffenen, politisch sich neuformenden, wirtschaftlich und kulturell um Generationen zurückgeworfenen Europa geht das jüdische Volk mit dem unzerstörbaren Gleichmut, der einer unendlich langen Leidensgeschichte entspricht, einem starken Vertrauen auf den, der sein Schicksal von Anbeginn geformt hat und einer hohen und selbstbewußten Einschätzung seiner Kräfte seine Grundlagen verdankt, an den Wiederaufbau seines alten Heims. Dieses Selbstbewußtsein verführt die an der Arbeit des Aufbauens des neuen Palästina tätigen Kreise und Männer jedoch nicht dazu, die ihrer harrenden Schwierigkeiten zu unterschätzen. Sie täuschen sich nicht einen Augenblick darüber, daß es ebenso schwer halten wird, diie wirtschaftlichen und finanziellen Grundlagen der Siedlung zu schaffen, wie im Rahmen der kulturellen und innerpolitischen Arbeit die vielfach noch heterogenen in Palästina in naher Zukunft zusammen,strömenden Elemente zu einem einheitlichen Volksganzen zusammenzuschweißen und einen Gemeinschaftsgedanken heranreifen zu lassen, der alle Glieder des neuen Landes auf Gedeih und Verderb sich eins fühlen läßt. Die Aufgabe dieses Referates ist die Skizzierung des Planes, den wir uns von dem finanziellen Grundriß des gesamten Kölonisationswerkes machen. Lassen Sie mich zunächst Ihnen die leitenden Gedanken vorlegen, die für mich bei der Ausarbeitung dieses Planes maßgebend gewesen sind. Einmal: Die Finanzierung der Kolonisation darf in ihren Anlagen und Grundzügen nicht nur auf die mehrere Jahrzehnte währende Zeit des eigentlichen neuen Kolonisationswerkes zugeschnitten sein, gewissermaßen auf die palästinensische UebergangsWirtschaft vom Bestandteil einer durch türkische Mißwirtschaft, Systemlosigkeit und Rückständigkeit in Verfall geratenen türkischen Provinz zum rationell und intensiv bewirtschafteten Agrarlande mit bedeutendem industriellen Einschlag. Es müssen sich vielmehr, bei allen Zweckdienlichkeiten für den Augenblicksbedarf, doch bereits aus dem jetzt aufgestellten Programm die Umrisse der zukünftigen finanziellen und wirtschaftlichen Organisation des später konsolidierten Landes deutlich erkennbar hervorheben. Es muß bereits klar ersichtlich sein, in welches System später all die jetzt zu schaffenden Institutionen eingegliedert werden sollen, und es sollen darüber hinaus möglichst schon jetzt d i e grundlegenden Einrichtungen geschaffen werden, deren frühzeitiges und gesichertes Funktionieren so wichtig ist, deren Arbeitsart aber auch so tief in die gesamte Wirtschaft des Landes einschneidet, ihr Gedeihen beschleunigen, aber auch bei nicht richtiger Anlage stark hemmen kann, daß die juristische Persönlichkeit, in deren Händen die Maßnahmen zum Aufbau des Landes sich zentralisieren werden, der „common wealth“, ihre Schöpfung selbst übernehmen muß. Und weiter: Die ^Kolonisation soll sich, das ist der Wunsch der überwiegenden Menge der zur Auswanderung bereiten Gruppen in aller Welt, so vollziehen, daß durch Uebernahme eines möglichst umfassenden Areals an Boden durch den „common wealth“, bzw. durch von ihm geschaffene gemeinnützig arbeitende Institute den Siedlern in Stadt und Land der Boden nicht spekulativ verteuert wird. Der Finanzplan wird also sowohl die Fragen des Bodenkaufs, der Parzellierung, Beleihung, wie auch der Pachtverhältnisse ländlichen und städtischen Grundbesitzes zu berücksichtigen haben. Sodann: Aus einigen Ländern, in denen sehr bedeutende jüdische Massen den Tag des Aufbruchs nach Palästina herbeisehnen, werden die Auswanderer nur mit außerordentlich schweren finanziellen Opfern herübergehen können. Die Zerrüttung der russischen Finanzen, das Chaos in dem jungen Polen, das bereits mit der Hypothek erheblicher Sdiulden und Geldnöte j belastet ist, die trostlosen Zustände in den T e ii 1 -; Staat en der ehemaligen Habsburger Monarj cbie bringen einen Tiefstand der Valuten dieser | Länder auf dem internationalen Geldmarkt mit sich. Es j wird daher auch in diesem Zusammenhang die Frage J der künftigen Währungsverhältnisse in , Palästina und zugleich der etwa zum Ausgleich der Valuta-Differenzen zu treffenden Maßnahmen zu prüfen sein-. Zum Schluß endlieh ein Leitgedanke, der mir besonders wesentlich erscheint und auch von Ihnen jedenfalls iiieore tisch, hoffentlich aber auch in der von mir gezogenen praktischen Nutzanwendung nicht angefochten werden wird: Das ganze Finanzierungsprogramm soll eine nach Möglichkeit enge Verkettung des Diaspora-Judentums mit der neuen Siedlung bewirken. Das jüdische Interesse für Palästina in wohl allen Ländern mit großer jüdischer Bevölkerung ist so rege, wie nie. seit den Zeiten Sabbatai Zewis. Diese starke Anteilnahme darf nicht aus Mangel an der Möglichkeit aktiver Mitarbeit für alle die, die in den Ländern ihrer Geburt bleiben, erkalten. Sie muß in Hilfeleistung bei der Arbeit des Aufbaues umgesetzt und auch später wachgehalten werden. Nicht nur durch Spenden, so berechtigt an sich der Gedanke ist, /daß diejenigen, die, um mit Zuckermann zu sprecheli, ihre „sicheren Lebensplätze“ nicht in die Schanze schlagen, die nicht an eine Neugründung ihrer Existenz drüben gehen können und wollen, durch große Spenden für unseren Land- und Kolonisationsfo/ids am Erwerb des Grund und Bodens und damit an der Schaffung billigen Volkslandes für unsere Pioniere mithelfen sollen. Aber das Mittel der Spende a'lein genügt nicht. Es müssen Möglichkeiten und Wege gefunden werden — und ich werde neben dem älteren Projekt der Volksanleihe zwei diesbezügliche eigene Vorschläge besprechen — erhebliche Teile des jüdischen Kapitals in der Diaspora dauernd auf der Basis rein geschäftlich e r Nutzbarmachung und Verträge in Palästina arbeiten zu lassen und damit zweierlei zu erreichen: Ausreichende und nicht zu teuere Leihkapitalien für die palästinensische Wirtschaft, ohne doch Ln zu weitgehende Abhängigkeit vom internationalen Kapitalmarkt zu geraten. Und eine gewisse Betätigungsmöglichkeit für die Kreise, die unserem Werk mit Sympathie gegenüberstehen und denen es daher Freude bereitet, zu wissen, daß ihr erspartes und arbeitendes Geld für die jüdische Sache arbeitet. Diese Grundsätze, neben den selbstverständlichen Leitgedanken, daß zum Experimentieren keine Zeit und daß das Geld des jüdischen Volkes hierfür zu gut ist, daß wir in den Bahnen gesunder und solider Finanzpolitik zu gehen haben, sind es, auf denen meine Ausführungen im Einzelnen aufgebaut sind. Bemerken möchte ich ferner noch eins, Ich habe mich überall da, wo es irgend anging, auf die Ruppinschen Pläne gestützt, weil ich der Ansicht war, daß das bloße Aufstellen eines theoretischen Finanzgerüstes seitens eines Mannes, der die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes im einzelnen nicht kennt, nur einen äußerst bedingten Wert haben kann gegenüber dem', was ein so kluger Volkswirtschaftler und noch dazu vorzüglicher Landeskenner, wie der Leiter unseres Kolomisationswerkes, zu sagen hat. Ich habe es deshalb auch strikt vermieden, etwa aus einer Eigenwilligkeit heraus oder lediglich aus der Freude am selbständigen Projektemachen da abweichende Forderungen aufzustellen, wo ich irgendwie mit Ruppin einig gehe« könnte. Ich will nun zunächst auf die Frage des Geldbedarfs eingehen, da eine ungefähre Fixierung der fürs erste benötigten Stuntmen die unentbehrliche Voraussetzung für alle Finanzierungspläne bildet.

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