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Volk und Land · 1919-05-29 · Heft 22-23 (29.5.1919) · p. Seite 699-700

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 22-23 (29.5.1919)
Date
1919-05-29
Page
Seite 699-700 (sequence 16)
Language
German
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VOLK UND LAND 700 Ö99 Heimat zurückgingen. Man versuchte es schließlich d:rmit, die Eingeborenen selbst /um rationellen Weinbau an/uleiten. ln der kurzen Zeit weniger Wochen waren sie so weit, auch die feinsten Arbeiten, w e das Schneiden und Pfropfen, besser ausztiführen als die spanischen Winzer. Was hier primitive Kabylen und Berber sich angeeignet haben, können wir Juden mit unserer angeborenen Geschicklichkeit auch. Manche werden nun sagen, die Juden seien körperlich für die Landwirtschaft nicht geeignet. Auch dagegen ist vieles einzuwenden. In manchen Gegenden Amerikas wird die schulpflichtige Jugend zur Landwirtschaft in bester Form angehalten. Die Kinder nehmen die Lehren der Fachleute leicht an, während die Alten meist allzusehr geneigt sind zu glauben, daß sie es auf Grund ihrer generationenlangen Erfahrung besser verstehen. Tatsächlich erzielen aber diese Kinder, denen dabei doch sicherlich nicht mehr Arbeit zugemutet werden wird, als ihren schwachen Kräften entspricht, unvergleichlich bessere Ernten als die Eltern, denen die Vorstellung dm Wege steht, als ob sie ihre Sache selbst besser verstünden. Auch wir Juden sind in dieser Beziehung noch nicht verdorben. Wir kennen weder die Landwirtschaft noch ihre rückständigen Methoden und haben mindestens dieselben Möglichkeiten wie jene Kinder. Wenn der englische Dichter und Sozialist, Bernard Shaw, sagt, der Landwirtschaft werde Gedeihen kommen von den Leuten, die aus städtischen Beruf aufs Land kommen und keine alt eingewurzelten Vorurteile haben, so entspricht das genau unserem Falle. Weitaus der größte Teil aller landwirtschafLiehen Produkte der Welt wird noch heute mit Methoden erzeugt, die schon vor Hunderten und Tausenden von Jahren üblich waren. In Palästina besonders wird noch gegenwärtig mit einem so primitiven Pflug gepflügt, wie ihn wahrscheinlich schon unser Vater Abraham gebrauchte. Das werden wir anders machen. Wir werden die modernsten und rationellsten Hilfsmittel in unserer Landwirtschaft haben und so die höchsten Erfolge erzielen. Auch Industrie und Handwerk können mit der Landwirtschaft zur Harmonie der Gartenstadt und des Industriedorfes vereinigt werden. Wir brauchen für unsere neue Kolonisation auch das Prinzip der großen Kolonie. Solche Ansiedlungen, wie wir sie bisher hatten, wo ganz wenige über 1000 Einwohner haben, weitaus die meisten aber unter 300, ja sogar unter 100 Zurückbleiben, können wir nicht als etwas Erstrebenswertes hinstellen. Die Lage in solchen kleinen Kolonien ist sehr wenig vorbildlich. Man kann dort weder ordentliche Schulen unterhalten, noch Aerzfe und sonstige gemeindliche Einrichtungen; die Kolonisten entbehren dort auch fast alle kulturellen Errungenschaften, die eine jüdische Kolonie lebensfähig machen. Wir müssen mit Kolonien von 1000 bis 2000 Seelen beginnen, die sogar möglichst so angelegt sein sollten, daß sie in einigen Jahren auf 5000 bis 6000 Seelen anwachsen. Nur solche Kolonien können außer allen kulturellen und gemeindlichen Einrichtungen, auch die notwendigen Eisenbahnverbindungen haben und damit erst wirklich alle Vorteile von Stadt Und Land und diejenige beste Verbindung von kulturellen und sozialen,' wirtschaftlichen und sanitären Verhältnissen genießen, die wir für unsere neue Kolonisation brauchen und die uns allen als Ziel vorschwebt. Schließlich mögen noch einige häufig geäußerte Besorgnisse betreffs der industriellen Möglichkeiten und der „gesundheitlichen Gefahren“ Palästinas hier behandelt werden. In der Frage der Industrie Palästinas taudhen gelegentlich Zweifel auf, ob bei dem Mangel an Kohle und Eisen eine Industrie möglich wäre. Aber wenn wir sehen, daß beispielsweise die Schweiz eine außerordentlich starke und vielseitige Industrie entwickelt h..t, ch e eigene Kohle und Eisen zu besitzen, daß in ihrer Industrie sogar der Maschinenbau, der gewiß viel Eisen braucht, eine sehr große Rolle spielt, daß daneben aber in allererster Linie eine blühende Textilindustrie steht, obwohl der Schtveiz alle Faserstoffe fehlen, und daß sie schließlich unter anderem noch eine Schokoladenindustrie hat, zu der der Kakao doch auch nicht in der Schweiz angepflanzt werden kann, so sollte es hinreichend klar sein, daß die Industrie durchaus nicht in solchem Maße von den eigenen Rohstoffen abhängig ist, wie man gewöhnlich annimmt. In der Schweiz, wie in unserem neuen jüdischen Palästina ist eben die Grundlage der Industrie eine intelligente und arbeitsfreudige Bevölkerung. Was aber doch die Kohle oder sonstige Betriebskräfte betrifft, so kann Palästina bei besser entwickel'.er Industrie die Kohle gut in ganzen Schiffsladungen zu so billigen Preisen beziehen, wie Port Said, wohin die Fracht vor dem Kriege nur sieben Schilling zu kosten pflegte. Außerdem hat aber Palästina — wiederum ähnlich wie die Schweiz — in den Wasserkräften einen vollgültigen Kohlenersatz für zahlreiche Zwecke. Außerdem kommt auch Petroleum in Betracht, für dessen Vorkommen in Palästina zahlreiche Spuren und Anzeichen bestehen. Schließlich wird man auch den Pflanzenwuchs des Meromsees, ähnlich, wie man es am oberen Nil tut, zu Briketts pressen können, die einen guten Kohlenersatz bieten. Auch Torf findet sich in der gleichen Gegend Nordpalästinas. Eine besondere Kraftquelle aber haben wir in der Sonne Palästinas. Sonnenkraftmaschinen sind seit etwa 30 Jahren vereinzelt konstruiert worden. Kurz vor dem Kriege war in der Nähe von Kairo eine hundertpferdige Anlage dieser Art aufgestellt worden, die bereits gut funktionierte. Schon beim ersten Auftauchen dieses Problemes hatten große Techniker sich dahin geäußert, daß die weitere Ausbildung dieser Kraftgewinnung ge»—' eignet sein wird, die industriellen Verhältnisse auf unserem Planeten zu verschieben. Die Industrie werde im Laufe der Zeit ihre Hauptstandorte nach den Ländern mit starker Sonne verlegen. Die Küsten Syriens, Aegyptens und Arabiens wurden schon damals als aussichtsreiche Gegenden künftiger Industrieentwicklung bezeichnet. Nun sind die Juden auf ihrer Wanderung nach Palästina das erste hochindustriell veranlagte Volkselement, das in dichter Siedelung in ein Land mit starker Sonne geht. Ihnen steht ein großer Anteil an der Entwicklung dieser neuen Kraftquelle bevor. Ich Habe den Plan der Gründung eines jüdischen Technikums in Haifa schon gleich zu Anfang auch in der Hinsicht begrüßt daß unseren dort ausgebildeten Technikern gerade die wichtige Aufgabe der Verwertung der Sonnenwärme in der Industrie wie im Haushalt ein besonders ~ dankbares Feld bieten wird. Was die sanitären Verhältnisse Palästinis betrifft, so sind darüber neuerdings recht merkwürdige Mißverständnisse aufgekommen. Der berechtigte. Wunsch der medizinischen Fachleute, die hygienischen Zustände des Landes so günstig wie möglich zu gestalten, hat zu einer starken Uebertreibung der gesundheitlichen Gefahren des Landes geführt. In Palästina gibt es Malaria, aber es ist weit davon entfernt, etwa ein malariaverseuchtes Land zu sein. Man kennt die verhältnismäßig wenigen Malariagegenden und man kennt neuerdings auch die Methoden der Bekämpfung dieser Krankheit. Diese Bekämpfung kann sogar lokal durchgeführt werden. Beispielsweise hat die „Amerikanische Kolonie“ in Jerusalem schon seit langem durch ganz einfache Maßnahmen der Sauberhaltung usw.

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