Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 697-698 (sequence 15)
- Language
- German
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Ö97 VOLK UND LAND 698 des Gartenbaues, der Bauinzucht, der Vieliwirtschaft usvv. Die grobe Arbeit werden wir zwischen möglichst vielen Maschinen und möglichst wenigen ungelernten Arbeitern verteilen. Die letzteren liefert uns j einstweilen vorwiegend die östliche Einwanderung, die uns viel zu wenig Akademiker und Fachleute bringt.; Hier müssen Mittel- und Westeuropa, Amerika usw. aushelfen. Aber mit Fachleuten — nicht mit Bauern und Viehknechten! Das Pachtverhältnis ist übrigens durchaus 1 icht der einzig mögliche Weg. Beispielsweise wäre es keine schlechte Lösung, das gesamte Bauwesen (wenigstens für die minderbemittelten und besitzlosen Einwanderer) auf der Grund'age einer besonderen Aktion im Kredit wege zu ordnen. Dies könnte so geschehen, daß ein großer Baufonds — der sowohl selbständig wie auch als besonderer Teil der nationalen Anleihe denkbar wäre — die Baufragen auf sich nimmt. Hier könnte dem Kapital eine Verzinsung von 5 °.o ohne weiteres garantiert werden. Die bisherigen Mielsverhältnisse waren ja in Palästina derartige, daß ordentliche Wohnungen schon überhaupt schwer zu haben waren und daß selbst für sehr minderwertige Wohnungen Mietserträge von 10 bis 15 o/o gefordert und auch ganz allgemein gezahlt wurden. Eine Verzinsung von 5 °/o, erhöht durch etwa 1 o/o für Verwaltung ünd Instandhaltung und eventuell ein weiteres Prozent für Amorti sation wäre durchaus innerhalb dessen, was eine Bevölkerung leisten kann, die ja nach unserem Plane nicht bloße Mietswohnungen, sondern Häuser innerhalb von Erwerbsheimstätten zur Verfügung hätte, deren Erträge auch bei nebenberuflicher Bewirtschaftung ein Vielfaches der Hausmiete und der Bodenpacht ausmachen. Was den Boden betrifft, so wäre dieser vom Nationalfonds oder von einer entsprechenden Institution zu stellen. Bei den kleinen Landflächen, die ich proponiere (etwa 1 ha pro Heimstätte) wäre der darauf entfallende Pachtbetrag so gering, daß es recht unwichtig wird, ob man für den Boden ebenfalls 7 o/o oder 5 °;o oder Pur 3 O/o Pacht verlangt. Auch die letztere Normierung wäre durchaus denkbar, da der Boden eine absolut sichere Grundlage bietet, und da 3 °o immerhin schon mehr sind als die Verzinsung der englischen Konsols. Aber auch 7 °b kämen in Frage, weil (neben der Einheitlichkeit mit der voraussichtlichen Mietszählung) der (Jeberschuß für weitgehende Ameiiorierung oder sonst ifh Interesse der Angesiedelten verwendet werden könnte. Wenn wir den Hektar Land mit durchschnittlich 500 Francs ansetzen, so wären 3 °/o schließlich nur 15 Francs im fahr und 7 % wären 35 Francs. Dies hieße also eine monatliche Abgabe von 1 Vi bis annähernd’ 3 Francs.! Was die Zahlungen für das Haus betrifft, so würde sich bei dem eben gezeigten System die Möglichkeit ergeben, den Wünschen des einzelnen Ansiedlers Rechnung zu tragen. Wer sich lieber mit einem Hause für 1000 Francs begnügt, hat dann eben nur etwa 6 Francs im Monat zu bezahlen; wer auf die Wohnung so viel Wert legt, daß er lieber einen größeren Betrag für Miete aufbringt, wird auch ein Haus für 5000 Francs oder mehr sich gönnen können, da die hierfür erforderliche Zahlung von (bei 7 °/o 350 Francs im Jahr) auch nach den bisherigen Verhältnissen in Palästina und auch in vielen der früheren Wohnländer der Betreffenden nicht allzu hoch erscheint. Nach Haus und Land kämen dann noch die Installationskosten. Soweit diese sich auf Ameiiorierung und Vorbereitung des Landes erstrecken, können diese Summen ganz oder teilweise zum Bodenkapital geschlagen werden. Die übrigen Installationen wie Mobiliar und Inventar, wie auch der Unterhalt bis zu den Erträgen ließen sich soweit die eigenen Mittel auch hierzu nicht ausreichen sollten, auf kreditgen-ossenschaftücher Basis beschaffen, wofür die Leihkassen auf Gegenseitig keit, wie sie schon vor dem Kriege in Palästina be standen, bereits Vorbild und Anhaltspunkte geben. Noch eines: Vor dem Kriege war die Einwanderung nach Palästina noch gering, und es konnte uns lieb sein, wenn die Einwanderer möglichst viel Land erwarben. Jetzt wo wir eine Millionensiedlung vor uns sehen und vorbereiten müssen, da müssen wir von Anfang an sparsam mit dem Boden umgehen und darauf bedacht sein, daß nicht an Einzelne zu große Landstücke definitiv vergeben werden, wodurch für die große Mehrzahl der später kommenden Einwanderer bald nichts übrig bliebe. Wenn auf die einzelne Familie in einem so ausgesprochenen Gartenbauland wie Palästina ein Hektar vorbereiteten Bgjlens kommt, so ist die Grenze der Erwerbsmöglichkeit nicht beim Lande zu suchen, sondern bei der Arbeit! Auch wollen wir das Bodenmaß nicht größer ansetzen, als — in der Hauptsache — den eigenen Arbeitskräften in jeder Familie entspricht. Gleiches Landmaß für alle. Kein Verhältnis von Herr und Knecht im neuen Palästina! Hier einige wenige Beispiele für die Möglichkeiten so kleiner Bodenflächen bei intensiver Wirtschaft, ein deutscher Gärtner bei Haifa ist bei einem Besitz von nicht ganz drei Viertel Hektar, die er mit 4 Arbeitskräften bearbeitete, ein wohlhabender Mann geworden. Als er wegen vorgerückten Alters sein winziges Besitztum verkaufen wollte, verlangte er dafür 60 000 Francs, und niemand fand diesen Preis übertrieben, ln den Vereinigten Staaten werden Schulkinder im Gemüse- und im Gartenbau unterrichtet, wobei sie auch in praktischer Arbeit das Gelernte zu verwerten haben. Hierbei wurden mit den schwachen Kräften von Kindern zwischen 12 und 14 Jahren Erträge von 3 Francs pro Quadratmeter (!) — und zwar im Vorkriegswert und bei billigen Marktpreisen — erzielt. Schließlich noch ein jüdisches Beispiel aus Mitteleuropa. In Breslau hat man kürzlich jüdische „Schrebergärten“ eingerichtet. Also kleine Parzellen auf leerstehenden Bauplätzen zur Gewinnung von Gemüse und dergleichen. Der Landwirtschaft gänzlich ungewohnte Juden erzielten hier eine erste Ernte von beispielsweise einem Zentner Tomaten aus 12 Pflanzen und 4% Zentner Kartoffeln von 100 Quadratmeter Land. — Eine Unmenge von Beispielen hoher Erträge seitens ähnlicher Neulinge habe ich in meinem Buche „Jüdische Emigration und Koloni sation“ (dem „Buch der Tausend Wunder, der Tatsachen und der Ansiedlungsmöglichkeiten1', wie es Hugo Schachtel genannt hat) zusammengetrajen. Wer hier nachbest, was für Elemente sich in kürzester Zeit in erfolgreichen Gartenbau hineingefunden haben, der wird wohl alle Zweifel auch in jüdische und palästinensische Möglichkeiten aufgeben. Wir wollen mit den besten wiitschaftlichen Methoden ein Maximum an Erträgen erzielen. 'Auch hinsichtlich des Ackerbaus waren die jüdischen Palästinafreunde bisher in schwerwiegenden Irrtümern befangen. Fast allgemein herrscht die Ansicht, daß die Juden in Palästina sich vorwiegend mit dem Ackerbau beschäftigen müßten, den sie doch am wenigstens verstehen. Dennoch werden wir zur Landwirtschaft in einem nicht allzu langen Zeitraum, und zwar sogar zur Landwirtschaft für alle und in einer sowohl den Juden lyie dem Lande Palästina am besten angepaßten Form gelangen können. Auch der Uebergang braucht nicht übermäßig viel Zeit. In Algerien haben die Franzosen es lange mit ansehen müssen, wie mangels eigener oder eingeborenen Fachleute für die feineren Arbeiten in den Weinbergen dort Jahr für Jahr spanische Winzer herüberkamen und mit dem verdienten Gelde nach getaner Arbeit in ihre