Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 695-696 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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695 696 VOLK UND LAND dienstzeit gewöhnt gehabt. Eine solche werden wir nicht; nötig haben. Wir werden aber statt dessen eine Arbeitsj dienstzeit einrichten können., die iin Gegensatz zu der - militärischen,- die auf Zerstörung oder bestenfalls auf | Verteidigung gerichtet war, den Aufbau unseres; Landes und Volkes bewirken und jedem Eini zelnen Freiheit und Selbständigkeit schon ) in jungen Jahren schaffen soll. ' j Ich glaube nämlich, daß wir von Staatswegen in der Lage sein werden, für eine solche Arbeitszeit ein hohes Aequivalent zu bieten. Es wird möglich sein, eine solche Dienstzeit von ungefähr drei Jahren in denselben oder ähnlichen Altersstufen wie bisher beim Militär einzurichten. Der Staat wird im Stande sein, für die abgeleistete Arbeitsdienstzeit jedem Einzelnen den Anspruch auf eine Er werbsheimstätte bieten zu können. Das wäre etwas, was beispielsweise noch keiner Arbeiterschaft in der Welt geboten worden ist Es übersteigt auch bei weitem sogar jede bisherige sozialistische Forderung 1 Nun wäre die Frage, ob der Staat tatsächlich mit ungelernten Arbeitern so großes leisten könne. Was die Arbeit betrifft, so hat es sich im Kriege tausendfach gezeigt, daß der ungelernte Arbeiter fast alles kann. Die 150 Mann irgendeiner Kompagnie waren Tischler, wenn man gerade Tischler brauchte, und Brückenbauer, wenn man diese nöt'g hatte, sie konnten Häuser bauen, wenn es hierauf ankam, und ersetzten Landwirte in der Landwirtschaft. Immer waren ein paar Leute dabei, die die betreffende Arbeit verstanden und den anderen zeigten. Was nun die anderen können, können wir auch. Juden haben solche Arbeiten im Kriege ja vielfach ebenfalls mitgemacht und auch so gut wie Nichtjuden geleistet. In unserem Falle wird noch dazu der Zweck der Arbeit ganz anders begeisternd wirken. Was nun das Arbeitsquantum in einem Dienstjahre betrifft, so können wir uns auf Prof. Ballod berufen, der auf Grund von Dingen, die sich in der Praxis bewährt haben, dartut, daß ein Jahrgang einer Arbeitsdienstzeit ausreicht, um in der Landwirtschaft zu produzieren, was die ganze Bevölkerung zu ihier Ernährung braucht, eventuell mit Hinzunahme der Erntehilfe durch die schulpflichtige Jugend. Sollte man das nicht wollen, so kann man ja die Arbeitedienstpflicht hierfür auf etwas langer als ein Jahr ausdehnen. Nun werden manche fragen, woher man das Geld nehmen wird, um allen Arbeitern nach Ableistung ihrer Dienstzeit eine solche Erwerbsheimstätte zu geben. Die Antwort ist die, daß es nicht umsonst, sondern gegen eine mäßige Pacht geschehen soll. Ein Hektar Land als gleiches Landmaß für alle wird vielleicht das Beste sein. Diese Fläche kann so bearbeitet werden, daß -eine hohe Rentabilität und ein beträchtliches Einkommen davon erzielt werden kann. Intensiver Gemüsebau oder Baumschulen werden selbst einzelnen Arbeitskräften zu mehreren Tausend Francs im Jahre als Einkommen verhelfen, und man kann auf solche Weise auf Lohnsätze kommen, wie bei der bestbezahlten Industrie. Eine solche Erwerbsheimstätte wird also nicht nur ein Heim, sondern gleichzeitig eine Existenz für die ganze Familie sein. Sie wird nicht bloß ein sicheres Auskommen bieten, sondern kann nach und nach zu erheblichem Wohlstand führen. Denjenigen, die ihre Arbeitsdienstzeit abgeleistet haben, wird man von Staats wegen nur die Selbstkosten dieser Erwerbsheimstätten, die mit einem bescheidenen, aber gutgebauten Häuschen nicht mehr als 3000 Francs zu betragen brauchen, als Grundlage für eine unveränderliche Pachtzahlung zu berechnen haben. Eine etwa 0 ".»ige Pacht würde also im Monat mit 15 Francs anzusefzen sein, was weniger ist, als Einwanderer in Jaffa bisher für eine elende arabische Wohnbude zu bezahlen hatten. Nach manchen sozialistischen Ansichten soll das Kapital keine Stätte im neuen Palästina haben. Diese möchten also das Kapital hinauswerfen, noch bevor es da ist. Andere meinen wieder, daß man besitzlose Einwanderer nicht ins Land lassen solle. Wenn wir diesen beiden Richtungen Rechnung tragen, so gelangen wir freilich zu einer Einwanderung* von Null. Aber beide Standpunkte sind grundfalsch. Von der Arbeit haben wir bereits gesehen, was auf ihrer Grund läge erzielbar ist. Aber auch Kapital ist keine „Schande“. Jüdischer Wohlstand ist in den seltensten Fällen ererbt. In den meisten Fällen ist er erworben. Wenn wir nun selbst dem Besitzlosen zu Wohlstand verhelfen wollen, so können wir doch auch Niemanden einen Vorwurf daraus machen, wenn er schon, bevor er nach Palästina, kam, mit Erfolg gearbeitet und etwas erworben hat Der Arbeiter soll für seine Arbeit und der Wohlhabende für sein Geld zu Land Und Haus kommen. Allerdings Sollte, wie schon gesagt, ein gleiches Landmaß für alle angestrebt werden. Vielleicht wird man auch den Bemittelten für ihre Heimstätten nicht den Selbstkostenpreis, sondern einen bi'Egen Marktwert berechnen. Sie werden ja auch höhere Ansprüche an Wohnung usw. stellen wollen usw. Solche Methoden würden nicht nur den gegenwärtigen sozialen und sozialistischen Tendenzen entsprechen, sondern vor allem unseren eigenen alten Gesetzen. Die Landzuteilung war schon bei unserer ersten Landnahme für jede Familie gleich, der Bodenbesitz war unverfallbar usw. Wir machen also damit keine sozialistische Mode des Tages mit, sondern wir greifen auf die ältesten Tendenzen in unserem Volke zurück, wenn wir auch im neuen Palästina solche Prinzipien einführen. Schon vom Anfang unserer Kolonisation an und von den „Bilu“ her herrscht bei uns die Tendenz der „Rückkehr zum Ackerbau“. Russisch-jüdische Studenten sahen es als eine nationale l^flicht an, dem heiligen Boden das tägliche Brot abzuringen und so dem ganzen Volke ein Beispiel zu geben. Auch jetzt gibt es bei uns nicht wenig junge Leute unter unserem Akademi kern, die am liebsten ihre Studien verlassen würden, um hinter dem Pfluge und hinter dem Ochsen herzu gehen. Dieser Weg ist außerordentlich verkehrt. Der Bauer , mit dem Pflug uncr mit dem Ochsen ist etwas, was man malt oder worauf man Gedichte macht, aber man ahmt ihn nicht nach, wenn man ein Jude ist. Dieser Beruf ist schändlich primitiv. Er paßt nicht zu Unserem Lande, das dazu bestimmt ist, ein hervorragendes Gartenbauland zu werden, und er paßt nicht zu unserem Volke. Beide sind zu schade für ihn. Die bäuerlichen Bevölkerungen der Bauernländer kämpfen vergeblich mit der Lamdflueht ihrer eigenen Kinder und werden ihr nur beikommen, wenn sie ihre alten „idyllischen“ Methoden aufgeben, und wir sollten streben in diesen antiquierten Betrieb hineinzugehen und ihn zum vornehmsten Beruf unseres neuen Volkstums proklamieren? Gewiß — auch wir werden Landwirtschaft haben — sogar „Landwirtschaft für alle“, aber keinesfalls Ackerbau in der veralteten primitiven Form, wie sich das unsere Jugend so vielfach für Palästina vorstellt. Unsere Jugend soll sich vielmehr den Berufen zu wenden, die man dort braucht. Akademische Berufe, besonders Techniker und Ingenieure, Aerzte ujjd Lehrer werden sehr gesucht sein. Auch awsgebildete Landwirtschaftsleiter und Fachleute und Lehrer für zahlreiche Einzelzweige