Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 693-694 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649295--0447-2649797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
693 ..^ -■= ■= -■= -= VOLK UND LAND ==^=t-=tt=- -r.-—694 lieh zu erweitern sein. Daraufhin liehe sieh schon sofort mit großzügigem Häuserbau beginnen. Die Fragen der Ernährung und der Lhiterbringinig' der Auswanderer werden also keine ällzugroßcn Schwierigkeiten machen. Nun käme die Sorge der Arbeitsgelegenheit für diejenigen, die als Berufslose und Ungelernte kommen. Unsere Aufgaben in Palästina sind aber so groß, daß wir beispielsweise im Wege der öffentlichen Arbeiten jede Zahl auch ungelernter Arbeiter unter der- Leitung tüchtiger Fachleute brauchen können. Palästina ist ja ein außerordentlich vernachlässigtes Land, die Türken haben Jahrhunderte hindurch (mit wenigen Ausnahmen, die sich auf den Verkehr beschränken) für das Land nichts getan. Alles was in anderen Ländern von Staatsuind Gemeinde wegen wsw. geleistet zu werden pflegt, haben wir schnellstens nachzuholen. Darin liegt ein Programm von ungeheurer Größe. Bei einigermaßen entsprechender Organisation solcher öffentlicher Arbeiten, Vorbereitungen usw. dürften wir immer mehr Arbeit haben als Arbeitskräfte. Die Hauptsache ist, daß wir so bald als möglich mit -wirksamen und rentablen Arbeiten beginnen, die das Land verbessern und unseren Arbeitern Verdienstmöglichkeit geben. Hierbei wird auch keinesfalls das unökonomische System der Notstandsarbeiten in Betracht zu ziehen sein, bei dem es gelten würde — unabhängig vom Kostenpunkt — möglichst viel Hände zu beschäftigen. Im Gegenteil: wir werden trachten müssen, die Handarbeit so weit als irgend angängig durch Maschinen und arbeitsparende Methodea zu verringern! Woher nehmen wir nun das Geld für diese umfassende Aufbauarbeit? Hier scheint mir die allergeringste Schwierigkeit zu sein. Unsere Kolonisation in Palästina war schon vor dem Kriege in einer sehr günstigen Aufwärtsbewegung begriffen gewesen. Auch Baron Rothschild hatte wieder Interesse an dieser Arbeit gefaßt und sich bereit erklärt, ähnlich wie früher viele Millionen Francs dafür auszugeben. Das — wenn auch spät und erst mit Hilfe der zionistischen Arbeit eingetretene — Resultat -seiner früheren Betätigung hatte ihm ausgezeichnet gefallen und wieder Mut gemacht. Aber auch ohne ihn und neben seinen Absichten bestanden überall in der jüdischen Welt Pläne zu einer verstärkten Inangriffnahme der Kolonisation. Schon in den ersten Kriegsjahren War es klar, daß man die Palästinaarbeit, nach Beendigung des großen Ringens in viel schnellerem Tempo werde aufnehmen müssen als je zuvor. Damals schon sprach man von einer Nationalanleihe von einer halben Milliarde Francs. So wie die Dinge jetzt liegen, — bei der großen politischen Wendung und bei der ungeheuren Begeisterung; die seither unter den Juden der ganzen Weit herrscht, daneben auch bei der besonderen Geldflüssigkeit, die gegenwärtig überall zu finden ist, können wir die damalige Ziffer wesentlich erhöhen und werden sicher eine Anleihe von Milliarden aufbringen. Kurz vor dem Kriege hatte ich einmal eine ungefähre Berechnung aufgestellt, welches wohl der Nationalwohlstand * der Juden wäre. Ich kam' auf etwa 85 bis 120 Milliarden, oder sagen wir in ganz runder Ziffer auf 100 Milliarden Mark (Vorkriegswert). Dieser Wohlstand ist trotz der Schläge, die der Krieg den Juden mancher Länder angetan hat. alles in allem kaum kleiner geworden. Die erwähnte Anleihe wird also sicher unter den Juden der ganzen Welt aufzubrmgen sein. Sie wurde nur wenige Prozent des jüdischen Gesamtwohlstandes betragen und der Rettung eines sehr erheblichen Teiles der Judenschaft dienen. Wir sind aber nicht nur auf eine A »lei li e angewiesen. Eine neue rege Palästinatätigkeit setzte schon während des Krieges ein. Es entstanden eine M e n g e von kapitalkräftigen Gesellschaften, sowohl für alle möglichen Industrien, wie für Handel und Gewerbe, wie auch für landwirtschaftliche Unternehmungen. Auch die für solche gesellschaftlichen Unternehmungen hereftstehenden Mittel dürften an Milliardenwerte heranreichen. Ferner kommt noch eine dritte Kategorie von Kapital in Betracht. Angesichts des ungeheuren allgemeinen Auswanderungsdranges dürfen wir doch auch damit^rechnen, daß mindestens 100 000 bemittelte Juden sich im Laufe der nächsten Jahre auf eigene Kosten in Palästina niederlassen möchten. Rechnen wir hierbei auf eine durchschnittliche Kapitalanlage von 20 000 Goldfrancs, so wären das allein wieder 2 Milliarden. Am Gelde wird es also unserem Aufbauwerke nicht zu fehlen brauchen. Ich sagte schon, daß wir eine ungeheure Zahl auch ungelernter Arbeiter brauchen werden. Es wird ein außerordentlich weitfassendes’ Programm der öffentlichen Arbeiten des neuen Gemeinwesens aufzustellen sein. Wir werden Straßen und Wege zu bauen, Eisenbahnen und Häfen anzulegen, Stauwerke und Talsperren zu Bewässerungszwecken an unzähligen Stellen des Landes zu errichten haben. Eine großzügige Aufforstung wird notwendig sein. Ebenfalls im Wege eines umfassenden Programms der öffentlichen Arbeiten sollen für Arbeiter und Kolonisten vorbereitete Heimstätten errichtet und Häuser gebaut werden. Eine vollständige Elektrisierung des Landes für Licht, Kraft-, Verkehrs- und Bewässerungswesen ist eine Arbeit, die uns dadurch leicht gemacht wird, daß wir im Jordan mit seinem starken Gefälle sehr günstige Kraftquellen haben. Auch Nebenflüsse des Jordan und der wasserreiche L i - t a n i kommen hierfür in Betracht. Auch das Vermessungswesen erfordert viel Arbeit, die zum Teil auch durch in kurzen Kursen ausgebifdete Leute ausgeführt werden kann. Wir werden eine großzügige Assanierung uftd Entsumpfung sowie sonstige sanitäre Maßnahmen ganz großen Stils durchführen müssen usw. Sogar die Produktion der groß land wirtschaftlichen Erzeugnisse und selbst die wichtigsten Industrien kann unser neues Gemeinwesen in den Kreis seiner „öffentlichen Arbeiten“ mit einbeziehen. Alles in Allem' haben wir hier ein Programm der öffentlichen Arbeiten, das für die ersten Jahre bereits allein an Arbeitslöhnen (die hierbei nur dem Unterhalt der Arbeiter und ihrer Familie zu entsprechen brauchen) viele Hunderte von Millionen Francs erfordern wird. Es werden aber dabei auch schon viele Zehntausende von Arbeitskräften Verwendung finden, und es dürften allein auf dieser einen Grundlage bereits Hunderttausende im! Jahre einwandem ‘ können! Schätzt doch selbst Auerbach die Zahl der für die öffentlichen Arbeiten benötigten Arbeitskräfte auf 25 000 im ersten und auf 50 000 im zweiten Jahre. Dies allein entspräche mit den Angehörigen bereits etwa 100 000 Einwanderern jährlich. Dabei ist mein Programm der öffentlichen Arbeiten wesentlich weiter gesteckt und energischer durchgeführt gedacht. Und schließlich werden wir doch auch neben den öffentlichen Arbeiten eine Einwanderung haben. Die Form, in der diese öffentlichen Arbeiten im Staatsbetrieb (oder in Verbindung mit ihm) zu leisten wären, stelle ich mir im Wege einer etwa dreijährigen Arbeitsdienstzeit vor. Bisher hat man sich überall an die Notwendigkeit einer Militärpflicht und an eine Militär-