Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 691-692 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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692 VOLK UND LAND 691 sie sich auf 52 Wochen verteilt,, so. dürfte sie sich auf mindestens vier Häfen verteilen, sagen wir Jaffa, Haifa, Saida upd Port Said. Von diesem letzteren Hafen aus, der von den einstweilen noch nicht ausgebauten Häfen Palästinas in vielem den Vorzug verdient, könnten die nach Südpalästina gehenden Kolonisten die neuen, von den Engländern gebauten Eisenbahnen benützen. ln jedem dieser vier Häfen brauchte also nur alle vier Wochen ein Schiff anzukommen. Sind die Einwanderer angelangt, so werden sie auch nicht alle im Hafenplatze oder an der Küste b'.eiben, sondern sie werden sich im Lande verteilen und zwar auf Städte und Kolonien, auf "bestehende und neu zu gründende Siedlungen. Außerdem sind diese 2000 Einwanderer aus den verschiedensten Kategorien zusammengesetzt. Wohlhabende und Leute mit in unserem Aufbauwerke brauchbaren Berufen machen uns keine allzugroßen Sorgen. Allenfalls diejenigen Einwanderer, die ohne Mittel und ohne festen Beruf kommen. Soweit dies aber nur arbeitsfähige und arbeitswillige Leute sind, wird Uns auch das keineswegs schrecken müssen, denn wir werden jede Zahl auch ungelernter Arbeitskräfte für unser umfassendes Aufbauwerk im Lande brauchen können. Auch eine sehr große Zahl von 'Fachleuten werden wir zur Führung dieser ungelernten Arbeiter nötg haben. Die Wohlhabenden werden sich also irgendwie einrichten oder auch zuwarten können, bis sie eine geeignete Betätigung gefunden haben. Die Leute mit entsprechenden Berufen werden reichlich in der Aufbauarbeit zu tun finden. Unter diesen werden wir fast alle Berufe haben, die in Europa Und Amerika unter den Juden anzutreffen sind. Palästina wird ja mit der Zeit eine vollständig durch gebildete, wenn auch durchaus nicht notwendigerweise eine selbstversorgende (autarkische) Volkswirtschaft haben. Gegenwärtig ist die Berufsschichtung unter den Juden noch sehr unnormal, zum Beispiel haben wir in der jüdischen Welt soviele Kaufleute, daß sie wohl in der Zerstreuung — unter ihren Wirtsvölkern — niemals aber innerhalb eines sich neu bildenden eigenen Volkstums, in einer ähnlichen Verhältnisziffer sich betätigen können. Sie werden dort nur zum Teil im Handel bleiben können, zum weitaus größeren Teile aber im Verwaltungsu~td im Genossenschaftswesen, und besonders in der Industrie und in der Landwirtschaft ein neues Arbeitsfeld sich schaffen müssen, soweit nicht Wohlstand und Alter (sie veranlassen werden, einer Rentnerexistenz (etwa auf Grundlage des Achusa-Planes) den Vorzug zu geben. Aehnliches gilt aber keineswegs für die akademischen Berufe. Hier besteht vielfach ein starkes Mißverständnis. Die meisten Juden glauben, daß wir zuviel Akademiker haben. Es sieht auch zum Teil so aus, aber es trifft für die jüdische Gesamtheit durchaus nicht zu. Für die westlichen Länder könnte es allenfalls stimmen. Da aber die Auswanderung zuml weitaus größten Teil aus Osteuropa kommen wird, wo die Bildungsmöglichkeiten bisher stets sehr beschränkt waren, so werden wir alles in allem viel zu wenig Akademiker haben. Wenn etwa neun Zehntel der Einwanderer aus Osteuropa und mit viel zu wenig Akademikern kommen, so werden die verhältnismäßig zahlreichen Intelligenzler und Akademiker, die aus Westeuropa kommen, eine außerordentlich wertvolle Ergänzung bilden. Dies gilt von fast sämtlichen akademischen Berufen. Allenfalls wird vielleicht das Rechtssludmm in Palästina nicht so ausgiebig zu verwenden sein, wie die anderen akademischen Berufe. Es dürfte aber so kommen, daß auch aus der Jurisprudenz viele in das Verwaltungs- und Genossenschaftswesen abströmen werden. Manche haben nun gemeint, daß schon die Verpflegung erheblicher Einwanderermassen die größten Schwierigkeiten bereiten werde. Aber selbst wenn Palästina kein Brotgetreide im Ueberfluß hätte, so wäre cs nicht das schlimmste, wenn mit den e:m\ ändernden Juden auf denselben Schiffen auch ihr Getreidebedarf (300 Tonnen reicht 2000 Einwanderern für ein Jahr) mitkäme. Palästina ist aber schon seit längst ein Gebiet mit sehr großen landwirtschaftlichen Ueberschüssen, es hat außerordentlich günstige klimatische und Bodenverhältnisse, die selbst bei der jetzigen, sehr wenig rationellen Bewirtschaftung Getreideüberschüsse ergeben, groß genug, um das dreifache der jetzigen Gesamtbevölkerung zu ernähren. Bisher sind diese Getreideüberschüsse Ostjordaniens (Hauran) hauptsächlich nach Syrien und Arabien ausgeführt worden. Die dichte Siedlung der Juden wird aber diese sProdukte bald an sich ziehen; wir müssen keineswegs neue Anbaugebiete für Getreide suchen. Die Welt ist überdies voll von Ländern, die sich für Getreidebau eignen. Palästina gehört auch dazu, aber es ist dafür 'zu schade. Palästina ist vielmehr ein Land des intensivsten Gartenbaus, ein klimatisches Vorzugsgebiet, in dem viel edlere Früchte gedeihen, als Getreide. Es wäre daher sehr falsch, wenn gerade die Juden, die von Ackerbau so wenig verstehen, den Beruf in sich fühlen würden, die Getreidejüberschüsse, die das Land ohnedies schon hat, durch ihre Arbeit noch zu vergrößern. Sie müssen sich vielmehr in der Landwirtschaft weitaus vorwiegend dem Garten- und Obstbau, also den intelligentesten und intensivsten Formen der Bodenkultur zuwenden. Daneben sollten sie in starkem Maße Industrie treiben, sowohl für ihre eigenen Bedürfnisse, wie für die arabische Landesbevöfkerumg, die ja fast keine Industrie kennt, und schließlich auch für die Nachbargebiete, sowie für den Weltmarkt. — — Allenfalls sollte der Getreidebau in der Form) in Betracht gezogen werden können, daß er — wie übrigens auch Auerbach anregt — im Staatsbetriebe erfolgt, wobei er allerdings meint, es könne auf diese Weise billiges Brot auch bei ungenügender Rentabilität erzielt und gesichert werden. Auch ich habe dem Getreidebau innerhalb der „öffentlichen Arbeiten" einen Platz angewiesen, aber mehr unter Anlehnung an B a 11 o d , der berechnet hat, daß im hochmodernen Großbetrieb auch von einer u n.g e I e r n t e n Arbeiterschaft (freilich unter besten Fachleuten) nicht nur G et re i de, sondern auch die sonstigen gnoßlandwirtschaftlichen Produkte wie Fleisch, Milch, Butter, Zucker und sogar Baumwolle mit einem Minimum an Arbeitsaufwand und erheblich billiger erzeugt werden könnten als selbst den früheren, normalen Marktpreisen entspräche. Man hat auch besorgt gefragt, wie die Einwanderer in der ersten Zeit Unterkunft finden wollen. Die Engländer haben aber eben erst mit 300 000 Mann Palästina erobert und haben für sie Zelte und andere provisorische Unterkunftsmittel gehabt, die uns für die Unterbringung der einwandemden Juden in der ersten Zeit zur Verfügung stehen dürften. Nun meinen wieder manche Ueberbesorgte, in Zelten und Baracken könnten sich verschiedene ^Krankheiten einfinden und großes Unheil anrichten. JVtatn vergißt aber dabei, aus welcher Hölle die meisten unserer Leute aus Osteuropa kommen. Aber wir können schließlich auch sofort solide und definitive Bauten errichten. In kurzer Zeit wird ja, selbst wenn die Einwanderung verhältnismäßig klein bleiben sollte, die Judenschaft Palästinas sich verdoppeln und vervielfachen. Wir könnten deshalb ruhig daraufhin schon heute die Wohngelegenheit gegenüber der bisherigen sehr stark vermehren. ln vielen Städten müssen ja sehr bald neue jüdische Stadtviertel angelegt werden. Auch dürften alle unsere landwirtschaftlichen Kolonien sehr rasch wesent-