Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 687-688 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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687 VOLK UND LAND 688 mung der 3 Millionen Juden Nordamerikas konnte für die Parteinahme der Vereinigten Staaten im Weltkriege in jenem für England sehr kritischen Zeitpunkte von sehr erheblicher Bedeutung werden. Außerdem aber hat gerade für Amerika und England neben jenen Gesichtspunkten auch die Erwartung bei ihrer Stellungnahme zugunsten der Juden stark mitgesprochen, daß die Oeffnung Palästinas und des Orients für die jüdische Einwanderung diesen Wanderungsstrom von den eigenen Gestaden fernhalten würde. Eine solche Politik entspricht der dortigen Auffassung sowohl bei Nichtjuden wie bei Juden. Es ist kein normaler oder wünschenswerter Zustand für Amerika, daß seine wirtschaftliche Hauptstadt, New York — die werdende größte Stadt der Welt — mehr Juden zählt als geborene Amerikaner, daß tatsächlich jetzt schon die Juden die stärkste Bevölkerungsgruppe in der Stadt bilden, und daß die der Zahl nach an erster Stelle stehende Muttersprache das Jüdisch-Deutsch der Ostjuden ist. Ebenso ist in England ein ganzer Stadtteil Londons, Whitechapel, fast rein jüdisch. Auch dort wird die jüdische Umgangssprache gebraucht. Die Geschäfte sind am jüdischen Sabbat geschlossen und am heiligen englischen Sonntag geöffnet. Es ist zwar richtig, daß die Juden in Whitechapel viel zur Hebung des Stadtteiles beigetragen haben, wo bis zu ihrer Einwanderung allerlei Gesindel zu Hause war; die Juden haben die Gegend gereinigt, und sie ist jetzt eine Stätte der Sicherheit, des Fleißes und des Friedens. Aber es kann den Engländern keine ungetrübte Befriedigung bieten, daß dies auf Kosten des britischen Charakters dieses Stadtteils geschah. England und Amerika haben hiernach ein durchaus verständliches Interesse daran, eine weitere Einwanderung im bisherigen oder gar noch wesentlich vergrößerten Maßstabe nicht zu wünschen. Auf der anderen Seite zwingen die Verhältnisse im Osten aber zu einer viel größeren Auswanderungals jemals bisher, — also ist eine große jüdische Auswanderung nach Palästina ein absolutes Erfordernis! Wenn wir trotzdem von dem Angebot der Mächte, die uns Palästina und den Orient für unsere Auswanderung freisteilen, nicht baldigst und ausgiebigst Gebrauch machen, so würde dadurch eine völlig neue Lage der Dinge entstehen, und es würde uns vor allem jener große politische Gewinn wieder entgleiten müssen. Die Araber haben sich dem Spruche der Mächte hinsichtlich Palästinas gebeugt. Auch den Arabern hat das Ende des Weltkrieges ja etwas Wundervolles gebracht — die Befreiung von der türkischen Oberhoheit. Vier Millionen Araber sind jetzt frei geworden und haben ihre Unabhängigkeit wiedergewonnen. Unter diesen Umständen gönnen sie Palästina den Juden, und wenn auch hie und da Differenzen bei unserer neuen Kolonisation mit ihnen entstehen mögen, so dürften dies nur vereinzelte Erscheinungen sein. Im wesentlichen werden auch die Araber Palästinas von unserer Massensiedlung ganz bedeutenden Nutzen ziehen. Das sehen auch die Führer der Araber sehr wohl. Aber einwandern müssen wir, und zwar in großer Zahl und in schnellem Tempo. Weder die Araber, noch die Mächte werden uns gestatten, die Einwanderung gemächlich und mit langwierig vorsichtigen Vorbereitungen zu betreiben. Das uns gewährte Recht verfällt, wenn nicht schon der Beginn unserer Arbeit die rasche Entwicklung zur jüdischen Mehrheit im Lande zeigt. Angesichts einer solchen Notwendigkeit großzügiger Einwanderung und Kolonisation liegt es uns trotzdem vollständig fern, etwa irgendeine Propaganda dafür zu machen oder irgend wen veranlassen zu wollen, nach Palästina zu gehen, der nicht aus sich heraus dazu entschlossen ist. Wir haben eine Unmenge von Leuten, die auf die erste Möglichkeit warfen, um nach Palästina zu gehen. Das kann uns mit Besorgnis erfüllen, ünd wir müssen den Strom in geordnete Bahnen zu lenken suchen. Wir brauchen ihn keineswegs künstlich zu vergrößern. Die bisherigen Leiter der zionistischen Bewegung stehen freilich tief erschreckt vor der ungeheuren Aufgabe, die ihnen zugefallen ist. Auf dem letzten Delegiertentag der deutschen Zionisten in Berlin wurde im offiziellen Referate geltend gemacht, daß die Einwanderung nach Palästina in den ersten 10 Jahren durchschnittlich nicht mehr als 20 000 iährlich betragen dürfe. In der zweiten Dekade könnten dann jährlich etwa 40 000 und in der dritten etwa 60 000 jährlich sich ansiedeln. Wenn aber die Einwanderung tatsächlich in so minimalem Maßstabe vor sich gehen sollte, so würden freilich unsere Rechte und unsere zvfeitausendjährigen Hoffnungen verfallen; — wir würden niemals auf solchem Wege zur Majorität im Lande werden, denn man würde uns nicht die Zeit dazu lassen! Auch andere Berechnungen oder Schätzungen sind in die Oeffentlichkeit gedrungen. W e i z m a n n hat vor der Ententekommission Ziffern von 60 000 bis 70 000 im Jahre genannt. Motzkin sprach sich ungefähr gleichzeitig für 100 000 im Jahre aus. So ko low soll sich in Paris geäußert haben, daß wir rechnen können, in 25 Jahren 5 Millionen Juden im Lande zu haben usw. Es kommt aber nicht so sehr darauf an, wieviel wir dort in 25 Jahren sein werden, sondern entscheidend kommt es auf die erste Million an; — die brauchen wir so schnell als irgend möglich. Auch Dr. Ruppin hat kürzlich Ziffern genannt, und zwar von 1 bis 2 Millionen in 20 bis 30 Jahren. Das entspräche je nach der Berechnung einer Einwanderung von zwischen 331/3 und 100 Tausend im Jahresdurchschnitt. Aber weder eine von diesen beiden, noch die Weizmannsche Ziffer könnte uns zufriedenstellen. Wir müssen vielmehr mit ganz anderen, ungleich größeren Ziffern rechnen. Hier wird es am Platze sein, zunächst einiges von der Fassungskraft Palästinas zu sagen. Prof. Ballod, ein großer Nationalökomom und Statistiker, auch selbst Landwirt, ein Freund der Freiheit und der Juden, hat Interesse an unserer Palästinafrage und Kolonisation genommen und eine Untersuchung angestellt, aiuf Grund deren er zu dem Resultate kam, Palästina könne rein auf landwirtschaftlicher Basis, also ohne Industrie, in kurzer Zeit 6 Millionen Einwanderer ernähren. Der erste landwirtschaftliche Fachmann der zionistischen Organisation, der Agronom J. Oettinger hat dem (von Einzelheiten abgesehen) enthusiastisch zugestimmt. Er sagt darüber in „Der Jude“, Jahrgang I, Seite 346 bis 352; „Der Ballodsche Aufsatz ist sicherlich ein bedeutendes Ereignis. Die weiten Ausblicke, die gründliche wissenschaftliche Art den umfangreichen Stoff zu behandeln, die ins Detail gehende Bewertung technischer, wirtschaftlicher und finanzieller Faktoren machen diese Abhandlung zu einer der hervorragendsten Erscheinungen auf dem Gebiete der Literatur über Palästina und dessen Besiedlung. Außerordentlich hoch ist der Wert der Ballodschen Meinungsäußerungen und der von ihm, dem rühmlichst bekannten Statistiker, durchgeführten Berechnungen in bezug auf die mögliche Produktivität und Aufnahmefähigkeit Palästinas.