Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 685-686 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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685 VOLK UND LAND 686 durchgerechnet, so daß ich von einer Verwunderung in die andere kam. Oettinger rechnet hierbei nämlich folgendermaßen: von den 3000 Frcs. entfallen 2000 Frcs auf Gebäudekapital, 1000 Frcs. auf Bodenkapital 1000 Franken auf Wasserversorgung, Umzäunung, Gemüseversorgung us«., 000 Frcs. auf Viehwirtschaft und 100 Franken auf totes Kapital. Dabei errechnet er für die Bodenwirtschaft eine Rentabilität von 1000 Frcs., vergißt aber merkwürdigerweise die Einnahmen aus der Vieh Wirtschaft, deren Unterhalt er gleichwohl mit 600 Frcs. berechnet. Nach Abzug der Steuern und Verzinsung bleiben nach Oettinger dem Kolonisten 218 Frcs. Reinertrag, aber ohne den Ertrag der Vieh Wirtschaft. An einer anderen Stelle des Buches findet man den Ertrag für eine solche im selben Umfang mit 1300 Frcs. angegeben. Rechnet man diese hier „vergessene“ Ziffer hinzu, so haben wir 1518 Frcs. Oettinger erklärt, von den 218 Frcs. kann der Kolonist nicht leben und betrachtet den Typus 6 darum als Nebenberuf, wobei er anderweitigen Verdienst sich suchen kann und finden wird. Von den richtig errechneten 1518 Frcs. aber kann der Kolonist reichlich leben. Nach Oettinger selbst wäre ja diese Summe mehr als das Doppelte des Minimalbedarfs einer Familie. Es ist also richtig, was ich immer sagte, daß mit 5000 Frcs. nicht ein Drittel oder ein Viertel, sondern mehr als das Doppelte des Unterhalts einer Familie zu beschaffen ist. Ein Fünftel oder ein Zehntel der angegebenen Summen würden genügen, und es ist ein grundlegender Fehler Oettingers, den Typus 6 als „Arbeiterheimstätten“ zu bezeichnen, da sein Kapital für eine Familie mehr als ausreicht. Wenn nun Oppenheimer die Öettingersche Arbeit als klar und gut geschriebenes Büchlein empfiehlt, und sogar Dr. Ruppin darauf hereinfällt und es „das Gediegenste“ nennt, was bisher über jüdische Kolonisation erschienen sei, so Kann man sich nicht über die Verwirrung der Geister wundern, die in unseren Kreisen angerichtet worden ist. Wo über so naheliegende und grundlegende Fragen derart grundverschiedene Ansichten noch heute gelten, wird man zu um so größerem Zweifel berechtigt sein, wenn manche unserer Leute sich über Fragen äußern, für die ihnen . noch weniger Beurteilungsmöglichkeiteil zu Gebote stehen. Ich werde Ihnen jetzt einen Plan einer Einwanderung und Kolonisation vorlegen, der Möglichkeiten von großer Ausdehnung bietet. Die jüdische Gemeinschaft steht an dem großen Wendepunkt ihrer Geschicke. Der Völkerkrieg, der aller Welt so viel Elend gebracht hat — und ganz besonders auch den Hauptwohngebieten der Juden — hat doch schließlich gerade uns zwei wahre politische „Wunder“ gebracht, nämlich die Anerkennung der Juden als Faktor der Weltpolitik und die Anerkennung Palästinas als jüdisches Land. Wir haben nunmehr die Konsequenzen aus diesen großen Ereignissen zu ziehen und müssen das Land, das Wir seit 2000 Jahren ersehnen, in energischem Tempo erschließen und kolonisieren. Wir müssen trachten, die Majorität in diesem Lande zu werden, so schnell, als es nur möglich ist, um damit die bisher fehlende Vorbedingung und Voraussetzung des Verfügungsrechtes über ein Land — die Bevölkerungsmehrheit — raschestens, wenigstens nachträglich^ herbeizuführen. Gegenwärtig hat Palästina eine Einwohnerzahl von ungefähr 700 000 Seelen, davon sind nur etwa 100 000 Juden. Diese bilden also nur einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung des Landes. Und wenn wir überlegen, daß außerdem die Juden in Palästina nur zum Teil eine erwerbende Bevölkerung sind und fast die Hälfte ein so anormales Leben führt, wie die Chalukka-Bevölkerpng (Leute, die aus religiösen Motiven nach Palästina gegangen sind und die hier zumeist von Unterstützungen leben, also in volkswirtschaftlicher Beziehung nicht ab aktiv gelten können), so ist eine tatkräftige Kolonisation zur schleunigen Aenderung dieser Verhältnisse nur um so dringender erforderlich. Wenn wir jetzt Palästina bekommen haben, so dürfen wir also nicht etwa die Hände in den Schoß legen und uns mit der Freude darüber begnügen, sondern wir müssen der Verpflichtung naehkommen, eine Massenauswanderung zu organisieren und eine Millionensiedlung vorzubereiten. Es ist dies nicht nur deshalb notwendig, weil ohne eine Einwanderung und Kolonisation Palästina uns nicht auf die Dauer reserviert bleiben kann. Eine starke Einwanderung und Kolonisation ist vor allem auch auf Grund der Verhältnisse notwendig, in denen die Juden in Osteurooa leben. Der Krieg hat dort unendlich große Verwüstungen angerichtet. In Rußland hatte man zu Beginn des dortigen Umschwunges geglaubt, die Hoffnung hegen zu dürfen, daß nunmehr die Juden daselbst alle Rechte, jede Freiheit und neue Lebens-, und Erwerbsmöglkhkeiten haben würden. Auf zionistischer Seite hat man sich damals sehr gefreut; man hoffte einen „reinen“ Zionismus dadurch zu erzielen, daß nun nicht mehr materielle Not die Juden nach Palästina treiben würde, sondern daß nur diejenigen hingehen würden, die ein innerer Drang dazu veranlaßt. Aber der Weltkrieg hat eine andere Wendung genommen; die Lage der Juden in Osteuropa ist schlimmer als je und däs will gewiß viel sagen. Wtenn wir vor dem Kriege in Osteuropa eine Ausw'anderung von jährlich etwa 100 000 über das Weltmeer nach den Vereinigten Staaten ziehen sahen, so kann man rechnen, daß heute, bei dieser Lage im Osten, Millionen Juden zur Auswanderung bereit stehen und daß diese Millionen direkt einem Auswanderungszwang unterliegen. Wenn unsere vorsichtigen Leute fürchten, eine starke Auswanderung nach Palästina könnte dort zu Katastrophen führen, so ist dieser Gedanke schon deshalb unberechtigt, weil ohne Auswanderung nach Palästina bei den tatsächlichen Verhältnissen ganz sicher noch zehnmal größere Katastrophen im jüdischen Osten entstehen müßten, — besonders wenn sich die bisherigen Auswanderungsgebiete, wie das nun einmal zu erwarten ist, den Juden verschließen oder doch sich weigern werden, noch größere Judenmassen aufzunehmen als zuvor. Uebrigens werden die Juden des Ostens sich von niemandem und durch nichts von einer scharenweisen Einwanderung nach Palästina zurückhalten lassen. Darüber sind sich alle einig, die mit der Lage und der Stimmung der dortigen Massen vertraut sind. Unter diesen Umständen kann es nicht unsere Aufgabe sein, uns in vergeblichen Warnungen zu ergehen, sondern vielmehr das Unvermeidliche nach bester Möglichkeit zu organisieren und aus der Flucht einen A u f - ba u zu machen! Die Mächte haben, als sie beschlossen, den Juden ihr Land wiederzugeben, Verständnis für die überaus traurige Lage unseres Volkes gezeigt. Neben der Sympathie mit den Geschicken der Juden hat von Engfands Seite sicherlich auch der Gesichtspunkt der Gewinnung der Sympathien des jüdischen Fünfzehn-Millionen-Volkes stark mitgesprochen. Besonders in Amerika haben die Juden ja bereits eine große poütisdie Bedeutung gewonnen; in New' York allein haben wir heute eine Massensiedlung von Ha Millionen Juden. Die Stirn-