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Volk und Land · 1919-05-29 · Heft 22-23 (29.5.1919) · p. Seite 683-684

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 22-23 (29.5.1919)
Date
1919-05-29
Page
Seite 683-684 (sequence 8)
Language
German
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683 VOLK UND LAND 684 Zu dieser Frage Stellung zu nehmen, wird eine der Hauptaufgaben des Delegiertentages sein. Der Delegiertentag wird auch die Organe schaffen müssen, welche diese Aufgabe für die Zionisten in Deutschland in Angriff zu nehmen und ihrer Lösung zuzuführen haben j werden. Ich will in diesem Zusammenhang ein Gerücht nicht unerwähnt lassen, das in der letzten Zeit ent standen ist und mannigfache Beunruhigung hervorgerufen j hat, daß nämlich die deutschen Juden Schwierigkeiten j haben würden, nach Palästina einzuwandern. Dieses Gerücht hat keine Unterlagen. Die zionistische Organisation würde die moralischen Grundlagen ihrer Existenz erschüttern, wenn sie jemals zulassen würde, daß Teile des jüdischen Volkes von der Rückkehr nach Erez- Israel ausgeschlossen würden. Sie wird niemals gestatten, daß der Aufbau des jüdischen Palästina mit einer Grenzsperre gegen Juden begonnen wird. Wir sind sicher, daß in Palästina keine Unterschiede zwischen Juden und Juden gemacht werden können. Palästina ist uns ausschließlich das Land jüdischer Wiedergeburt. Wer sich der jüdischen Gemeinschaft in Palästina anschließen wird, wird diesen Anschluß ohne jeden Nebengedanken, ohne Rücksicht auf nichtjüdische Tendenzen, in bewußter Einstellung auf die neuerblühende jüdische Volksgemeinschaft und in reiner Hingabe an unser jüdisches Volk und das jüdische Land vollziehen. Unsere Diskussionen werden sich dann weiterhin den Problemen des inneren Aufbaus der jüdischen Siedlung in Palästina zuwenden. Hierbei wird es notwendig sein, sich eines tiefgreifenden Unterschiedes in den Lösungsmöglichkeiten dieser Probleme bewußt zu bleiben. Ein großer Teil dieser Fragen wird von vornherein ausschließlich der Kompetenz jüdischer Organe unter stehen. Hier gilt es in unseren Beschlüssen direkt Einfluß auf die Entscheidung der zuständigen Stellen zu nehmen. Andere Probleme dagegen werden nur für das Land als Ganzes und einheitlich für die gesamte Bevölkerung Palästinas lösbar sein. Hier werden wir uns bewußt bleiben müssen, daß die Entscheidung nicht allein vom jüdischen Volk abhängt. Geehrter Delegiertentag! Das deutsche Judentum stellt nur ein Vierundzwanzigstel des jüdischen Volkes dar. Es hat aber auf die jüdische Gesamtentwicklung, insbesondere seit der Emanzipation einen vielfach ent scheidenden Einfluß ausgeübt Auch der Zionismus in Deutschland kann seine Bedeutung im nationalen Leben des jüdischen Volkes nicht mit der Zahl seiner Anj liänger begründen, sondern nur mit der Intensität seines; nationalen Empfindens, mit der Stärke seines Willens i zum jüdischen Volk und zum jüdischen Lande. Mögen | die Beratungen und Beschlüsse dieses Delegiertentages vom Geiste einer radikalen Hingabe an die Zukunftshoffnungen der Judenheit, von dem unwiderstehlichen Willen des Wiederaufbaus Palästinas getragen sein. Dann werden sie des Eindruckes auf die jüdische Gesamtheit überall in der Welt nicht entbehren und ihren Anteil haben an dem Werk, um dessenwillen wir uns heute hier versammelt haben. ANSIEDLUNGSMOEGL1CH KEITEN Referent: Davis T r i e t s e h. Die heutige Tagung ist, wie Sie wissen, in der Weise zustandegekomimen, daß der letzte Delegiertentag sich über die grundlegenden Fragen des bevorstehenden Aufbaus in Palästina, angesichts der völlig verschiedenen Auffassungen, die dabei geltend gemacht wurden, nicht schlüssig werden konnte. Wir haben dementsprechend in diesen Tagen eine Fortsetzung der damals nur begonnenen Diskussionen. Aber darin liegt schon, daß die Verhandlungen der gegenwärtigen Tagung in weitgehendem Maße von denen im letzten Dezember beeinflußt sind. Wir werden in viel stärkerem Grade, als es bei einer selbständigen Tagung der Fall sein könnte, auf die Gesichtspunkte zurückgreifen müssen, die damals hier geltend gemacht worden sind. In erster Linie gilt dies für das damalige einleitende Referat von L i c h t h e i m, der zu unserm Bedauern heute nicht anwesend ist. Allenfalls wird dieser Mißstand dadurch gemildert, daß er ja im wesentlichen sich auf Materialien und Unterlagen von Oettinger und Ruppin bezogen hat, von denen der erstere weder damals noch heute, Herr Dr. Ruppin hingegen wenigstens bei der gegenwärtigen Tagung anwesend ist. Ich halte es deshalb für das Praktischste, zunächst von den Oettingerschen Unterlagen auszugehen, die seither Gegenstand interessanter Feststellungen geworden sind. Wohl hatte ich schon bei ihrem ersten Auftauchen mich aufs entschiedenste gegen die Oettingerschen Auffassungen ausgesprochen, die ich bereits auf dem vorletzten Delegiertentag vom Dezember 1916 wörtlich als groben Unfug bezeichnet habe. Aber im einzelnen — Oettingers Arbeit hatte mir damals noch nicht Vorgelegen —■ ist es doch das Verdienst Dr. Chamizers, als erster öffentlich auf die unglaublichen Rechenfehler hingewiesen zu haben, von denen Oettingers „Methoden“ wimmeln, die aber nicht gehindert haben, daß unsere ganze offizielle Welt die Oettingersche Arbeit als die vornehmste Grundlage unserer bevorstehenden Tätigkeit hinnahm und sich weitgehend von den darin gezeigten Resultaten beeinflussen ließ. Meine Einwände gegen Oettinger waren, wie ich bei einer Durchsicht seines Buches feststellen konnte, mehr als berechtigt. Das wird schon bei dem ersten Typus der Ansiedlung klar ersichtlich. Oettinger will einen wesentlichen Teil der für diese Ansiedler be-! nötigten Summe von je 27 000 Frcs. dem Ansiedler zu 2 o’o Zinsen übergeben, auf welcher Grundlage er hofft, V2 Milliarde Frcs. beschaffen zu können. Schon danach kann einem die Lust vergehen, das Buch weiterzulesen. Aber auch für den Ansiedler lohnt es nicht, denn Oettinger errechnet für ihn trotz des billigen Kredits einen Gewinn von 1,9 °/o. Wo ist der verrückte Jude zu finden, der, um 1,9 °/o heraus zu wirtschaften, einen neuen, ihm unbekannten und überaus mühevollein Beruf erwählen wird. So konfus ist dieses ganze Buch, das uns trotzdem als ein neues Heiligtum, als eine Art von Kolonisationsbibel hingestellt wird. Auch die meisten anderen Rechnungen sind von Anfang an falsch und unsinnig. Obwohl ich es also wirklich nicht über midi gewinnen konnte, das Buch gründlich durchzuarbeiten', müßte ich doch gelegentlich hineinschauen, und da fiel mir das Schema VI auf. Hier will Oettinger mit einem Kapital von 5000 Frcs. Arbeiterheimstätten errichten. Die Ziffer war mir einigermaßen sympathisch. Ich hatte ja immer betont, daß es bei aus öffentlichen Mitteln unterstützter Kolonisation nidht zu verantworten sei, j mit Ziffern von 20 000 oder 30000 Frcs. zu rechnen, j sondern daß ein Fünftel oder ein Zehntel dieser Summe genüge. Aber auch dieser Typus ist unglaublich falsch

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