Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-05-29 · Heft 22-23 (29.5.1919) · p. Seite 681-682

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 22-23 (29.5.1919)
Date
1919-05-29
Page
Seite 681-682 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649295--0441-2649791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6S1 VOLK UND LAND 632 Aus der Besonderheit unseres Falles ergibt sich aber auch, daß die prinzipielle Anerkennung unseres Rechtes auf Palästina noch nicht unmittelbar die Gewährung aller derjenigen Rechte einschließen kann, die mit der politischen Befreiung anderer Völker, die auf ihrem eigenen Territorium leben, verbunden sind. Gewiß wäre es, rein konstruktiv gesehen, ein außerordentlicher Vorteil, wenn wir von Anfang an die politischen Machtmittel des Landes in uns konzentrieren könnten. Palästina tritt uns aber nicht als eine reine Idee entgegen, sondern als ein Gebilde der Realität. Wir haben den dringenden Wunsch, mit allen Bewohnern des Landes in Frieden und Freundschaft zu leben. Und wir sehen klar, daß sich unter den obwaltenden Verhältnissen für Palästina die Einsetzung einer Verwaltung empfiehlt, die ein reibungsloses Zusammenleben aller Teile der Bevölkerung gewährleistet. Unsere Wünsche gingen daher niemals nach etwas anderem1, als daß uns die Möglichkeit gegeben werde, den — von unserem Standpunkt gesehen — anormalen Zustand des Landes aufzuheben, indem wir wieder zum politisch, kulturell und wirtschaftlich entscheidenden Faktor des Landes werden. Hierfür brauchen wir eine wohlwollende .und gerechte Verwaltung, die in dem Juden einen „erwünschten“ Einwanderer sieht, die ihm vollste Freiheit politischer und geistiger Entwicklung gewährt, die ihn wirtschaftlich fördert und die ihm einen der Bedeutung des jüdischen Volkes entsprechenden Einfluß auf die Verwaltung des Landes verbürgt. All dies wird uns gewährt werden, wie es überdies dem traditionellen Geiste englischer Verwaltungspolitik entspricht. In weiser Beschränkung hat das Zionistische Aktionskomitee seine Forderungen aufgestellt und wird sie auf der Friedenskonferenz bewilligt erhalten. Der Rechtstitel des jüdischen Volkes auf eine nationale Heimstätte in Palästina wird anerkannt werden, und diese Heimstätte wird die Unterstützung des Völkerbundes haben. Palästina wird dem1 Völkerbund unterstellt sein und von England als dessen Mandatar so zu verwalten sein, daß es zur nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes wird. Die Grenzen des Landes werden denen des historischen Palästina entsprechen. An seiner Verwaltung werden die Juden den diesen anerkannten Ansprüchen entsprechenden Anteil haben. Im übrigen wird die palästinensische Judenheit volle Freiheit haben, ihre kulturellen und nationalen Angelegenheiten selbständig zu regeln. Die Bodengesetzgebung wird jede Bodenspekulation ausschließen. Für die Regelung der jüdischen Einwanderung werden Einrichtungen getroffen werden, über die das jüdische Volk selbst zu bestimmen haben wird. Der Weg nach Palästina wird also geöffnet sein. Vom jüdischen Volk wird es abhängen, in welchem Maße es von ihm Gebrauch machen wird. In der populären Auffassung ist häufig die Bedeutung der äußeren Politik und ihrer Erfolge falsch eingeschätzt worden. Unsere politische Arbeit steht miit Recht immer im Vordergrund unserer Konferenzen. Sie kann uns aber immer nur die Bahn für unsere Arbeit freimachen. Die Arbeit des Aufbaus selbst, die Wiederbesiedlung des Landes, die Aufbringung der Mittel, die Bereitstellung der Arbeiter — all das ist unsere Arbeit, wie es immer nur von der Intensität unseres Wirkens abhängen wird, in welchem Maße die Heimstätte in Palästina die Erfüllung der nationalen Hoffnungen des. jüdischen Volkes darstellen wird. Und daß dem so ist, ist die sicherste Gewähr dafür, daß der Charakter der neuen Siedlung unserem jüdischen Empfinden angepaßt, unseren jüdischen Lebensnotwendigkeiten entsprechen wird. Das Aktionskomitee hat uns dieser Tage eine kleine Probe der Anforderungen gegeben, die die Zukunft an uns stellen wird. Es fordert für das laufende Jahr 1919 die Aufbringung von 400 090 £ unter dem Titel: „Palästina - Auibaufonds“. Es handelt sich um die ersten Ausgaben für die Vorarbeiten des Aufbaues, um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in den jüdischen Städten und Dörfern, um Hygiene und Sanitätswesen, um wirtschaftliche Expertisen und Untersuchungen, um die Durchführung der inneren jüdischen Verwaltung im Lande und schließlich um die Kosten der zionistischen Organisation. 350 000 £ von den 400 000 £ werden in Palästina selbst Verwendung finden. Auch wir werden unseren Anteil zu übernehmen haben, ja wjr werden ihn fordern, um unserem eigenen Verlangen, für Palästina mitzusorgen, zu entsprechen. Unser Zentralkomitee hat daher beschlossen, unter Aufhebung aller unserer bisherigen organisatorischen Sammlungen eine Zionistensteuer auszuschreiben, zu der, wie wir hoffen, jeder Zionist nach Maßgabe seiner Opferwilligkeit und seinen äußersten Möglichkeiten beisteuern wird, und die unseren Beitrag zu den Kosten des Palästinaaufbaufonds, sowie auch die Kosten unseres Landesverbandes decken soIL Die Aufbringung dieser Beträge, die sich für dieses Jahr auf mindestens 600 000 M. belaufen werden, und die Fortführung unserer unter so günstigen Auspizien begonnenen diesjährigen Nationalfondssammlung werden zeigen, wieweit auf die finanzielle Bereitschaft unseres Landesverbandes gerechnet werden kann. Aehnliche und weitergehende finanzielle Ansprüche sind an die Zionisten aller Länder gestellt worden. Sie werden erfüllt werden. Denn sie sind doch der leichtere Teil der Aufgabe. Weit schwerer ist die Verantwortung, die in der Durchführung der Kolonisation selbst hegt. Seit mehr als achtzehnhundert Jahren wartet der Jude auf die Rückkehr nach Palästina. Zum ersten Male sind die politischen Voraussetzungen gegeben. Alle bisher vorhandenen Hindernisse sind gefallen. Da ist es denn mehr als selbstverständlich, daß tausend und aber tausend nur auf den Tag warten, an dem sich die Tore weit öffnen. Und wir Zionisten, die wir seit den ersten Tagen unserer Bewegung unermüdlich den Ruf zur Heimkehr nach Erez-Israel erhoben haben, werden — das braucht nicht versichert zu werden — alles tun, um die Wiederbesiedlung des Landes mit Aufbietung aller Kräfte und unter Ausnutzung aller Möglichkeiten zu fördern. Das jüdische Volk schenkt unserer Leitung Vertrauen. Es erwartet von ihr das Signal zum Aufbruch. Um so größer ist unsere, Verantwortung und um so mehr müssen wir bedacht sein, die Einwanderung in die Bahnen zu lenken, die eine segensreiche Entwicklung versprechen. Die Einwanderung muß von uns geregelt und auf Grund wohlüberlegter Pläne systematisch ausgestaltet werden. Der Begriff der „Regulierung der Auswanderung“ hat in der jüdischen Oeffentlichkeit einen schlechten Klang. Er bedeutete bisheT immer eine Beschränkung der Auswanderung, eine Bevormundung der Auswanderer. Wir werden die Heimat Unseres Volkes keinem seiner Söhne verschließen. Und wenn sich Unsere Leitung in den letzten Wochen veranlaßt gesehen hat, vor überstürztem Aufbruch zu warnen, so ist dies durch den augenblicklichen Zustand der Welt, der erst einen allmählichen Uebergang vom Weltkrieg zum Frieden darstellt, nur allzu verständlich! Wohl aber wird es Aufgabe unserer Organisation sein, diejenigen Kategorien von Einwanderern festzustellen, die jeweils für die Entwicklung des Landes am notwendigsten sind, die Berufe in der jüdischen Diaspora zu fördern, die heute fehlen und ohne die ein gesunder Aufbau des Landes undenkbar wäre, die Einwanderungsvvilligen zu registrieren und nach Maßgabe des Bedarfs aufzurufen, eine möglichst umfangreiche Einwanderung im Lande selbst systematisch vorzubereiten — kurz, die Einwanderung so zu beeinflussen, daß sie den Bedürfnissen des Volkes und des Landes entspricht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.