Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22-23 (29.5.1919)
- Date
- 1919-05-29
- Page
- Seite 677-678 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649295--0439-2649789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
678 677 ....-.- VOLK UND LAND Bedingungen das üeld nicht bekommen kann: es ist auch gar nicht nötig, eine eo unsinnige Verzinsung auch nur vor zu schlagen. Die tatsächlichen Ergebnisse einzelner seiner Schemata sind so günstig, daß eine normale Verzinsung absolut durchführbar ist. Bei einer solchen kann man das Geld aber dann auch wirklich bekommen. Und wenn dann weiter für jede Million Francs statt wie nach Oettinger etwa 40 Ansiedler-Familien volle ^00 angesiedelt werden können, so ist das auch nicht ein kleiner Unterschied, sondern ein prinzipieller, insofern, als die Billigkeit dieser Installation — weit über den Anleiherahmen hinaus — eben „zugkräftig“ ist, während Oettingers Basis aDscnreckt. Und schließlich wird Palästina in ganz anderem Maße zur Volkssache wenn, wie die Durchrechnung von Oettingers Unterlagen es ergibt, einige Millionen F a m i 1 i e n in Palästina Platz finden, anstatt, wie seine Darlegungen es wollen, jiur einige 100 000! Diese Argumentation ist nun derart wiederholt und hin und her beleuchtet worden, daß wir den normalen Leser schon unter der Begründung um Entschuldigung Jütten müssen, daß wir gezwungen sind, unser Möglichstes zu tun, um es auch in offizielle Gehirne hineinzuhämmern, daß es sich hier nicht um Rechenfehler handelt, sondern um nicht mehr oder weniger als: die Hauptfrage des jüdischen Palästina- Problems. Ich habe auf der Palästinatagung wiederholt darauf hingewiesen, wie sehr es auf ^Temperament Und Mentalität“ ankommt. In obigem kann man ebenfalls eine Bestätigung dessen sehen, aber vielleicht werden auch die folgenden Ausführungen dazu dienen, die Wichtigkeit ,,dieser“ Grundlagen 201 beleuchten. Man hat mir vorgeworfen, daß die Fülle meiner'Anregungen zu groß sei. Nun bin ich der letzte, der sie verkleinern wollte. Aber schließlich: Soll mir doch einer meiner durch die Fülle dieser Anregungen gepeinigten Widersacher auch nur 20 solcher Fälle oder Beispiele vorrechnen. Das wäre doch gewiß sehr viel. Nicht wahr? — Aber wäre es nicht auch verflucht wenig, wenn man sich überlegt, daß das der Extrakt einer zwanzigjährigen Tätigkeit eines der Ideenreicheren unter uns sein soll? Wie stellen sich denn die offiziellen Gehirne vor, daß jemand in den (nicht yon den) Palästinadingen lebt und mit einer Palästinabrille sich alles was in der Welt vorgeht oder was ihm in die Hände kommt ansieht, wenn schon eine ordentliche Anregung per Jahr ihnen zu viel erscheint? Und sollte ich wirklich schön brav und artig mit jeder neuen Anregung warten, bis die vorherige seitens unserer Instanzen ihre ordnungsmäßige Erledigung“ gefunden hat? Soll ich nochmals die kleine Jahrestabelle aus dem vorigen Abschnitt hierher setzen, um zu zeigen, welch tiefer“ Ueberlegung unsere offiziellen Stellen fähig sind, und wie ein lebendiger Mensch 77 mal krepieren kann, wenn er sich an das Tempo und das Temperament und die Mentalität usw. unserer Offiziellen halten müßte? Allerdings, wenn die Anregungen und die Materialien nichts taugen, dann ist es freilich schlimm, ln *der Tat hat mir ja die Partei der Offizialität auf dem Delegiertentag das schreckliche Verbrechen nachgewiesen, daß ich — notabene mit einem großen Teil der Baumwollfachweit und ihrer berufenen Organe — mit dem Caravonicabaum soi weit hereingefallen sei, daß ich — wie schrecklich! — „Anbauversuche angeregt habe“. Wer da glaubt, daß ich in meinem Leichtsinn vveiter- 1 gegangen sei, kann es in meinem Handbuch. Seite 05 oben nachlesen. Die Seitenzahl gilt für die dritte und vierte (nur teilweise veränderte) Auflage, bei welcher letzteren in diesem Teil aus technischen Gründen Aenderungen nicht vorgenommen werden konnten. Dagegen war die; bereits im Satz befindliche stark neu bearbeitete fünfte Auflage schon ohne diesen Schandfleck in Arbeit. Auf den Korrekturfahnen des Druckers vom 12. April stehen an Stelle des Kapitels über j die Caravonicawolle folgende Zeilen: ..Die Caravonica-Baumwolle, auf die man von j mehreren Seiten große Hoffnungen setzte, hat j sich einstweilen nicht bewährt.“! Die betreffende mit dem Datum des Druckers | versehene Korrektur steht einer „legitimierten Komi mission etwaiger Zweifler“ gern zur Einsicht frei.! A propos — „Einsicht“! — Sollte man an ihr! nicht zweifeln, wenn nach diesem Verlauf des Delegiertentages, nachdem die Offiziellen sich mit dem Heiligen Oettinger mit Ruppins Rechtfertigungsversuch, mit dem kläglichen Sachmaterial, das man gegen mich vorzubringen wußte usw. usw. so schauderhaften Schiffbruch gelitten hatten — daß dann taktisch sehr geschickt, nämlich im Moment der Abstimmungen, Herr Jakob Reich aus München auf treten konnte, um unter Berufung auf eine besonders unparteiische Stellungnahme meine Unterlagen als unzuverlässig hinzustellen! Ich kenne Jakob Reich seit vielen Jahren ajs einen der besten und sympathischsten Köpfe im deutschen Zionismus. Er soll auch ein wirklich guter Kaufmann und Rechner sein. Wie ist (Ja eine solche Stellungnahme zu erklären? Ich kann es nur werten als ein Beispiel jener nahezu unfaßbaren Treue mit der der Jude am Ueberlieferten hängt. Es ist nur zu erklären, wenn, wie ich behauptet habe, Oettingers hochgepriesenes Buch tatsächlich für unsere Offizialität und alles was auf sie schwört, zur Kolonisationsbibel geworden ist. Dieses Buch das drei Jahre lang (trotz der, wie das Aktionskomitee in seinem letzten Aufruf in der „Rundschau“ sich ausdrückt, „unaufhörlichen Wachsamkeit der Organisation“) der Aufmerksamkeit unserer Sachkundigen als gut und klar und als das Gediegenste usw. erscheinen konnte was bisher auf dem Gebiet der jüdischen Kolonisationstätigkeit erschienen ist. Wird das Gesagte ausreichen? Es ist fast schwer zu glauben, denn der Schwerhörigkeit der Offizialität sind kaum Grenzen gesetzt. Viel eher ist anzunehmen, daß man jetzt anfangen wird, Trietschs Bücher und Anregungen aus diesen 20 Jahren mit emsigem Bemühen durchzustöbern und eine Belohnung auf den Skalp des Störenfrieds zu setzen. Heil und Preis dem, der mir noch so eine Watteflocke von Caravonica nach weisen kann oder dergleichen. Zur Beleuchtung der Geringfügigkeit des Caravonica-Argumentes und um vor ähnlichem zu warnen noch folgende Reminiszenz: Wir haben einmal eine Palästina-Handelsgesellschaft gehabt. Sie war auf eine sehr interessante Weise zustande gekommen. Aber ihr Ende war noch interessanter. Der Prospekt der Gesellschaft war an sich ein Unikum. Um in der Hauptsache ernsthafte rechnende Hamburger Kaufleute zu gewinnen, wurde ein Prospekt verbreitet, der in den glühendsten Färben des Orients