Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-05-15 · Heft 20-21 (15.5.1919) · p. Seite 667-668

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 20-21 (15.5.1919)
Date
1919-05-15
Page
Seite 667-668 (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649294--0429-2649778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

667 Volk und Land 668 dings sehr lehrreich, bei unsenen Lodzer Freunden zu erfahren, ob sie wirklich die Möglichkeit eines Eindringens des Jidischen — auch Polnischen, Russischen, Deutschen — für ausgeschlossen halten. Vielleicht hat sich in diesem Protest der Unwille gegen die Ein schmuggelung der jidisciiistischen Ideologie geäußert? Daß aber auch eine solche Gefahr tatsächlich besteht, beweist folgende Zeitungsnotiz: „Dier Palästina-Arbeiterkongreß in Amerika hat einen Beschluß zum Schutz« der jidischen Sprache in Palästina gefaßt.“ Das Anwachsen der zionistischen Massen, das an und für sich gewiß ein Segen ist, kann ein Fluch werden, wenn diese Massen sich nicht den Hauptprinzipien der zionistischen Politik einordnen wollen. Ein kategorischer Imperativ unserer Kulturpolitik in Palästina ist und bleibt die Alleinherrschaft des Hebräischen. Leider befinden sich unter den „Kriegs- und Deklarationszionisten“ auch Vertreter des schroffen Jidischismuis. Dr. Schilk o w s k i, jetzt ein heißer Befürworter der „jüdischen Herrschaft“ in Palästina, hat kurz vor denn Kriege in Jerusalem in einer Arbeiterversammlung erklärt, „Erez- Israel gehört ebensogut uns (Jidischisten) wie euch (Hebraisten)“. Auch aus anderen Quellen wissen wir, daß diese verderbliche Ideologie sich rüstet, in Palästina einzurücken und uns dort den Boden streitig zu machen. Merkwürdigerweise ist in der unübersehbaren Artikelreihe, die die Masseneinwanderung in Palästina behandelt, das Doppelproblem des zu gewärtigenden sprachlichen Babylons und der damit verbundenen Bedrohung der hebräischen Sprache kaum berührt worden. Soll es eine Folge der Gedankenfeigheit oder der einseitigen wirtschaftlichen Betrachtungsweise sein? Wir wollen doch nicht nur eine große Anzahl Emigranten nach Palästina verpflanzen, wir streben doch danach, alle diese Menschen in Gemeinschaften zusammenzusdiheßen! Ist aber die „wahre Gemeinschaft“ möglich dort, wo ein Sprachenwirrwarr und Kulturgegensätze herrschen? Bei den Chaluzim und Chaluzoth darf diese Gefahr fast als ausgeschaltet zu betrachten, sein. Trotzdem können die Chaluzim nicht eindringlich genug immer wieder auf die unbarmherzig-konsequente Verwirklichung des Hebraismus schon hier im Galuth hingewiesen werden. Sie wollen doch den Elitetrupp unseres Arbeiterheeres bilden. Mögen sie es auch in ihrer treuen Ergebenheit zu unserer Sprache sein! Hätten wir nur miit einer Pionier-Einwanderung zu rechnen, so würden wir unser sprachliches Ideal ohne jgroße Schwierigkeiten verwirklichen können. Wir müssen aber damit rechnen, daß die Chaluzim nur einen verschwindenden Bruchteil des zu erwartenden Emigrationsstromes bilden werden. Was soll nun mit den großen Massen geschehen? Sollen wir mit verschränkten Armen sie bei ihren geringen hebräischen Kenntnissen bzw. bei der Unkenntnis des Hebräischen lassen und sie auf solche Weise in die Arme der auf den Fang unschuldiger Seelen harrenden Golusromantiker stürzen? Nein, das „laisser faire, laisser aller“ ist ebenso zu verdammen in der Kulturpolitik, wie in der Wirtschaftspolitik. Es ist — und wenn es noch nicht ist, so muß es werden — Aufgabe der zentralen zionistischen Instanzen, schon jetzt alle nötigen Vorkehrungen zu treffen, um: den drohenden Sprachmischmasch zu vermeiden. Es fällt uns natürlich nicht ein, eine besondere Auslese nach Sprachkenntnissen zu fordern, obwohl sie ebenso wichtig für das Gedeihen der kulturellen Eintracht wie etwa die Auslese nach der Gesinnung ist. Daß aber in sämtlichen Ein- und Auswanderungsämtern, Kolonisations- und Bankbetrieben, palästinensischen und Golusbehörden der zionistischen Organisation kein Beamter — oberer oder Subaltern — geduldet werden kann, der nicht das Hebräische in Wort und Schrift beherrscht, sollte schon längst ein Grundsatz der zionistischen Praktik sein. Es ist beschämend, daß trotz aller gutgemeinten Resolutionen, die ersten, die dieselben als „Fetzen Papier“ betrachten, gerade die Zentralbehörden sind. Und sie sollten doch mit gutem Beispiel vorangehen! Es ist totsicher, daß, wenn eben diese Zionisten für ihr wirtschaftliches Gedeihen etwa das Englische nötig hätten, sie es schon längst beherrschten. Ist denn das Hebräische so gering zu schätzen? Es kann doch wirklich nicht auf die Dauer gehen, daß Männer, die große Worte für das Hebräische führen, die „kleinen Buchstaben“ schlecht verstehen! Man wird einwenden, durch solche rigorose Maßnahmen können wir manche wertvolle Kraft verlieren. Aber das halte ich für ausgeschlossen: diejenigen, die mit uns mit Leib und Seele sind, werden auch dieses Opfer (wenn das Studium der Nationalsprache ein Opfer ist!) bringen. Ja, sie werden der Leitung für einen solchen mörderischen Druck nachträglich dankbar sein. Werden sie doch aus dem Widerspruch zwischen Wort und Tat, der auf ihnen lastet, erlöst werden! Hoffentlich wird die Hebraisierung der zionistischen Beamtenschaft — im breitesten Sinne des Wortes — auf keine großen Schwierigkeiten stoßen. Was aber am meisten nottut, ist die sofortige Inangriffnahme eines großzügigen hebräischen Unterrichts für Erwachsene und in erster Linie für die potentiellen Palästina-Einwanderer. Die schon in mehreren Städten bestehenden Abendkurse für Erwachsene können uns dem Ziele nicht näher bringen, weil dort „Erwachsene“ eigentlich Jugendliche sind. Uns kömmt es aber darauf an, gerade die verheirateten Familienväter, die „poschete“ Juden in unseren Wirkungskreis einzubeziehen. Wollen wir diese Leute für das Hebräische gewinnen, so dürfen wir keineswegs warten, bis sie zu uns kommen. Im Gegenteil: wir müssen alsi erste an die Leute herantreten, wir müssen sie aufsuchen und finden, dort, wo sie für geistige Dinge zu haben sind. Diese Stätte ist die Klaus (bei den Mißnagdim) und das Stibel (bei den Chassidim). Bekanntlich wird vor dem Morgengebet Thilim „gesagt“; zwischen Mincha und Maariw wird Ajin Jaakow vorgetragen. An das müssen wir anknüpfen, um Erfolg zu haben. Es wird keine allzu große Mühe kosten, die Anleitung beim 'Thilim „sogen“ bzw. Ajin Jaakow' „lernen“ zu erobern. Dazu sind freilich junge, ergebene, mit und in 'der Masse lebende, sozial gesinnte Menschen nötig. An den jungen Zionisten aller Strömungen liegt es, diese große Volkssaehe zu vollbringen. Es würde mich zu weit führen, wenn ich auf die Einzelheiten des zu betreibenden Unterrichts eingehen wollte. Einige Andeutungen werden auch an dieser Stelle von Nutzen sein. Es käme vor allen Dingern i:n der ersten, Zeit auf die Entwurzelung der falschen und! häßlichen Aussprache an. Das „Sogen“ und „Lernen“ muß so umgestaltet werden, daß die Schüler aus denn Thilim und Ajin Jaakow sprachliche Kenntnisse schöpfen. Allmählich wird) sich auch die hebräische Konversation Bahn brechen. Hand in Hand! mit der Eroberung der bestehenden Chewroth muß auch die Gründung neuer Vereine vor sich gehen. Ich denke dabei an 'einen. Lomde-Thora- Verein (Thora-Lernende), Dorsdie-Meikra-Verein (Bibel- Studien), an einen Verein, der sich das Ziel stellt, den Perusch Hamibt, d. h. die Uebersetzung, der Gebete den Leüten beizubringen. In dieser wahrhaften Vorbereitungsarbeit können Zeire Zion und Zeire Hamisrach mit Liebe und Verständnis für die Volksmassen Hervorragendes leisten. Nur keine Schablone! Nicht der alleinseligmachende „Rat“ oder sonstige moderne Lehrbücher sollen die Kenntnisse vermitteln. Nicht die Schüler sollen sich dem Lehrbuche anpassen, sondern umgekehrt! Es wird sich wohl empfehlen, schon jetzt die zukünftigen Auswanderer in besonderer „Klause“ und „Stiblach“ zusammenzuschließen. Dadurch wird! einerseits die von Ruppin mit Recht Verlangte „soziale Gesinnung“ und die Freundschaft gefördert werden, andererseits wind die Hebraisierung, aller äußerer Hemmungen frei, mit kräftigem Schwung vor sich gehen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.