Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 661-662 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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661 VOLK UND LAND 662 Palästinensern zusammen, größtenteils Jeschiwa Schülern. In den Kreisen dieser orthodoxen jungen Leute hat sich während des Krieges eine bedeutende Entwicklung vollzogen. Die Revolution in der Türkei, die zionistische Arbeit in Palästina und die Einführung der allgemeinen militärischen Dienstpflicht, dazu der Bankerott einer der größten Jeschiboth hatten eine Krisis im Jerusalemer jüdischen Leben hervorgerufen, die viele zur Auswanderung nach Amerika trieb. Andere junge Leute begannen sich zu organisieren und strebten darnach, die Verwaltung ihrer Lehrschulen selbst zu übernehmen. Bei Kriegsausbruch befanden sich die Jeschiwa-Schüler in der äußersten Notlage. Viele von ihnen gingen in die Ackerbau-Kolonien und versuchten notgedrungen, sich mit Landarbeit zu beschäftigen. Dieses Leben in den Kolonien hatte einen äußerst günstigen Einfluß auf ihr ganzes Wesen, und viele begannen in der körperlichen Arbeit ihre Rettung zu sehen. Bei der Einnahme von Jerusalem organisierten sich 50 solcher jungen Leute, um eine gemeinsame Kolonie zu gründen. Gleichzeitig organisierten sich 75 andere, um Hebräisch und andere weltliche Wissenschaften zu studeren. Aus diesen Kreisen entsprang der Gedanke der Gründung einer Jeschiwa mit Universitätscharakter. Diese neuen organisatorischen Tendenien innerhalb der orthodoxen Jugend prägen sich in der „Hazair Haerez Israeli“ aus, die ihren Ursprung in Jaffa hat. Eine Zweigorganisation besteht in Jerusalem mit Mitgliedern aller Gruppen der orthodoxen Jugend. Die Vereinigung umfaßt alle Interessen der jungen Orthodoxen, darunter die Reform der Jeschiboth und die Bildung von Arbeitergruppen. Sie legt großen Wert auf Landarbeit und hofft Ordnung in die Jeschiboth zu bringen. Die jungen Orthodoxen sind zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Jeschiwa in ihrer jetzigen Form hauptsächlich eine Zuflucht für die Hungrigen ist. Schüler, die nicht imstande sind, Talmud zu lernen, und! die Thora nur studieren, um ihren Lebensunterhalt zu erwerben, haben einen demoralisierenden Einfluß auf 'die ganze Jeschiwa. Um hier Wandel zu schaffen, strebt die neue Organisation danach, viele der Jeschiwaschüler zum freiwilligen Eintritt in die Arbeitergruppen zu bewegen. Zu diesem Zweck hat sie folgende Punkte in ihr Programm 'aufgenommen: 1. Die Bildung von Lanäarbeitergruppen, die der Leitung der Organisation Unterstellt bleiben, bis sie richtig auf dem Lande angesiedelt werden können. 2. Die Förderung des Handwerks unter den jungen Leuten, die hierzu besonders befähigt sind. Allerdings s;nd die Voraussetzungen für die zweite Forderung, nämlich die Berufsbildung der .jungen Leute, ZU der viele Mittel gehören würden, nicht gegeben. Dagegen wird der erste Programmpunkt bereits ausgeführt. In Petach Tiikwati wurde eine Gruppe von Gemüsezüchtern eingerichtet, und in Redioboth arbeiten 20 junge Leute als Taglöhner. Die Zionistische Kommission hat der ersten Gruppe 300 Lstrl. bewilligt und bestreitet einen Teil 'der Ausgaben beider Gruppen. Zur Psychologie der jüdischen Notabein Das Kopenhagener Zionistische Büro berichtet: Eine Reihe englischer Zeitungen verfolgt seit einiger Zeit dae Tendenz, aus der Tatsache, daß eine Reihe von Juden an der bolschewistischen Bewegung beteiligt ist, den Schluß zu ziehen, daß der Bolschewismus eine „jüdische Bewegung“ sei. „Morning Post“ ging kürzlich so^ar so weit, zu behaupten, der Bolschewismus werde von einer starken Gruppe deutsch-jüdischer und russischjüdischer Kapitalisten gefördert. Hand in Hand mit dieser Aufdeckung des j jüdischen“ Charakters des Bolschewismus geht eine starke Agitation gegen die eingewanderten Juden in England, die in ihrer Gesamtheit als die Träger des Bolschewismus gestempelt werden sollen. |! Während man sich nun in den englisch-jüdischen Notabeln-Kreisen bestrebt, das englische Judentum von dem Vorwurf bolschewistischer Gesinnung reinzuwaschen — häufig unter einem vielsagenden Schweigen über die Gesinnung der eingewanderten Juden —- haben kürzi lieh die beiden Zeitungen „Jewish Chronicle“ und „Jewiish World“ den dem Judentum hingeworfenen Fehdehandschuh aufgenommen. Anstatt, wie das sowohl in gewissen Teilen der englischen Presse aljs auch in den! führenden Kreisen des englischen Judentums Sitte ist, | davon auszugehen, daß der Bolschewismus eine ver- I brecherische Verirrung des menschlichen Geistes ist, I wiesen diese beiden Zeitungen in einer Anzahl von Ar- I tikeln und Briefen auf den Idealismus, der auf | dem Grunde der bolschewistischen Ideologie legt, hin,; und erklärten die Anhängerschaft so vieler Juden an | diese Bewegung als einen neuen Beweis für die jüdische { Fähigkeit der Hingabe an ein Ideal. Dies geschah unter | ausdrücklicher Ablehnung der bolschewistischen Lehre, j Die Haltung dieser beiden anglojüdischen Zeitungen } ist in der offiziellen Presse stark kommentiert worden. | Besonders „Morning Post“ griff die angebliche Unter | Stützung des Bolschewismus durch die popu’ärsten jüdi! sehen Zeitungen des Landes auf Und benutzte sie als eine | Bekräftigung ihrer anti jüdi sehen Anschauung. In diesen j Artikeln erhielt die ganze Frage immer mehr den I Charakter eines Angriffes gegen die in England le.ben- | den russischen Juden im Gegensatz zu den englischen Juden, denen eine Unterstützung bolschewistischer Propaganda nicht .nachgesagt wurde. Den englischen Juden wurde durch „Morning Post“ wiederholt nahegelegt, durch eine öffentliche Erklärung jede Verbindung mit dem Bolschewismus zu widerlegen. In ihrem Bestreben, sich selbst reinzuwaschen, ist eine Anzahl englischjüdischer Notabein tatsächlich dieser Aufforderung nachgekommen, indem sie am 22. April einen Brief folgenden Inhalts an „Morning Post“ richteten: „A n den Redakteur der Morning Post. Sehr geehrter Herr! Wir haben mit dem _ größten Interesse und mit aufrichtigem Bedauern gewisse Artikel gelesen, die kürzlich in zwei einander nahestehenden jüdischen Zeitungen dieses Landes über das Thema des Bolschewismus und seiner „Ideale“ erschienen sind. Nach unserer Meinung kann die Veröffentlichung dieser Artikel keinen anderen Erfolg haben, als die Annahme der theoretischen Prinzipien russischer Bolsdiew'isten unter den ausländischen Juden, die in England eine Zuflucht gesucht und gefunden haben, zu fördern. Wiw begrüßen daher ihre Anregung, daß die englischen Juden „sich von einer Sache lossagen sollen, die das jüdische Volk in allen Teilen der Welt schädigt.“ Das ist vollkommen richtig und in unserem eigenem und im Interesse zahlreicher englischer Juden, mit denen wir uns verständigt haben, wünschen wir uns absolut und ohne Vorbehalt von der verderblichen und irreführenden Lehre, die durch jene Artikel verbreitet werden soll, loszusagen. Wir weisen sie als gefährlich an sich und als nicht im Einklang stehend mit den Grundsätzen und Lehren des Judentums zurück. Die Liga der britischen Juden wurde im November 1917 teilweise zu dem Zweck gegründet, um der verfehlten Politik der genannten Zeitungen entgegenzuarbeiten. Die Tätigkeit und Ansichten der Liga werden in einer Monatschrift „Jewish Opiniou“ (folgt Adresse) veröffentlicht, die evtl, mit einem größeren und häufiger erscheinenden Blatt verscfimolzen werden könnte. Denn wir stimmen vollständig mit Ihrer Kritik überein, daß „die englische Judenschaft, deren meiste Mitglieder“, wie Sie ganz richtig sagen, „keineswegs mit diesem (nationalistischen) Kreuzzug übereinstimtnen, von ihren Zeitungen sehr schlecht bedient wird“. Inzwischen ergreifen wir diese Gelegenheit, tim öffentlich