Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 655-656 (sequence 26)
- Language
- German
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655 VOLK UND LAND 656 „Die jüdische Wanderung wird nach dem Frieden eine ungleich größere sein müssen als je zuvor.“ „Wir müssen daher jetzt die Fassungskraft Palästinas nach allen Richtungen hin auszunutzen suchen.“ Gelingt es uns nicht, in kürzester Zeit die uns bisher in Palästina fehlende Majorität nachträglich zu schaffen, so können wir nicht die Verfügung über Palästina behalten oder gewinnen. Aus all diesen Gründen müssen wir tatsächlich trachten, in kürzester Zeit die größtmögliche Zahl von Juden nach Palästina zu bringen. Daß es an großen wirtschaftlichen Möglichkeiten hierzu nicht fehlt, dafür habe ich in meinen zahlreichen Veröffentlichungen ein weitfassendes Material zusammengetragen, das — bei der Vielseitigkeit und Findigkeit unseres Menschenmaterials — in der wirklichen Kolonisationstätigkeit noch bei weitem übertroffen werden wird. Mit einem Wort — und hier zitiere ich Auerbachs gleichzeitigen Aufsatz in der „Jüdischen Rundschau“ —: Der Zionismus ist dazu da, ,,um dem jüdischen Volke eine nationale Heimstätte zu schaffen“. — Er ist n ich t dazu da, um die jüdische Wanderung auch nach Erreichung des politischen Zieles des Zionismus weiter in die Zerstreuung gehen oder — angesichts des von den Mächten der Erde den Juden geöffneten Landes — ihre Massen mangels anderer Immigrationsländer in den Auswanderungsgebieten weiter verkommen zu lassen. Auerbach sagt zwar: „Im Programm sind wir alle gleich: wir wollen so viele Juden als möglich, so rasch als möglich nach Palästina bringen. Hier sind wir alle Maximalsten.“ Demgegenüber klingen seine Ausführungen aber zum weitaus größten Teile wie die schärfsten Feindseligkeiten gegenüber einem vernünftigen Maximalprogramm. Wie ein gerissener Anwalt der Gegenpartei trägt er fleißig gesammelte gut klingende Argumente zusammen im Sinne einer Gegenpropaganda gegen die Auffassung, als ob Palästina die jüdische Frage oder auch nur die Judeneinvvanderungsfrage lösen könne. Was der Zionismus in 22 Jahren Propaganda für sich geltend gemacht hat, wird im Augenblick der möglichen' Erfüllung von seinen patentiertesten Vertretern unter Berufung auf eine plötzlich entdeckte Verantwortung abgeschworen. Aber die Verantwortung richtet sich ja gerade nach den Tatsachen und nach den tatsächlichen Möglichkeiten. Nur wenn diese wirklich gegen Palästina (im Sinne der Auerbachschen Ausführungen) sprechen, ist auch die Verantwortung in seinem Sinne zu beurteilen. Weisen aber die Tatsachen und tatsächlichen Möglichkeiten in der Richtung einer großzügigen Einwanderung und Kolonisation in Pa- Iästina;, so ist es unverantwortlich, aus Unverstand oder Nichtverstehenwollen, aus Pessimismus oder aus Mutlosigkeit sich der großen möglichen Judenhilfe in und durch Palästina warnend und argumentierend in den Weg stellen zu wollen. ARBEITER - H EIMSTAETTEN (Aus: Oettinger, Methoden u. Kapitalbedarf usw. S. 66. f.). Die Frage geringer Bodenflächen und geringer Anlagekosten ist von besonderer Bedeutung für die Lösung der für palästinensische Verhältnisse sehr wichtigen Aufgabe der Seßhaftmachung jüdischer Arbeiter. Die Versuche, jüdische Landarbeiter seßhaft zu machen, die in Palästina bisher unternommen wurden, haben zur Begründung kleiner Siedlungen von „Halbkolonisten“ (En Ganim, Bir Jacob, Nachlath Jehudah) geführt Die Ansiedlung der Jemenitenarbeiter gehört in dasselbe Gebiet der Schaffung von Arbeitersiedlungen im Anschluß an bestehende, genügende Arbeitsgelegenheit bietende Kolonien. Daß diese Begründungen einem wirklichen starken Bedürfnis entsprechen, daran zweifelt wohl niemand. Zugleich aber ist man allgemein der Meinung, daß es Sache der weiteren Zukunft sein wird, für das Problem der Halbbauernsiedlungen die geeignetste Lösung zu finden, und vor allem festzustellen, wieviel Geld zur Ansiedlung einer Arbeiterfamilie nötig ist, welche neben dem Gewinne aus dem Arbeitslöhne das übrige für den Lebensunterhalt notwendige Einkommen aus einer Kleinwirtschaft zu beziehen angewiesen ist. Bodenreal der A r b e i t e r h e i m s tä 11 e n. Die bisherige palästinensische Praxis hat zunächst in dieser Beziehung erwiesen, daß in Gemäßheit der Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse ein bedeutender Unterschied zu machen ist zwischen jüdischen Landarbeitern, die aus Osteuropa stammen, und denen aus Südarabien, ln bezug auf beide Gruppen ist es jedoch bereits klar, daß einzig und allein die Errichtung von Wohnstätten, wie man im Anfänge dachte, zur Bildung von Halbhaue rpsiedlungen nicht ausreicht. Außer einem Wohnhause muß jede „Arbeiterheimstätte“ mit einem entsprechenden Bodenanteile versehen sein. Dem Arbeiter muß die Möglichkeit gewährt werden, in nicht spielerischer Weise Gemüsebau zu betreiben, Geflügel und eine oder besser — zwei Kühe halten. Ist der Boden der Heimstätte unbewässerbar, so müssen, damit derselbe zum Jahresbudget der Familie in der Höhe von wenigstens einem Viertel oder einem Drittel beitrage, nicht weniger als 20 Dunam zugewiesen werden. Ist der Boden bewässerbar, so werden auch schon etwa fünf Dunam genügen. Man darf diese bescheidenen Ziffern nicht vermindern. Kos t e n a n s ch lag un di Rentabilitätsberechnung. Nach den bisherigen in Palästina gemachten Erfahrungen muß für das Wohnhaus eines Arbeiters die Mindestsumme von 2000 Fr. angesetzt werden. Der Bodenanteil wird, da er an eine Kolonie angrenzen muß, 750—1000 Fr. kosten (5 Dunam ä 150 Fr. bewässerbaren. Bodens oder 20 Dunam ä 50 Fr. unbewässerbaren Bodens). Für den Anteil an einer Wasserleitungsanlage sind 500 Fr. vorzusehen, für eine kleine Baumpflanzung 200 Fr., für Umzäunung 100 Fr., für Einrichtung des Gemüsegartens und Geflügelhofes 150 Fr. Für lebendes Inventar (zwei Kühe, Geflügel — 000 Fr.), Werkzeuge (100 Fr.) und Sämereien (50 Fr.) sind insgesamt 1050 Fr. zu veranschlagen. Die folgende Tabelle enthält eine Zusammenstellung des notwendigen Anlagekapitals sowie eine Rentabilitätsveranschlagung für eine Halbbauernwirtschaft in Palästina.