Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 653-654 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649294--0422-2649771- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
653 VOLK UND LAND 654 pivrung des Publikums oder die Selhstilüpicrung zu weit treiben wollen, und keine noch so scherzhafte Uebertreibung (warum muß Auerbach die von ('hamitzer behauptete Möglichkeit erheblicher Verbesserung gleich von rund 30 bis auf 50 ",o steigern?) ändert etwas an der Tatsache, daß Auerbach Jiier mit einer höchst ernsthaften Sache ,,Theater treibt“ . . . Es muß sich doch auch für prinzipielle Verteidiger der Offizialität und ähnlich gerichtete Köpfe verlohnen, ein wenig nachzurechnen, wenn gezeigt wird, daß der erste landwirtschaftliche Fachmann der zionistischen Weltorganisation aus purem Nichtrechnenkönnen das genaue Gegenteil dessen bewiesen hat, wras er zu beweisen entschlossen war. „Eine wirklich verheerende“ Rechnung, die gar nichts ,,Scherzhaftes“ mehr hat, auch wenn Oettinger für seine „Methoden“ verlangt, nationales Kapital zu 2 °/o hergeben zu können, um dann eine Gesamtrentabilität von 1,9 <yu zu erzielen. Wo wären unsere Zionsw ächter, wenn solche grundlegenden Tollheiten durchgehen und sogar zur zionistischen Kolonisationsbibel gestempelt werden konnten! Bezüglich der Industrie kann sieh Auerbach darauf berufen, daß er sie mit in Betracht gezogen hat. Aber was er darüber schreibt, sieht einer verbissenen Gegnerschaft verteufelt ähnlich. Vor allem fehlt ihm Kohle und Eisen. Die Wasserkräfte, deren Vorhandensein er nicht leugnet, sind ihm Zukunftsmusik, das Petroleum muß erst gefunden werden und wird auch wohl nur für kleinere Motoren in Betracht kommen.“ Komisches Petroleum, das nur kleine Maschinen treibt. Die Verhältnisse in Palästina sind wirklich ganz „eigenartig“. „Bis zur Schaffung ausreichender Wasserkraftwerke wird sehr geraume Zeit verstreichen.“ Nach Auerbachs Methode gewiß,'wenn ein paar mehrjährige „Akte“ und entsprechende Pausen vorgeschaltet werden müssen. Aber es gibt diverse Firmen auf der Welt, denen die Einrichtung solcher Wasserkraftwerke minder schwer fällt, und die uns in wenigen Monaten mehr Elektrizität liefern können, als unserem Bedarf dann bereits entsprechen wird. Aber für Dr. Auerbach sind die Elektrizitätswerke bereits unzureichend, bevor wir sie noch haben, „wir müssen Kohlen einführen“. Wenn ich von Industrien spreche, so sind mir gerade diejenigen von unmittelbar kolonisatorischer Bedeutung die wichtigsten. Dazu gehören solche, bei denen die Handarbeit durch keine Fabrikarbeit ersetzt oder übertroffen werden kann. Mit die wichtigsten sind die Zigarettenindustrie, die kunstgew erbliche Industrie, (einschließlich Spitzen und Stickereien) und die Trikotagenindustrie. In diesen und zahlreichen anderen Industrien können viele Zehntausende von Reuten sehr schnell Beschäftigung finden. Dazu brauchen wir zunächst keine elektrischen Kraftwerke, und auch das für alle hier genannten Industrien nötige Petroleum kann in einer leeren Flasche importiert werden. Wieder hat es Auerbach hier mit einer Karre nzz eit. „Bis die Vorstudien gemacht sind, das Terrain gewählt, gekauft ist, das Baumaterial beschafft, die Bauten aufgeführt, die Maschinen aufmontiert sind, werden 2 Jahre vergehen.“ — Gewiß, wers Talent dazu hat, kann sogar für jede dieser liebevoll aufgezählten sechs Einzelheiten zwei Jahre brauchen. Ich allerdings würde für die „Aufmontierung“ der Nähnadel, die für die Spitzenindustrie gebraucht wird, oder für die kleine Vorrichtung zum Zigarettendrehen oder für das Auf-den-Tisch-stellen einer aus Europa bej zöge neu Trikotagenmaschine oder dergleichen vvirk-; lieh sehr viel weniger Zeit brauchen als 2 I Jahre. Auerbach sicht in der Hauptsache die üroß- | maschinen, die verhältnismäßig wenig Leute beschäftigen, während ich im kolonisatorischen Interesse gerade die Kleinmaschinerie, die möglichst viele Hände beschäftigt, bevorzuge. Wir brauchen zwar selbstverständlich die Großmaschinerie auch, aber darauf braucht die Einführung der Kleinindustrien nicht zu warten, die uns eine wesentliche Vergrößerung der Einwanderung von vornherein ermöglicht. Man sieht, die Sache läßt sich sehr verschieden darstellen — und auch machen! Es kommt in der Hauptsache darauf an, ob ein praktischer Kopf eine Sache wirklich will, oder ob ein anderer sie wirklich nicht will. Fraglich kann nur sein, ob unser Publikum sich eine so wirtschaftsfremde Darstellung gefallen lassen wird. Mir scheint, dies könnte nur der Teil unseres Publikums sein, der mit derselben tatsächlichen Abneigung wie Auerbach vor der Probe auf das zionistische Exempel steht. Ganz nebenbei und kurz sei noch erwähnt, daß Auerbach wohl irrtümlich die Chancen unserer Zuckerindustrie auf das Zuckerrohr beschränkt, und daß es ebenfalls wenig Sinn hat, die Möglichkeiten der Verteilung der Industrien aufs Land auf die landwirtschaftlichen Verarbeitungsindustrien zu beschränken. Das können wir mit weitaus den meisten, ja sogar Wohl fast allen Industrien so machen. Aber schließlich ergreife ich gerne die Gelegenheit, auch mein Einverständnis mit Auerbach zu betonen, oder wenigstens mit seiner Tendenz die Lichtheimschen Ziffern schon jetzt zu verdreifachen. Auerbach glaubt, „auf eine jährliche Einwanderungsziffer von 60 000 Menschen für den Durchschnitt des ersten Jahrzehnts hoffen zu können“. Mit noch einer Verdreifachung wird er meiner Auffassung schon ganz wesentlich näher gekommen sein, und Möglichkeiten hierzu glaube ich ihm im Vorstehenden hinreichend geboten zu haben. Wenn ich ihm ein Eingehen auf mein Material durch eine gew isse weitgehende Deutlichkeit meiner Erwiderungen erschwert haben sollte, so möchte ich ihm — und dem Leser — dafür zum Schluß noch eine kleine Erklärung geben. Auerbach ist ein ausgezeichneter Debatten Was er seinem Publikum beibringen will, versteht er in eine Form zu bringen, die bestrickend wrirkt. Um so dringender ist es nötig, in einer Weise zu antworten, die es auch einem breiteren Publikum erleichtert, die Haltlosigkeit der Grundlagen zu durchschauen und sich über die letzten Motive und die prinzipiellen Gegensätze klar zu werden. Der prinzipielle Gegensatz zwischen Auerbach und meinem Standpunkt ist aber der, daß e r meint (wörtlich): „An eine durchgreifende Lösung der Judenw anderungsfrage durch die Oeffnung Palästinas ist für die nächste Zeit nicht zu denken“ und „Es kann nicht Ziel dieser Einwanderung sein, eine Lösung des jüdischen Ausw anderungsproblems zu bringen.“ Meinen Standpunkt möchte ich dagegen mit folgenden Sätzen kennzeichnen: „Das Primäre am Zionismus (wie auch an jeder anderen jüdischen Kolonisationsbestrebung) ist das Volk und nicht das L a n d.“ „Die Ueberlassung Palästinas an die Juden ist von den Mächten auch so gemeint, daß dadurch die Juden Wanderunginder Hauptsache nach Palästina gelenkt werden soll.“