Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 651-652 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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651 VOLK UND LAND 652 Mailiche werden meinen, daß die öffentlichen Arbeiten nur vorübergehend eine große Zahl von Arbeitskräften beschäftigen können. Bei dem Umfang aber, den ich den öffentlichen Arbeiten einräume, ist das nicht zu befürchten. Wenn wir außer der allgemeinen ,L andeserschließung durch Verkehrsanlagen (Straßen, Bahnen, Häfen) Ent- und Bewässerungsanlagen, Assanierung, Aufforstung und Elektrizitätsversorgung auch noch die Vorbereitung von Heimstätten und den einfacheren Hausbau^ ferner die Versorgung der ganzen Bevölkerung mit Lebensmitteln und evtl, auch Industrieerzeugnissen in dieses Programm einbeziehen, so ist klar, daß die öffentlichen Arbeiten weder in der Zeit noch im Arbeitsquantum sich an irgendwelchen Grenzen stoßen können. Rechnen wir für die Landmelioration und den Hausbau nur 2000 Frcs. pro Heimstätte (was eine durchaus {mögliche Ziffer ist), so würde jede Million Heimstätten 2 Milliarden Frcs. erfordern. Aber auch Straßen- und Wegebau, Bewässerung und Aufforstung sind keine vorübergehenden Aufgaben. Sie werden sicher Weiter reichen als alle unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten. Auch der Kostenpunkt n44 dieser Arbeiten braucht Uns nicht zu schrecken, wenn unser System der öffentlichen Arbeiten (noch dazu bei gleichzeitiger Produktion für das Arbeiterheer selbst) mit keiner höheren Entlohnung zu rechnen braucht als mit dem Unterhalt der bei diesen Arbeiten Beschäftigten und ihrer Angehörigen. Damit gehe ich freilich weiter als Oettinger, der bei einer zweijährigen Dienstzeit nur für das zweite Jahr Ernährung und Kleidung bewilligen will (siehe „Volk und Land“, Heft 4, Spalte 122). So billig möchte ich cs freilich nicht machen! Wenn wir dann andererseits denen, die diese Dienstzeit abgeleistet haben (gegen eine mäßige Pacht, in der allein schon die ökonomische Möglichkeit dazu läge), als Entgelt das Anrecht auf eine Erwerbsheimstätte gewähren groß genug, um nicht nur davon zu existieren, sondern auch um eine Familie zu erhalten und bei entsprechender Arbeit zu Wohlstand zu gelangen, so dürfte diese staatliche Gegenleistung, die auf durchführbarer Grundlage die verstiegensten sozialistischen Forderungen an praktischem Wert übertrifft, auch die Arbeitsfreude schaffen, die uns die beste Durchführung unseres Programms der öffentlichen Arbeiten sichert. Es j[reut mich sehr, daß Auerbach (übrigens auch Ruppin und Lichtheim) sich neuerdings so entschieden für den Gartenbaucharakter Palästinas aussprachen. Aber die „Getreideperiode“ scheint doch noch nicht hinreichend überwunden zu sein. Auerbach stellt sich vor, daß wir, „um billiges Brot zu haben, ausreichend Getreide anbauen müssen, bei ungenügender Rentabilität vielleicht im Staatsbetriebe.“ Das Billigkeitsmoment schien mir hier falsch angebracht. Denn wenn wir vom Hektar durch Getreidebau nur einen Bruchteil dessen erzielen können, was gartenbaulich lierausgeholt . werden kann, so scheint mir das Getreide nicht billig.. Etwas anderes ist es, wenn wir um der Selbständigkeit unserer Wirtschaft willen es für nötig halten. Ich bin dieser Ansicht nicht, aber sie ließe sich hören. Für die Zeit, in der unsere Ansiedlung bereits so groß geworden sein wird, um das Ausmaß des Landes knapp erscheinen zu lassen, wäre extensiver Anbau jedenfalls eine Verschwendung. Auch insofern hat sich Auerbach noch nicht hinreichend in die von ihm als Normalbetrieb bezeichnetc Wirtschaftsweise von Pflanzung, Gartenbau und Milchwirtschaft hineingefunden, als er meint, daß hierbei ,,in der großen Mehrzahl der Fälle eine Reihe von Jahren vergehen muß, bis der Kolonist vom Ertrage seines Bodens leben kann. Diese Zeit dauert je nach Art der Pflanzung 6 bis 10 Jahre.“ Vernünftigerweise wird ein solcher Betrieb so angelegt sein, daß bis zum Ertrage der Baumpflanzungen (der übrigens erheblich früher liegt) Gemüsebau und Milchwirtschaft, evtl, auch Hühnerzucht, Baumschulen und dergl. die Grundlage der Wirtschaft bilden. Vom Gemüsebau sind Ernten in wenigen Wochen zu haben, und Milchwirtschaft muß schon wenige Stunden nach Uebernahme Erträge bringen (wenn nicht, muß man schleunigst zum Tierarzt schicken). Da, auch nach Oettinger, dieser letztere Teil der Wirtschaft sogar der am höchsten rentierende sein soll, so finde ich die Vertröstung auf eine 6—10 jährige Wartezeit recht befremdlich. Auerbach meint (neben vielem anderen — es ist wirklich schwer, auf alle Einzelheiten seiner wirtschaftsfremden, wenn auch noch so gut klingenden Argumente einzugehen), daß man diese Wartezeit „durch Anlegung von Baumschulen den späteren Einwanderern etwas verkürzen und sie durch Zwischenkulturen weniger empfindlich machen kann.“ Baumschule ist aber nicht eine Wohltätigkeitsanstalt für die Späteren, sondern — in einem Falle wie dem unseren — wohl das lohnendste Geschäft vom ersten Tage an, (man kann jnämlich1 sogar vorausbezahlte Aufträge annehmen) und was die „Zwischenkulturen“ betrifft, so kann es damit so gehandhabt werden, daß sie viel höher rentieren, als die später Zum Ertrag gelangende Baumpflanzung. Wir werden sehr häufig den Fall haben, daß unsere Konisten gerade in den ersten Jahren vorzugsweise hochintensiven Gemüsebau und dergl. treiben werden, um mit den gleichzeitig begonnenen Baumpflanzungen allmählich zu einer sehr viel bequemeren, aber oft auch minder ertragreichen Wirtschaft gelangen zu können. Zum Beispiel sind vom Hektar Land in Palästina reichlich hunderttausend Kilogramm Tomaten, und zwar schon i m ersten Jahre zu erzielen, die mehr bringen, als e i n Tausend Kilogramm auf geklopfte Mandeln, auf die man immerhin mindestens 6 Jahre wird warten müssen. — Und dabei sagt Auerbach, ,,aber beseitigen läßt sich diese Wartezeit nicht“. Bei so primitiven Anschauungen können Wir uns freilich nicht wundern, wenn Auerbach ,,die rasche Massenansiedlung in der Landwirtschaft für die ersten Jahre“ für einen „Traum“ hält. Kostbar ist, daß Auerbach in Chamitzers Rechnung einen groben Fehler vermutet, oder wenigstens, daß er seinen Lesern einen solchen glaubhaft machen will. Die Sache ist ja so einfach nacfizurechnen, nachdem Chamitzer genau gezeigt hat, wo der Fehler steckt. Warum gibt sich Dr. Auerbach nicht die kleine Mühe, hier nachzusehen? Es gehört wirklich keine höhere Mathematik oder tiefere Landwirtschaftskenntnis dazu, um bestätigt zu finden, daß Oettinger rein versehentlich die Haupteinnahme mitzurechnen vergessen hat*). „Solche scherzhaften Rechnungen können nur verheerend wirken“, sagt Auerbadi — und meint damit Chamitzer. — Dies heißt denn doch die Dü- *) Auerbach, und mit ihm jeder Leser braucht nur auf S. 655/56 dieses Heftes das t>etr. Kapitel nachzulesen,