Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 649-650 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 650 649 Erfordernis wie die Behausung mit unsere i erste Arbeitsgelegenheit sein wird, und daß wir auf lange Zeit eine Bautätigkeit entfalten müssen, die größer sein muß als der bereits jeweils vorhandene Bedarf. Dr. Auerbach weist darauf hin, daß solche Dinge Zeit kosten. Zeit raubend nennt er die Vorbereitung des unentwickelten Landes usw. Dieses Stadium ist aber in viel höherem Maße arbeitgebend als zeitraubend. Es ist ein Teil der Kolonisation und der nationalen Arbeit, — es ist nicht Verlust, sondern schon Resultat. Auch wenn Auerbach sagt, daß er die Frage, wie die Millionen ihr Brot finden sollen, ganz aus dem Spiel lassen will, so bin ich anderer Ansicht. Ich möchte ihm auch an diesem Beispiel zeigen, wie falsch es ist, unsere Palästinaaktion „losgelöst von der Judenfrage“ zu betrachten. Wovon leben die Millionen denn jetzt? Und kann jemand zweifeln, daß diese Millionen im Aufbau Palästinas eine bessere und vernünftigere Betätigung als bis nun und auch einen besseren Arbeitgeber finden werden — nämlich ihre eigene Gemeinschaft! Auerbach kann gar nicht ausführlich genug darauf hinweisen, daß für die öffentlichen Arbeiten des Gemeinwesens „nur ein ausgesuchtes Menschenmaterial in Frage kommt, körperlich und seelisch das beste, was wir auftreiben können“. Er sieht hier „schwere und schwerste körperliche Arbeit“ voraus und „heroische Opfer“. — Wie grenzenlos übertrieben! — Solche Arbeiten werden überall vom Durchschnitt der Bevölkerung .ausgeführt. W i r werden sqgar mit arbeitsparenden Methoden die Leistungsfähigkeit erhöhen und die Ansprüche an die körperliche Leistung zugunsten intelligenter Arbeit weit einschränken können. Was die heroischen Opfer betrifft, so werden wir bei diesen Arbeiten eine Sterblichkeit haben, die, wie ich hoffe, unter dem Durchschnitt bleibt und jedenfalls weit hinter derjenigen zurückstehen wird, die durch Auerbachs „Einwanderungsverbot“ in den osteuropäischen Provisorien herrscht, wobei wir von den unheroischen Opfern von Pogromen und dergleichen gänzlich absehen wollen. Der Beruf mit der Sterblichkeit „Null“ ist noch nicht erfunden. Aber Auerbachs Vergleich mit Kriegsverhältnissen ist so schief wie möglich. Unser Aufbau ist auch ein Kampf, aber einer ohne Blutvergießen, und die Arbeitsbedingungen können viel vernünftiger sein als sie es unter dem Zwang von Kriegsnotwendigkeiten auch außerhalb der Feuerzone häufig sein müssen. Fortwährend spricht Auerbach von Notstandsarbeiten. „M eine“ öffentlichen Arbeiten sind das genaue Gegenteil. Notstandsarbeiten werden unternommen, um möglichst vielen Menschen Beschäftigung zu geben, arbeitssparende Methoden werden dabei zugunsten der Handarbeit vermieden. Ich will im Gegensatz dazu von dem unendlichen Arbeitsquanium, das vor uns liegt, möglichst viel, Und das möglichst schnell, bewältigt sehen. Auch bei der stärksten Einwanderung mittelloser und ungelernter, nur arbeitsfähiger Elemente werden die Arbeiter nicht ausreichen um das Arbeiteq'uantuin zu bewältigen. Schon aus diesem Grunde brauchen .wir ein Maximum an technischen und mechanischen Hilfsmitteln und dergl. mehr. Un.s&re öffentlichen Arbeiten sindnach wirtschaftlichen Gesichtspunkten durchzuführen — nicht nach Notstandsmethoden! Daß während des Krieges die Verkehrsanlagen so verbessert worden sind, „daß uns zu tun fast nichts mehr übrig bleibt“, stimmt keinesfalls. Wegen der im Kriege gebauten Bahnen im Hinblick auf die dadurch verringerten Möglichkeiten von Notstandsarbeiten zu trauern, lehne ich entschieden ab. Ich buche diese Arbeiten als Vorteil, aber es ist phantastisch, daraufhin zu meinen, daß unser Verkehrsprogramm auch nur halbwegs erschöpft sei. Wo sind die Verkehrsanlagen der vielen Hunderte von neuen Kolonien? — Wir wissen ja noch nicht einmal, Wo diese sein werden. Ueberdies soll schon die Ausbesserung der während des Krieges nicht nur gebauten, sondern auch tüchtig ramponierten Verkehrswege ein gut Teil Arbeit erfordern... Schließlich meint Auerbach, daß für ,,erhebliche Teile der schon jetzt in Palästina ansässigen Bevölkerung, die durch den Krieg schwer gelitten hat“, diese Arbeitsgelegenheit reserviert bleiben muß. — Wie komisch! Sollte für diese mit den Landesverhältnissen vertraute Bevölkerung innerhalb unseres großen Aufbauwerkes nicht gescheitere Betätigung ziu finden sein als der notstandsmäßige Straßenbau, der noch dazu — nach Auerbach — Pioniere, Athleten und heroische Opfer verlangt. Immerhin schätzt Auerbach die Zahl der für die öffentlichen Arbeiten benötigten Arbeitskräfte für das £rste Jahr auf etwa 25 000 und läßt für das zweite Jahr sogar 50 000 zu. Bei ihm ist diese eine Kategorie also bereits viel zahlreicher als Lichtheims Gesamtprogramm! Wenn nun Dr. Auerbach — oder wenigstens die tatsächlich maßgebenden Leute — sich überzeugen lassen wollen, wie wenig Sinn es hätte, die Angehörigen dieser Leute * weiter in der Hölle Osteuropas zu belassen, so käme schon hierdurch (und in dieser einen Kategorie) eine Einwanderungsmöglichkeit von ganz rund 100 000 jährlich (und schon im allerersten Anfang!) in Betracht. Freilich müssen wir hier ganz deutlich von der Auerbachschen Akt- und Pausentheorie abrücken. „Diese Anfangsperiode ist — nach Auerbach — eine Art Karenzzeit“ der jüdischen Kolonisation. Er fügt hinzu: „Das ist eine Vorstellung, die vielen sehr unsympathisch sein wird.“ Wir werden auch gegen diese Vorstellung schon im ersten Akt protestieren. Es ist völlig unsinnig, zu meinen, daß beispielsweise flie wohlhabenderen Elemente, die nach Palästina wollen, sich von jier unbeholfenen Idee zurückhalten lassen würden, es könnte Jahre dauern, bis sie sich Wohnungs- und Ernährungsmöglichkeit beschaffen. Es wird sogar, wenn’s nicht anders geht, auch billiger für sie sein, ihre Installierung ein wenig zu überzahlen, als zwei Jahre auf das Auerbachsche Aufbruchssignal Zu warten. Auch die ganze A c h u s a - Bewegung, die schon vor dem Kriege Dimensionen angenommen hatte, und jetzt nur einer vernünftigen Adaptierung und Propaganda bedarf, um ganz große Kreise zu ziehen, wird ja in den ersten Jahren nicht nur Vorbereitung ermöglichen, sondern bereits einen sehr großen Teil des in diesem System liegenden Kolonisationswerkes selbst. Auch die Möglichkeiten der Industrie (und des Handwerks, das bei uns keine scharfe Grenze gegen die Industrie hat) beurteilt Auerbach sehr falsch. Dieser umfassendste unter allen Judenberufen ist ihm für Palästina nicht sympathisch, Das hindert aber nicht, daß Palästina eine sehr starke Industrie haben wird, und daß auf dem Wege der Industrie allein schon im ersten Jahre mehr Juden nach Palästina kommen können als Auerbachs Gesamtziffer.