Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 647-648 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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647 VOLK UND LAND durchführbar, bereits in den allerersten Jahren auf 300 000—400 000 pro Jahr zu kommen. „Furchtbar ernst — sagt Auerbach — ist die Verantwortung derjenigen, die den jüdischen Massen Hoffnungen machen, daß Palästina eine solche Masseneinwanderung aufnehmen könne.“ Ist die Verantwortung derer nicht noch viel ernster, die 22 Jahre lang den Zionismus als die Lösung der ‘Judenfrage hingestellt oder zu dieser Darstellung geschwiegen haben? Die damit die Haltung der Ostjuden ihren Wirtsvölkern gegenüber stark beeinflußten, und die nun im Augenblick der Erfüllung dem Volke die Hoffnung nehmen wollen, die sie selbst in ihm erweckt haben? Ist die Katastrophe derer, die in Osteuropa zugrundegehen, nicht viel schlimmer als das, was in Palästina passieren kann, vorausgesetzt, daß eine großzügige Propaganda das Interesse der gesamten Judenheit in dem der Größe des Augenblicks angepaßten Maße wirksam macht? Ich gehe mit Auerbach einig in der Auffassung, daß die Arbeit der ersten Jahre für das Gelingen oder Mißlingen unserer Kolonisatioinspiäne maßgebend ist. Alles weitere wird sich aus diesen Anfängen entwickeln lassen. Der Zentimeter-Standpunkt, den Auerbach einnimmt (die Lichtheimsche Ziffer von 20 000 ist ihm sympathisch, die von ihm seinen Gegnern unterstellten von 300 000—400000 hält er für verbrecherisch. Er selbst exemplifiziert auf 60 000 — immerhin schon das Dreifache von Lichtheims Ziffer), wird von ihm selbst nicht mit der Strenge durchgeführt, die wir sonst an ihm bewundern. Es sagt zu Anfang seines Kapitels III: „Kann Palästina in den nächsten Jahren, die vor uns liegen, eine Einwanderung von Hunderttausenden aufnehmen? .... Wese Frage beantwortet er mit einem kategorischen „nein“ und beruft sich nachdrücklich auf „die geradezu seltene Uebereinstimmung fast aller derer, die Palästina aus langjähriger eigener Erfahrung kennen“. Seine 60 000 per Jahr sind schließlich auch 600 000 in den ersten 10 Jahren. Sieht Auerbach nicht, daß er sich schon damit prinzipiell von Lichtheim scheidet? Auerbach meint, daß gerade der, welcher eine rasche Massensiedlung in Palästina herbeiführen will, sich mit dem Gedanken abfinden muß, daß umfassende Vorarbeiten dazu nötig sind „und diese brauchen Zeit, auch wenn sie sofort und mit höchster Kraftanspannung begonnen werden. Diese Vorarbeiten vor einer größeren Einwanderung sind aber absolut unerläßlich“. Sehr gut! Nur übersieht Auerbach, daß wir hier schon einen tüchtigen Anfang der Masseneinwanderung selbst haben. Um unsere Millionensiedlung vor/uberei ten, brauchen wir Hunderttausende — nicht nur wie Auerbach zu meinen scheint, nur einige Tausende von Pionieren. Uebrigens wäre es ganz falsch, nur unverheiratete junge Leute für diese Arbeit zur Einwanderung zuzulassen. Diese Arbeit ist einen Lohn wert, von dem auch die Familien der Arbeiter leben können. Wozu soll dieser Lohn — unter Auseinanderreißung der Familien — dem Unterhalt der Angehörigen in Osteuropa dienen, während auf die andere Weise materiell versorgte Leute in 3—4fachem Ausmaße der Zahl der Arbeitskräfte bereits in Palästina leben könnten. Hierin läge bereits eine Vervielfachung der Auerbachschen Ziffern. Die Idee seines ersten und Zweiten Aktes („erst Vermessung, dann Kolonisation“) ist ebenso grotesk wie die Idee von erst Assanierung und dann Einwanderung, oder erst Massenhausbau und dann Einwanderung. — Wir brauchen Einwanderung und 648! Kolonisation unter besonders starker Heranziehung 1 der von Auerbach genannten und anderer Vorbereitungsarbeiten innerhalb des ersten Stadiums der Einwanderung. Diese möchte ich etwa in dem Sinne verstanden wissen, daß beispielsweise innerhalb dy Einwanderung der ersten Hunderttausend die Assanierung, die Vermessung und der Hausbau in viel stärkerem Maße vorzunehmen sind, als den Bedürfnissen dieser ersten Hunderttausend entspricht. Die Sache geht eben nicht in „Akte n“ vor sich, zwischen denen nette Pausen liegen, sondern Vorbereitung und Kolonisation sind weitgehend identisch und gleichzeitig. Diese aktweise Betrachtung der Kolonisationsfrage riecht sehr nach Theater. Um nur ja möglichst lange Pausen zu erzielen, zählt Auerbach mit förmlichem Behagen die für die Vorbereitung der Böden erforderlichen Vorarbeiten auf (Okkupation, Abgrenzung, Einteilung, Entsteinung, Bewässerung^ Auflockerung, Anreicherung, Herstellung von Wohnbauten usw.). Er übersieht dabei aber, daß alles das bereits E i n - Wanderung und Arbeit in starkem Ausmaße bedeutet. Was er für Vorbereitung hält, ist ein integrierender Teil der Sache ohne die aktweise Trennung, die ihm vorschwebt. Ueberhaupt „Zeit“. Er sieht nur die Zeit, die für die Vorarbeiten nötig ist — ich sehe auch die Arbeit. Bei ihm ist Vorarbeit mehr „vor“, bei mir mehr „Arbeit“. Auch übertreibt er das Zeiterfordernis gewaltig. Schon das Bauen erfordert nach ihm sehr große Zeitläufte. Gewiß, wenn keine Leute einwandern, dauert das Bauen lange. Wenn ein Zimmer zu bauen einen Mann eine Woche kostet, so braucht er für tausend Zimmer tausend Wochen. Wenn aber tausend Leute dabei beschäftigt werden, brauchen sie für die tausend Zimmer auch nur eine Woche! Was die Notwendigkeit der Vermessung betrifft, so ist über diese kein Wort zu verlieren, wenigstens solange nicht auch in diesem Falle als „erster Akt“ völlige Vermessung verlangt und erst als zweiter Akt die Kolonisation gestattet wird. In der Praxis wird die Sache wesentlich anders aussehen. Auch die Auseinandersetzung mit bisherigen Ansprüchen Jäßt 'sich beispielsweise in der Art vereinbaren, daß! nach Maßgabe der bisherigen Erträge oder Steuern pauschale Entschädigungen für große Flächen gewährt werden. Dann können vom jüdischen Gemeinwesen aus die großzügigsten Erschließungsarbeiten vorgenommen werden, zu denen auch die Vermessung gehören wird. Dr. Auerbach kann sich nicht genug damit tun, die schrecklichen Folgen einer provisorischen Unterkunft für die Einwanderer auszumalen. Hat er einen Begriff davon, unter welchen Unterkunftsverhältnissen die nach Palästina verlangenden Juden großer Ostgebiete bis zur Ermöglichung der Auswanderung aushalten müssen? Im übrigen habe ich längst auch darauf hingewiesen, daß auch für sehr definitive Bauten gesorgt werden kann. Selbst bei der kleinsten Einwanderung nach Palästina wird nämlich die Zahl der Juden in Jaffa, Haifa und zahlreichen anderen Städten — auch in den Kolonien — sich sehr rasch verdoppeln und vervielfachen. Daraufhin kann man jetzt schon beginnen, neue Stadtteile usw. zu bauen, und wenn es sich' dabei auch vorerst nur um die zahlreichen einfacheren Wohnhäuser oder auch um Gemeindebauten, Beamtenwohnungen usw. handeln dürfte, so werden auch diese für die allmähliche „Durchwanderung“ von Hunderttausenden ausreichen können. Das ist auch jedem von vornherein klar, daß ein so notwendiges