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Volk und Land · 1919-05-15 · Heft 20-21 (15.5.1919) · p. Seite 645-646

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 20-21 (15.5.1919)
Date
1919-05-15
Page
Seite 645-646 (sequence 21)
Language
German
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645 VOLK und LAND 646 der Ansiedler stellen wollen, und da mit eigener Arbeit (nach Auerbachs Gewährsmann Oettinger) der Kolonist seines Schema VI in einem Bruchteil seiner Zeit aus weniger als \.'2 ha den doppelten Unterhalt einer Familie heraus- , wirtschaften kann, so ist es mir nicht möglich einzusehen, inwiefern ich mich durch Judennot. ( Auswanderungszwang und politische Gesichtsj punkte verleiten lassen haben soll, die Fassungskraft des Landes außer acht zu lassen. Auerbach scheint darauf aus zu sein, diese Fassungskraft als etwas Unveränderliches hinzustellen. Es ist mir auch in einer der neueren Diskussionen der so gescheit klingende Satz entgegengeworfen worden, ob durch die Judennot die Fassungskraft des Landes auch nur um ejnen Juden vergrößert wird. Gewiß wird sie das! In dem Sinne nämlich, daß man — bei Not — sich um die intensiveren Möglichkeiten kümmert, die man, wo keine Not dazu zwingt, in viel minderem Maße gezwungen ist heranzuziehen. Städte mit Wohnungsnot zeigen dichtere Bewohnung als andere. Ein festes Maß gibt es nicht. Seit wir die neue Judennot und den neuen Auswanderungszwang und die neuen politischen Gesichtspunkte haben, interessieren uns in der Auswahl von Möglichkeiten eben die intensiveren, und wir ^werden auch unter den verschiedenen von Oettinger gezeigten Möglichkeiten Veranlassung haben, die intensiveren Methoden den minder intensiven stärker vorzuziehen als wenn die erwähnten .„Nebengesichtspunkte“ nicht vorhanden wären. Wobei wir mit aller Deutlichkeit betonen möchten, daß diese Nebengesichtspunkte Dr. Auerbachs, Boris Goldbergs und anderer gerade unsere Hauptgesichtspunkte sind. Wäre es nicht wegen der inneren und äußeren Judennot, so würde Palästina für uns allenfalls das Interesse einer alten Stammburg haben, nicht aber das moderne Interesse, daraus eine Heimstätte der Juden zu machen, — unter den besten sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnissen, die uns irgendwie möglich sind. Dr. Auerbach nennt seine Problemstellung „klar und unwidersprechlich“. Ich glaube, demgegenüber dargetan zu haben, daß die Idee von der Dnveränderlichkeit fler Aufnahmefähigkeit eines Landes ein Trugschluß sondergleichen ist — ganz besonders bei einer Einwanderung und Kolonisation, wie wir sie zu erwarten haben. Die Aufnahmefähigkeit eines Landes ist eben keine absolute Größe, wie man schon aus dem Beispiel der verschiedenen Bevölkerungsdichten Palästinas, des Libanons und Aegyptens entnehmen kann. Ja sogar eine scheinbare Unmöglichkeit landwirtschaftlicher Besiedlung wäre nicht imstande, sehr dichte Besiedlungen zu hindern, wo ein starkes Interesse vorliegt. Beispiele: Die Insel Malta, die von den Phöniziern vor 3500 Jahren als nacktes j Felseneiland entdeckt \vurde und mit (von damals! an bis jetzt) ausSizilienherübergeschaffj ter Erde zu außerordentlich hohen landvvirt- | schaftlichen Erträgen gebracht wurde. Die Insel zählt gegenwärtig 220 (MX) Einwohner auf 323 qkm, von denen nur 156 angebaut sind, also eine Bevölkerungsdichte von 681 per qkm für den ganzen j und sogar von 1410 für den angebauten Boden, i Auch die Kanalinseln Jersey und Guernsey haben j bei 100000 Einwohnern auf 181 qkm eine Bevölke- J rungsdichte von 553 und erzielten auf einem Boden, j der ursprünglich reiner Seesand war, Ernten von 10 Mark per Quadratmeter! I Im übrigen sind die im Libanon und in Aegypten festgestellten Durchschnitte ebensowenig nie das von Oettinger unfreiwilligerweise mitgeteilte Schema VI Maximalerträge. Ist doch sogar in Deutschland und ziemlich unabhängig von der Bodenqualität bei modern-intensivem Gartenbau eine Produktionsmenge von 20 Pfund Gemüse pro Quadratmeter zu erzielen (hier ist die häufig irreführende Bemessung des Geldwertes vermieden). Da eine Familie von 5 Köpfen aber schwerlich mehr als 50 Zentner kleinwirtschaftlicher Produkte im Jahre benötigt, so wird man weit innerhalb 1000 qm oder 1/UI ha. per Familie für den weitaus größten Teil von deren Bedarf auskommen können. Eine so starke Intensivierung ist noch über die gezeigten Beispiele Oettingers, des Libanon und Aegyptens möglich. Wie feierlich auch Auerbachs sechsmalige Wiederholung seiner Problemstellung nach der Aufnahmefähigkeit Palästinas klingt, zu so irrtümlichen Anschauungen hat sie ihn selbst geführt und muß sie auch diejenigen führen, die der Dialektik seiner geschickten Formulierungen unterliegen. Auerbach meint, daß, wenn die Erringung einer starken jüdischen Majorität in Palästina innerhalb eines Menschenalters als Ziel zu setzen ist, so genügen die von Ruppin und Lichtheim gegebenen Zahlen. Trotzdem hält er selbst es für richtig, sich zu einem Mehrfachen jener Ziffern zu bekennen, wonach die jüdische Majorität bereits nach zehn Jahren möglich wäre. Er rechnet mit einer jährlichen Einwanderungsziffer von etwa 60 000 für den Durchschnitt des ersten Jahrzehnts, während Lichtheim (auf Ruppinschen Unterlagen) nur mit 20 000 rechnen will. — Wird Auerbach da nicht von Lichtheim desselben verbrecherischen Leichtsinns geziehen werden, den er selbst denen vorvvirft, die wesentlich über seine Ziffer hinausgehen? Wird andererseits die Schaffung piner Mehrheit in 30 Jahren für die Lage der Juden und deren Auswanderungsdrang genügen? Wird sie den Ideen der beiden angelsächsischen Staaten entsprechen, die doch Palästina den Juden überlassen wollen nicht nur aus Sympathie, sondern auch, um die jüdische Einwanderung von ihren eigenen Gestaden fernzuhalten? Werden ^schließlich die Araber sich zufrieden geben, wenn diejuden ihr Privilegium in so langsamer Weise verwirklichen wollen? Auerbach meint, daß die jüdische Auswanderung vor dem Kriege von jährlich 100000 bis 150000 Menschen nicht einmal den Zuwachs der Ostjuden weggeführt hätte. Dies s t i m m t. Aber er fügt hinzu, daß dadurch auch die wirtschaftliche und soziale Lage der Ostjuden jiicht fühlbar erleichtert worden sei. Das stimmt nicht. Die Lage wäre dort wesentlich schwieriger, wenn in Osteuropa noch.214 Millionen Juden mehr beieinander säßen und wenn 214 Millionen Juden weniger aus wirtschaftlich günstiger gestellten Ländern den Daheimgebliebenen erhebliche Zuschüsse übermitteln könnten. Auerbach stellt der Lichtheimschen Ziffer von 20 000 im Jahre eine solche von 300000—400000 gegenüber, die „nach Trietsch und Chamitzer“ in Palästina untergebracht werden müßten. Ich hatte auf dem Delegiertentage nur von einem Vielfachen der Lichtheimschen Ziffern gesprochen, und es ist ziemlich eigenmächtig, wenn Auerbach von sich aus seinen beiden Gegnern 300000—400 000 zur Bedingung macht. Schon mit .sehr viel weniger wäre viel getan! Für meine Person nehme ich übrigens die Auerbachschen Ziffern auf und hafte es für durchaus möglich und

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