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Volk und Land · 1919-05-15 · Heft 20-21 (15.5.1919) · p. Seite 643-644

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 20-21 (15.5.1919)
Date
1919-05-15
Page
Seite 643-644 (sequence 20)
Language
German
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643 VOLK und LAND 644 ERWIDERUNGEN UND ERGAENZUNGEN Von Dr. Elias Auerbach möchte die Diskussion auf das konzentrieren, was er die Tatsachenfrage nennt: welche Einwanderung kann Palästina aufnehmen? Judennot und Auswanderungszwang will er ausschließen, weil diese j Kräfte wohl für die Größe der Aus Wanderung be- | stimmend seien, nicht aber für die der E i n Wanderung, für die nur die „Aufnahmefähigkeit Palästinas“ entscheiden könne. Diese Betrachtungsweise wäre goldrichtig, wenn die Aufnahmefähigkeit eines Landes etwa so zu beurteilen wäre, wie die Fassungskraft eines großen Gefäßes für so und so viel Liter Flüssigkeit, oder für sonst ein Beispiel, bei welchem bestimmte Normalien gelten. Einwanderung und Bevölkerungsdichte sind aber nicht von so schematischen Dingen abhängig. Hierfür ein einfaches Beispiel: in ^unserer bisherigen Kolonisation in Palästina haben wir etwa 12000 Einwohner auf etwa 44 000 ha. Dies entspricht beinahe 4 ha per Kopf (und noch viel mehr, wenn wir nur die landwirtschaftliche arbeitende Bevölkerung nehmen, die durch eine unverhältnismäßig große Anzahl von Nichtkolonisten erhöht wird). Aber nehmen wir selbst nur 4 ha pro Kopf an! Für den Libanon zeigt Dr. Ruppin (siehe Heft 2 von Volk und Land), daß dort eine Bevölkerung von über 400000 auf 400 qkm brauchbaren Landes wirtschaftet und etwa die Hälfte ihres Unterhalts aus dieser Fläche zieht. Auf den Kopf entfällt dort etwa 1/10 ha oder ein Vierzigstel des Durchschnitts in unserer bisherigen Kolonisation*). Ich habe in einer Nachschrift zu dieser Arbeit über den Libanon gezeigt, daß auch in dem südlichen Nachbargebiet Palästinas, in Aegypten, nur ein knapper Zehntelhektar auf den Kopf der landwirtschaftlichen Bevölkerung kommt. Hier sogar ohne anderweitige Zuschüsse. Wollen wir nun nach diesen nördlichen und südlichen nächsten Nachbargebieten die Fassungskraft auch Palästinas beurteilen, so gelangen wir zu einer Ziffer von ungefähr 25 Millionen, und wir haberr auch in Palästina Beispiele genug, die da zeigen, daß wir innerhalb kürzester Zeit mit ähnlichen Verhältnissen rechnen können. Oettinger selbst gibt ja in seinem Schema VI für die von ihm irrtümlicherweise nur als Arbeiterheimstätte empfohlene Installation eine Fläche von 5 Dunam bewässerten oder 20 Dunam unbevvässerten Bodens an. In ersterem Falle wäre dies ungefähr 1 Dunam oder etwa Yio ha (im zweiten Falle 4/io ha) per Kopf. Auch auf unbewässertem Boden würde also nach diesem Landmäß Palästina innerhalb seiner Grenzen für weit über eine Million Familien allein auf landwirtschaftlicher Basis Raum bieten, und soweit Bewässerung in Frage kommt, sogar das Vierfache! Dazu würden wir noch die bei den Juden sicherlich nicht unbeträchtliche Zahl von in städtischen Berufen tätigen Einwohnern zu rechnen haben. Hierbei ist das finanzielle Resultat in öettingers Schema ein sehr viel stärkeres als das in Ruppins Darstellung der libanesischen Verhältnisse. *) Ruppin selbst stellt eine Bevölkerungsdichte von 1019 Seelen auf den Quadratkilometer bebauten Bodens fest. D. T. Man wird also nicht geltend machen können, daß der Libanon auf Grund besonderer Bodenvorzüge besser gestellt sei als Palästina. Rechnen wir wiederum nach Ruppin die landwirtschaftlich tätige Bevölkerung eines gesunden jüdischen Gemeinwesens in Palästina als volle 50 (:'o der Gesamtbevölkerung, so kann unter Hinzurechnung der städtischen Einwohnerschaft die doppelte Zahl, also 2 Millionen Familien für eine nahe absehbare Zeit als mögliche Einwanderung in Frage kommen. Wir haben also einmal Dr. Auerbachs Rezept verfolgt: Judennot, Auswanderungszwang, politische Taktik und veränderte politische Verhältnisse sind hier einstweilen völlig unberücksichtigt geblieben. Wir haben das Problem nach Auerbachs eindringlicher, sechsmal wiederholter Fragestellung darauf beschränkt, welche Einwanderung Palästina aufnehmen kann und sind dabei zu den Ziffern gelangt, die wir bisher unter Berücksichtigung der von Auerbach als Nebenfragen abgelehnten Probleme gefunden haben. Dies ist auch einfach genug erklärt: wir haben eben bei unserer Einbeziehung des Fragen-! komplexes der Judennot, des Auswanderumgs- I zwangs und der politischen Gesichtspunkte die | selbstverständliche Grundfrage der J Aufnahmefähigkeit des Landes niemals außer j acht gelassen! j In Wirklichkeit ist es aber grundfalsch, i die Aufnahmefähigkeit Palästinas von den seitens : Dr. Auerbachs gerügten „Nebenfragen“ zu scheiden, oder auch im allgemeinen die Aufnahmefähigkeit irgendeines Landes als etwas Absolutes hinzustellen. Es gibt ein bekanntes Wort, wonach auf ein und derselben Fläche e i n Nomade, zehn Ackerbauer und hundert Gärtner existieren können. Man sieht: nicht die Fläche ist das Entscheidende, sondern die Bewirtschaftungsart. Und diese Bewirtschaftungsart richtet sich nach den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Menschen. Natürlich auch nach den Mögj lichkeiten des Bodens* die ja aber in Palästina | sicherlich nicht unternbrmal sind. Auerbach' sagt | ja auch selbst, daß Palästina ein a u s g e s p r o c h e - J n es Gartenbauland ist.! Sogar schon bei einem Hause kann man i nicht von einer absoluten Fassungskraft sprechen, j Je nach dem Wohnungsbedarf werden i Häuser dichter oder weniger dicht bewohnt. Das j Maßgebende ist dann die Not und nicht der j Raum, und wenn es sich auf die Fläche der veri fügbaren Grundstücke bezieht, so braucht dichte | Bewohnung nicht einmal dauernd den Charakter j des Notstandes zu behalten. Man kann mehr i Stockwerke aufbauen und der vorerst vielleicht I zu eng zusammengedrängten Bevölkerung mit der | Zeit ein übliches und reichliches Raummaß bieten. In unseren Palästina-Siedlungen beispielsweise! handelt es sich zwar nicht um Aufsetzen von | Stockwerken, sondern um die prinzipiell ähnliche | Intensivierung der Wirtschaft, um auf gleicher Landfläche eine größere Zahl von Heimstätten auskömmlich unterbringen zu können, was durch entsprechende Berücksichtigung des Gartenbaucharakters (genüber dem ackerbaulichen) ohne weiteres geschehen kann. Da yvir in unserem neuen Kolonisationswerk j alles so weit als möglich auf die eigene Arbeit

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