Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 641-642 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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641 ■ -..,r-:= .- VOLK und LAND ■■ 642 So könnte man z. B. Salvarsan in jedem Lande der Erde herstellen, Deutschland hatte aber durch die Erfindung ein Monopol. Wir werden gewisse Industrielle l\aben, die derartige Verfahren nach Palästina verpflanzen. — Diese ganze Gruppe kann ihre Tätigkeit sofort aufnehmen, sobald die allgemeinen Umstände es zulassen, aber sie wird immer nur eine ziemlich begrenzte Zahl von Menschen beschäftigen. 3. Hochdifferenzierte Spezial-Industrien, bei denen der Wert des Rohstoffs gegenüber dem der fertigen Ware keine Rolle spielt. In diesem Sinne ist als Beispiel öfter die Schweizer Uhren-Industrie genannt worden. Aber gerade solche Industrien lassen sich nicht aus dem Boden stampfen. Sie bedürfen meist einer langen Tradition und eines hochwertigen, vorzüglich geschulten Arbeiterstammes. 4. Die wichtigste und aussichtsreichste Industrie Palästinas ist zweifellos die landwirtschaftliche Veryvertungs-Industrie. Der palästinensische Pflanzungs- und Gartenbau wird ohnehin hauptsächlich für den Export arbeiten, und er hat für seine Erzeugnisse einen unbegrenzten Absatzmarkt. Direkt kann sich nun der Landwirtschaft die Verwertung ihrer Produkte zu Konserven, Marmeladen, ätherischen Oelen, Essenzen, Parfüms und ähnlichem anschließen. In diesen Rahmen gehört auch eine zukünftige Baumwoll- und Zuckerindustrie (aus Zuckerrohr). Diese Industrien haben gleichzeitig vom Standpunkt der Volksgesundheit aus den großen Vorzug, daß sie ländliche, dezentralisierte sind und die schweren Schäden einer zusammengedrängten Industrialisierung zu vermeiden erlauben. Doch um sie schaffen zu können, brauchen wir vor allem erst die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die sie verarbeiten sollen, in genügender Menge. Und in örtlicher Nähe; denn weite Transporte verschlechtern die guten Aussichten sehr stark. Jede solche Fabrik muß den Erzeugungsbezirk ihrer Rohstoffe um sich herum haben. Wer also diese Industrien schaffen will, welche im eigentlichen Sinne die Industrie Palästinas sein werden, muß erst Kolonien schaffen. Hier ist die Industrie erst die zweite Stufe einer dichten landwirtschaftlichen Kolonisation. Daher ist niit ihr für die ersten Jahre nur in ganz geringem Ausmaße zu rechnen. Später dagegen wird sie zur dichteren Besiedlung des Landes außerordentlich wichtige Dienste leisten und den ganzen Charakter auch der Landwirtschaft entscheidend beeinflussen. Ueberschauen wir das eben kurz Dargelegte, so sehen wir, daß für eine Anfangszeit, etwa ein Jahrfünft, die Einwanderungsziffem durch die Aufnahmefähigkeit von Landwirtschaft und Industrie nicht sehr erheblich gesteigert werden können. Schon im zweiten Jahrfünft aber dürften die Möglichkeiten so gewachsen sein, daß wir — trotz eines langsamen Rückganges der für öffentliche Arbeiten benötigten Neuankömmlinge — auf eine jährliche Einwanderungsziffer von etwa ‘60 000 Menschen für den Durchschnitt des' ersten Jahrzehnts hoffen können. Es ist fast überflüssig zu betonen, daß diese hohe Zahl, mit der wir schön nach einem einzigen Jahrzehnt die Zahl der arabischen Bevölkerung erreichen würden, nur dann Tatsache werden kann, wenn alles programmäßig verläuft, wenn vor allen Dingen nicht Kapital und Kredit durch soziale Erschütterungen und durch sozialistische Experimente mit ihrem unausbleiblichen Fehlschlag abgeschreckt werden. Und wer müßte heute nicht sorgenvoll an solche Möglichkeiten denken? VL Bei aller notwendigen Unbestimmtheit im einzelnen glaube ich doch die Größenordnung der zu erwartenden Einwanderungsziffer einigermaßen klargelegt zu haben. Sie wird vermutlich im ersten Jahrfünft im ersten halben Hunderttausend, im zweiten Jahrfünft im zweiten halben Hunderttausend liegen. Daraus haben wir nun unsere Folgerungen zu riehen. Die wichtigste ist die: an eine durchgreifende Lösung der Judenwanderungsfrage durch die Oeffnung Palästinas ist für die nächste Zeit nicht zu denken. Das ist eine Erkenntnis, die im Zionismus schon immer vorhanden war, und die in der Uganda-Debatte zur vollen Klarheit entwickelt wurde. Aber das Gedächtnis der Menschen ist kurz, und obwohl das Land Palästina seine Beschaffenheit seitdem wenig verändert hat, beginnt jetzt die Aufrollung der alten Frage von neuem. Ein erst durch Kolonisation zu erschließendes Land kann Massen wie die der jüdischen Auswanderung eben überhaupt nicht sofort aufnehmen; sie müssen in schon entwickelte Länder wandern. Aber man sagt uns: Wir werden trotzdem die Masseneinwanderung nach Palästina bekommen, denn die Masse der Auswanderer wird sich nach Palästina in Bewegung setzen. Ich wiederhole: das ist unmöglich! und füge hinzu: ich glaube es auch nicht. Das Land kann sie nicht ernähren, und eine Ernährung von Hunderttausenden durch Wohltätigkeit ist imdenkbar. Wir können aber auch ganz sicher sein, daß die englische Verwaltung, sobald sich die katastrophalen Zeichen einer Ueberfüllung des Landes zeigen würden, Palästina einfach schließen würde. Ich glaube aber, daß es dazu nicht kommen wird. Die Juden sind im Grunde ein nüchtern rechnendes Volk. Wenn sie von anderen Einwanderern erfahren* daß in Palästina für sie noch kein Platz ist, werden sie trotz Not und Sehnsucht nicht dorthin wandern. Das sieht man aus dem plötzlichen Abebben der amerikanischen Einwanderungsriffern bei jeder Wirtschaftskrise in Amerika. Dazu ist aber nötig, daß den jüdischen Massen der wahre Sachverhalt über die Aufnahmefähigkeit Palästinas ungeschminkt dargestellt wird. Es ist unverantwortlich, um keinen stärkeren Ausdruck zu brauchen, wenn man ihnen Hoffnungen macht, die zusammenbrechen müssen. Dann aber wäre bereits nicht gutzumachendes Unglück geschehen. Vielmehr ist für die nächste Zeit das Bremsen der Einwanderung höchste sittliche Pflicht gerade derer, die eine rasche Kolonisation Palästinas wünschen und für möglich halten. Während der ersten Zeit kann die Einwanderung nur so erfolgen, daß bestimmte Gattungen und Massen von Arbeitern ins Land gerufen werden. Um den Besitzenden brauchen wir nicht zu sorgen. Auf die Fragen der Auswanderung und Einwanderung einzugehen, ist hier nicht der Ort. Nur sei noch einmal formuliert, was sich aus der zwingenden Logik der Tatsachen ergibt: Ziel der jüdischen Einwanderung in Palästina ist die Schaffung einer jüdischen Mehrheit und damit der Grundlage eines nationalen Lebens. Es kann nicht Ziel dieser Einwanderung sein, eine Lösung des jüdischen Auswanderungsproblems zu bringen.