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Volk und Land · 1919-05-15 · Heft 20-21 (15.5.1919) · p. Seite 639-640

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 20-21 (15.5.1919)
Date
1919-05-15
Page
Seite 639-640 (sequence 18)
Language
German
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639 ■■= - -^= ■ VOLK UND LAND ■ ■■■■ .■=- --t 640 der Kolonist vom Ertrage seines Bodens leben kann. Diese Zeit dauert, je nach der Art der Pflanzung, 6—10 Jahre. Man kann diese lange Wartefrist durch Anlegung von Baumschulen den späteren Einwanderern etwas verkürzen, und man kann sie durch Zwischenkulturen weniger empfindlich machen. Aber beseitigen läßt sie sich nicht. Bedenkt man außerdem, daß es nach unseren früheren Darlegungen während der ersten zwei Jahre nur in wenigen Fällen möglich sein, wird, die eigentliche Pflanzung in Angriff zu nehmen, so ergibt sich,, daß wenigstens im ersten Jahrfünft die Zahl der von der Landwirtschaft ernährten Einwanderer ziemlich gering sein wird. Vielmehr kommen hier hauptsächlich nur diejenigen in Betracht, denen es ihr eigenes Kapital erlaubt, diese Jahre abzuwarten, und eine Anzahl geeigneter Arbeiter, die von den Vorbereitungsarbeiten allmählich zur dauernden Ansiedlung übergeführt werden, während neue Einwanderer ihren Platz einnehmen. Jedenfalls muß mit Nachdruck betont werden, daß der Traumvon einer raschen Massenansiedlung in der Landwirtschaft für die ersten Jahre — ein Traum ist. Daran, das heißt an dem Tempo der Siedlung in den ersten Jahren, ändert sich auch nichts, wenn wir, wie Chamitzer glaubt, mit geringeren Bodenflächen und geringeren Geldmitteln kolonisieren können, als es nach der Rechnung Oettingers der Fall ist. Ob wirklich Oettinger so grobe Rechenfehler begangen hat, wie Chamitzer ihm vorwirft, mögen Sachkundige entscheiden. Wenn aber Chamitzer statt dessen berechnet, daß eine Arbeiterheimstätte bei 5000 Frcs. Anlagekapital nach Abzug von Zinsen und Amortisationen 1518 Frcs. Reinertrag (also 30,6 %) gibt, so bin ich ganz sicher, daß in seiner Rechnung ein grober Fehler steckt. Ja, er meint sqgar, daß hier „die Anlagekosten noch erheblich verringert, der Ertrag noch bedeutend vermehrt werden könnte.“ Nicht übel! Wir könnten dann vielleicht eine Rentabilität von 45 bis 50 o;0 erreichen, und es wäre ganz .unverständlich, wenn jemand in Palästina noch einen anderen Beruf wählen sollte, als die Erwerbung einer Arbeiterheimstätte. Solche scherzhaften Rechnungen können nur verheerend wirken. Bleiben wir aber auf dem Boden der Tatsachen und erledigen wir die unerläßlichen Vorarbeiten einer großzügigen Ansiedlung ohne Ueberstürzung, aber mit Anspannung aller Kräfte, so glaube ich allerdings, daß nach etwa einem Jahrfünft niedriger Einwanderungsziffern schon allein durch landwirtschaftliche Kolonisation ein erhebliches Ansteigen der Zahlen erreicht werden kann. Für eine industrielle Kolonisation liegen die Verhältnisse — der Natur der Sache nach — weit verwickelter, aber prinzipiell doch ähnlich. Von denen, die an eine sofortige Masseneinwanderung glauben, wird gewöhnlich angenommen, daß gerade durch die Industrie sehr erhebliche Massen von Einwanderern in kurzer Zeit nach Palästina gebracht werden können. Es genügt aber nicht, eine lange Liste von Industrien aufzuzählen und daraus diese Folgerung zu ziehen. Denn die Verhältnisse Palästinas sind ganz eigenartig und ihnen muß doch vor allem Rechnung getragen werden. Es muß, da so gut wie nichts vorhanden ist, alles neu geschaffen werdten. Damit ist schon gegeben, daß wir auch hier mit einer „Karenzzeit“ rechnen müssen. Bis die Vorstudien gemacht sind, das Terrain gewählt und gekauft ist, das Baumaterial beschafft, die Bauten aufgeführt, die Maschinen aufmontiert sind, werden zwei Jahre vergehen. Dabei sei angenommen, daß Arbeiter und Werkmeister in ausreichender Zahl und Qualität vorhanden sind. Der Schaffung von Industrien in Palästina stehen aber überhaupt eine Reihe schwerer Hindernisse im Wege, die zwar allbekannt sind, aber doch häufig zu leicht beiseite geschoben werden. 1. Palästina ist arm an Kraftquellen, vor allem fehlt es an Kohle. Als teilweiser Ersatz dafür wird „weiße Kohle“, das heißt die Wasserkraft des Jordans und anzulegender Talsperren, sowie Petroleum empfohlen. Aber das ist zunächst Zukunftsmusik; denn Petroleum muß erst gefunden werden (und wird wohl auch nur für kleinere Motoren in Betracht kommen), und bis zur Schaffung ausreichender Wasserkraftwerke wird sehr geraume Zeit verstreichen. Zudem werden auch diese die Kohle nur teilweise ersetzen können, zumal sie in weitem Umfange für andere Zwecke (Lichtanlagen, Straßen- und Eisenbahnen, Wasserwerke, landwirtschaftliche Maschinen usw.) werden verwendet werden müssen. Wir müssen Kohle einführen. - 2. Palästina ist arm an industriellen Rohstoffen. Es fehlt an Eisen und anderen Erzen, Holz, Baumwolle und Wolle. Vorhanden sind wahrscheinlich die Rohstoffe für Baumaterialien und gewisse Mineralien. Alles andere muß — wenigstens vorläufig — eingeführt werden. 3. Wir müssen mit einer starken sozialen Belastung der Industrie rechnen. Man darf sich nicht einbilden, daß wir billigere Löhne haben werden als andere Industrieländer. Außerdem aber muß die starke sozialistische Tendenz unserer jüdischen Arbeiterschaft von jedem Unternehmer als Tatsache in seine Kalkulation eingestellt werden. Sie wird von vornherein eine starke soziale Fürsorge erzwingen, im Versicherungs-yvesen, der Krankenfürsorge, der Wohnungsbeschaffung;, der Arbeitszeit; ferner Gewinnbeteiligung und Mitbestimmungsrecht. Der Lebensnerv jeder Industrie ist die Konkurrenzfähigkeit, und diese wird durch die angeführten Momente stark eingeschränkt. An eine Exportindustrie ist in den allermeisten Fällen (die Ausnahmen sollen gleich erwähnt werden) für absehbare Zeit überhaupt nicht zu denken. Der Inlandsmarkt aber gewinnt erst ganz allmählich mit der wachsenden Bevölkerung an Aufnahmefähigkeit. Und auch hier ist es für viele Fälle eine schwere Frage, ob eine palästinensische Industrie infolge ihrer ungünstigen Vorbedingungen einen Wettkampf mit den großen Industrieländern wird aufnehmen können. Niemand wird Ziegel aus dem Jordantal kaufen, wenn er sie aus Marseille billiger bekommt, niemand Maschinen aus Haifa, die Amerika preiswerter liefert, niemand Kleiderstoffe aus Jaffa, für die Manchester weniger verlangt. Und ob wir einen Zollschutz für unsere Industrie haben werden, wissen wir nicht. Welche Industrien haben nun in Palästina gute Aussichten? Man kann das für etwa folgende Gruppen annehmen: 1. Industrien, deren Rohstoffe in Palästina selbst billig zu haben sind. Hierher gehört etwa die Ausbeutung der Phosphatlager im Ost jordanland, die Herstellung von Baustoffen (Zement, Ziegel, Kunststein, Asphalt), vor allem wohl die chemische Ausbeutung des Toten Meeres. Aber gerade diese Industrien bedürfen umfassender Vorarbeiten und Versuche, so daß ihr Ertrag nicht sofort in Erscheinung tritt. 2. Monopol-Industrien; das heißt solche, deren Waren aus irgendeinem Grunde nur Palästina liefern kann. Hierher gehören verschiedene Zweige des Kunstgewerbes und der Fremden-Industrie. Hierher gehören auch solche Industrien, die durph ein patentiertes Verfahren eine Art Monopol haben.

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