Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 637-638 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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637 VOLK und LAND 638 Frage, wie sie ihr Brot finden sollen, noch ganz aus 'dem Spiele lassen. Hier wird gewöhnlich eingeworfen: Wir werden große Massen von Einwanderern sofort durch öffentliche Arbeiten ins Land bringen können. Das ist richtig; wir wollen aber noch etwas eingehender diese Fragen beleuchten. Um welche öffentlichen Arbeiten handelt es sich? Zu einem sehr erheblichen Teile sind sie bereits genannt: Es sind eben die Erschließungs¬ und Vorbereitungsarbeiten, wie Vermessung, Okkupierung, Sanierung und Anlage von Unterkunftsbauten. Wir haben gesehen, daß für diese Arbeiten nur ein ausgesuchtes Menschenmaterial in Trage kommt, körperlich und seelisch das beste, das wir auftreiben können. Das gilt aber auch für die übrigen öffentlichen Arbeiten, nämlich Eisenbahn-, Straßen- und Hafenbauten, Anlage von Talsperren, Wasserleitungen, Kraftwerken und ähnlichem. Ueberall wird hier schwere und schwerste körperliche Arbeit verlangt, unter ungünstigen hygienischen Arbeits- und Wohnbedingungen. Alle diese Arbeiten werden, wie gerade auch der Krieg gelehrt hat, heroische Opfer fordern, die wir nach Kräften beschränken wollen, die w ir aber auf keine Weise werden vermeiden können. Auf der anderen Seite darf man sich über den Umfang dieser Arbeiten keine übertriebenen Vorstellungen machen. Wir können nur produktive Arbeiten unternehmen, das heißt solche, die für die wirtschaftliche Erschließung wirklich notwendig sind, schon wegen der Begrenztheit unserer Mittel, auf deren gute Anlage und Verzinsung wir bedacht sein müssen. Eigentliche Notstandarbeiten, wie sie die französische Revolution mit so kläglichem Mißerfolg versucht hat, würden nur zu einem Notstand führen. Nun ist das Palästina von heute nicht mehr das von 1914. Während des Krieges ist in Verkehrsanlagen Großes geleistet worden, so daß große Eisenbahnprojekte kaum mehr in Frage kommen. Die erste Autorität auf diesem Gebiet, Meissner Pascha, schätzt die für die nächsten Jahre möglichen Eisenbahnanlagen auf insgesamt nur 300 km; an diesen würden höchstens 8000 bis 10000 Arbeiter Beschäftigung finden, selbst wenn alle Strecken gleichzeitig und im ganzen Umfange in Angriff genommen werden. (Hierbei ist noch zu bedenken, daß auch das Projektieren und Trassieren noch Zeit kostet.) — Von Hafenanlagen kommen vorläufig nur Jaffa und Haifa in Betracht. Die Konzession für diese Hafenbauten ist zurzeit in den Händen einer französischen Gesellschaft, welche sie natürlich von Arabern und Italienern ausführen lassen würde, und es ist noch gar nicht sicher, ob wir hier mit jüdischer Arbeit überhaupt rechnen können. Auch an Straßenbauten ist während des Krieges so viel neu entstanden, daß von wichtigeren Wegen ein gut Teil bereits vorhanden ist. Zudem darf nicht vergessen werden, daß für erhebliche Teile der schon jetzt in Palästina ansässigen jüdischen Bevölkerung, die durch den Krieg schwer gelitten hat, diese Arbeiten wahre Notstandsarbeiten sind, und daß für sie unbedingt Arbeitsgelegenheit beschafft werden muß. Im ganzen wird man wohl nicht allzu weit von der Wahrheit abirren, wenn man die Zahl der für alle diese öffentlichen Arbeiten benötigten Arbeitskräfte für das erste Jahr auf etwa 25 000, für das zweite Jahr auf höchstens 50 000 schätzt, so daß im Durchschnitt der beiden ersten Jahre je 25 000 Einwanderer für diese Zwecke in Palästina Platz finden könnten. Der wichtigste Gesichtspunkt, der sich aus dieser ganzen Betrachtungsweise ergibt, ist aber folgender: Für eine gewisse Anfangszeit, vielleicht für etwa zwei Jahre, werden diese für die Vorbereitungsarbeiten benötigten Menschen den weitaus größten Teil der Gesamtein Wanderung ausmachen. Erst wenn sic durch ihre Arbeitsleistung das Land aufnahmefähiger gemacht haben, wird die Einwanderung der eigentlich berufstätigen Kolonisten in Stadt und Land in größerem Umfange möglich sein. Diese Anfangsperiode ist eine Art Karenzzeit der jüdischen Kolonisation. Das Ist eine Vorstellung, die vielen sehr unsympathisch sein wird. Aber nur durch eine solche Vorbereitungszeit und ihre gründliche Ausnutzung wird fs uns möglich sein, das weitere Einvvanderungstempo so zu beschleunigen, daß die späteren jahresziffern unseren Wünschen und unserer Ungeduld besser entsprechen. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß während dieser ersten Zeit gar keine andere Einwanderung als die für öffentliche Arbeiten erforderliche stattfinden kann. Es werden vielmehr noch eine ganze Reihe anderer Elemente Betätigung im Lande finden: In ländlicher Arbeit Kolonisten, die sich im Anschluß an die bestehenden Kolonien auf schon halb vorbereiteten Böden ansetzen, Arbeiter, die beim Wiederaufbau beschädigter Pflanzlingen oder bei Neuanlagen wohlhabend gewordener Besitzer beschäftigt werden, vorausgeschickte Pioniere privater Gesellschaften, Vorbereiter landwirtschaftsindustrieller Unternehmungen; in städtischer Arbeit Lehrer, Aerzte, Kaufleute, Beamte, Industrielle, Handwerker, Tagelöhner. Denn eine Vermehrung der Judenschaft um 25 000 im ersten Jahre, also um fast ein Drittel des jetzigen Standes, zieht allein schon zu ihrer Versorgung eine Reihe anderer Personen nach. Es werden auch Rentner, Schüler und ihre Eltern kommen, aber alles in allem dürfte die Zahl dieser Nebeneinwanderung kaum die Hälfte der anderen Ziffer übersteigen. Wem das wenig erscheint, der möge bedenken, daß auch dies schon das sechs- bis achtfache der gesamten früheren Jahreseinwanderung ist. Bei dieser Schätzung kämen wir also für die allererste Zeit auf eine durchschnittliche Jah'resziffer der Einwanderung von rund 40 000. Es ist bereits gesagt, daß eine solche Ziffer keinen absoluten Wert besitzt; aber sie veranschaulicht ungefähr die Größenordnung der Zahl, um die es sich hier handelt. V. Es bleibt jetzt noch übrig, einen kurzen Blick auf die Einwanderungsmößlichkeiten zu werfen, welche Landwirtschaft und Industrie bieten. Ueber die Methoden und die mögliche Ausdehnung landwirtschaftlicher Kolonisation in Palästina haben Berufenere sich bereits ausführlich geäußert. Hier sollen nur einige Gesichtspunkte hervorgehoben .werden, die für unsere spezielle Fragestellung und ihre Anwendung auf die ersten ahre der Einwanderung besondere Bedeutung aben. Palästina wird im wesentlichen Pflanzungsland werden. Doch sind wir nicht der Meinung von Chamitzer (H. 10/11 dies. Z.), daß wir den Getreidebau so ziemlich vernachlässigen können; denn da der Hauran so gut wie sicher außerhalb des jüdisch-englischen Gebietes fallen wird, werden wir. ym billiges Brot zu haben, ausreichend Getreide anbauen müssen, bei ungenügender Rentabilität vielleicht im Staatsbetrieb. Aber richtig ist, daß wir Pflanzung, Gartenbau und Milchwirtschaft als die Normalbetriebe haben werden. Damit aber ist die Tatsache gegeben, daß in der großen Mehrzahl der Fälle eine Reihe von Jahren vergehen muß, bis