Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 635-636 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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635 VOLK und LAND 636 testen Fachmannes, des Ingenieurs Treidel, der diese Dinge aus mehr als zwanzigjähriger Erfahrung kennt, eine Arbeit von Jahren, selbst wenn uns ein großer Stab tüchtiger Vermessungsfachleute zur Verfügung steht. Auch wenn wir uns zunächst auf die dringlichsten Arbeiten beschränken, wird geraume Zeit vergehen, ehe wir überhaupt in größerem Umfange Böden werden übernehmen können. Und dann kann erst der zweite Akt beginnen. Dieser zweite Akt ist aber noch nicht die eigentliche Kolonisation, das heißt die Ansetzung derjenigen Leute, die auf* diesem Boden dauernd bleiben sollen. Gerade über diesen fundamental wichtigen Punkt herrschen noch in weiten Kreisen Unklarheiten, weil die Lehre aus der bisherigen Kolonisation nicht mit genügender Schärfe gezogen wird. Diese hat mit großer Deutlichkeit gezeigt, daß ohne ausreichende Vorbereitung der Böden vor der endgültigen Besiedlung eine erfolgreiche Kolonisation nur mit ungeheuren Opfern an Menschenleben, an Gesundheit, an Arbeitskraft und an Geldmitteln durchgeführt werden kann, ja daß sie häufig genug überhaupt in Frage gestellt ist. An erster Stelle steht bei dieser Vorbereitungsarbeit die Sanierung der Böden. Dem schlimmsten Feind menschlicher Arbeit in Palästina, der Malaria, muß vorgebeugt werden durch Entsumpfung. Beseitigung von Tümpeln, Ableitung der Winterwasser, vernünftige Anlage der Wohn- und Schlafräume; den verheerenden Darmerkrankungen durch einwandfreie Trinkwasserbeschaffung. Leider ist diese grundlegende Erkenntnis noch zu sehr nur die Ueberzeugung der Aerzte^ zu wenig die der verantwortlichen Kolonisationsstellen. Was nützt es, auf neuen Böden Kolonisten oder Landarbeiter anzusiedeln, wenn diese 3—4 Monate des Jahres durch Fieberanfälle völlig arbeitsunfähig und weitere Monate in ihrer Arbeitskraft geschwächt sind? Chedera, Jessod Hamaalah, Kineret und Merchawia sprechen eine furchtbar eindringliche Sprache! Und was bisher einzelne traurige Erfahrungen waren, würden bei der gewaltigen Ausdehnung des Kolonisationswerkes Katastrophen werden, wenn diese Lehren nicht endlich beachtet werden. Es müssen also umfassende sanitäre Vorarbeiten vor einer Besiedlung in großem Stil geleistet werden, Hand in Hand mit der landwirtschaftlichen Vorbereitung der Böden (Okkupation, Abgrenzung, Einteilung, Entsteinung, .Bewässerung, Auflockerung, Anreicherung usw.) und der Herstellung von Wohnbauten, .ehe von einer fruchtbringenden Besiedlung gesprochen werden kann. Es wäre der schwerste Fehler, zu glauben, diese Arbeiten könnte man so nebenher im Laufe der Kolonisation erledigen. Diese schweren Vorarbeiten brauchen Zeit, und sie brauchen ein ausgesuchtes, kräftiges, junges und wagemutiges Menschenmaterial von Pionieren, die dabei ihr Leben in die Schanze schlagen; denn ohne schmerzliche Opfer an Leben und Gesundheit wird es dabei nicht abgehen, darüber müssen wir uns klar sein. Es wäre unsinnig, für solche Erschließungsarbeiten Familienväter zu nehmen, die womöglich ihre Familien gleich nach Palästina mitbringen; dazu taugen nur Unverheiratete, die sich als Soldaten fühlen und auch im wesentlichen so organisiert werden müssen. Schon dadurch ist der Kreis der Einwanderer für die erste Zeit ganz beträchtlich eingeschränkt. Wenn wir schon von sanitären Vorarbeiten sprechen, so ist noch eines zu bedenken. Auch wenn man nur auf eine jährliche Einwanderung von Zehntausenden rechnet, müssen sehr erhebliche Vorkehrungen für die Krankenversorgung getroffen werden, da die bisherigen Einrichtungen absolut unzureichend sind. Und zwar müssen auch hier die wichtigsten Vorkehrungen vor einer größeren Einwanderung sichergestellt sein, da sich sonst ganz unerträgliche Zustände infolge des für die erste Zeit zu erwartenden hohen Krankenzuganges ergeben würden. Nun, auch das erfordert Zeit, denn es handelt sich um umfangreiche Neubauten. Ist es schon nach dem bisher Gesagten klar, daß wir in ländlicher Kolonisation nicht so rasch, wie mancher glaubt, große Menschenmassen werden einstellen können,. so gilt für jede Art von Einwanderung, daß irgendwie für ihre Unterbringung gesorgt sein muß. Bei einer „normalen“, schrittweisen Einwanderung ist das kaum ein Problem; hier kann vorübergehend eine Wohnungsknappheit eintreten, die aber sehr bald durch das Einsetzen einer gesteigerten Bautätigkeit behoben werden wird. Immerhin hat bei dem unentwickelten wirtschaftlichen Leben Palästinas schon die geringe Judeneinwanderung vor dem Kriege dazu geführt, daß in Jaffa und Haifa die arabischen und jüdischen Hausbesitzer eine geradezu wucherische Mietsspekulation trieben, und daß' bei der einheimischen Bevölkerung die Erbitterung gegen die Zuwandernden Juden, die auch ihre Miete — ohne es zu wollen — ständig in die Höhe trieben, stark wuchs. Wie denken sich nun die Befürworter einer Masseneinwanderung von Hunderttausenden (die zum größten Teil in den paar Städten bleiben müßten) die Unterbringung dieser gewaltigen Massen? Es hat keinen Zweck, daß man sich über dieses schwere Problem mit Schlagworten, wie Einwandererlager, provisorische Unterkunft in Baracken und ähnlichem hinwegtäuscht. Provisorien, für Hunderttausende gibt es nicht. Einwandererlager müssen wir haben, aber nur für die erste Unterbringung der Einwanderer im den Hafenstädten, für wenige Tage bis zur Weiterleitung an ihre Wohn- oder Arbeitsstätte und für Hunderte, allenfalls für einige Tausend gleichzeitig. Aber das sind keine Wohnungen. Auch Baracken sind keine Wohnungen; im Klima Palästinas bedeutet eine längere Unterbringung von Familien in Baracken Seuchen und ,/Vlassensterben. Es bleibt also gar nichts anderes übrig, als für die Einwanderer feste Häuser bereitzustellen. Das aber für Hunderttausende zu tun, ist eine bare Unmöglichkeit, wenigstens wenn es sofort und von Anfang an geschehen müßte. Dazu fehlt es an Arbeitskräften, Material und *— Geldmitteln. Denn für — sagen wir — 50 000 Familien pro Jahr müßten wir allein für diesen Zweck auch bei bescheidensten Ansprüchen etwa 150—200 Millionen jährlich zur Verfügung stellen. Wer glaubt, daß wir das können? — Aber selbst bei einer bescheideneren Ziffer von einigen Zehntausenden von Einwanderern werden wir diese vorbereitende Wohnungsfürsorge treffen müssen, und es wird der Anspannung aller Kräfte bedürfen, um der gewaltigen Aufgabe gerecht zu werden, wenn wir nicht unsagbares Elend verschulden wollen. Wir .werden diese Aufgabe lösen, aber das kostet wieder Zeit. IV. Wir sehen also: Ohne umfassende und zeitraubende Vorbereitung des unentwickelten Landes ist eine einigermaßen erhebliche Einwanderung überhaupt nicht möglich. Von einem HineLnströmen von Hunderttausenden nach Abschluß des Friedens kann gar keine Rede sein, selbst wenn wir die