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Volk und Land · 1919-05-15 · Heft 20-21 (15.5.1919) · p. Seite 633-634

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 20-21 (15.5.1919)
Date
1919-05-15
Page
Seite 633-634 (sequence 15)
Language
German
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633 VOLK UND LAND 634 Einwanderung nicht über eine gewisse Grenze hinauftreiben. Diese Grenze liegt in der Frage: Welche Einwanderung kann Palästina im gegebenen Augenblick aufnehmen? Dies also ist das Problem! Ich denke, das ist klar und unwidersprechlich. II. Die Schätzung der Aufnahmefähigkeit Palästinas kann nur eine ganz ungefähre sein. Der Streit um ein oder zwei oder drei Zehntausende mehr oder weniger pro Jahr ist eine Spielerei mit Zahlen und ist auch unwichtig. Wichtig ist nur eine gewisse Klarheit über die Größen* ordnungder Einwanderungsziffer. Handelt es sich um Zehntausende, die wir schon in jedem der ersten Jahre nach Palästina bringen können, oder handelt es sich um Hunderttausende? Die Antwort, die wir hierauf erhalten, wird für die einen befriedigend, für die anderen unbefriedigend sein — je nachdem, welche Ziele sie der Judenwanderung nach Palästina setzen. Setzt man als Ziel die Erringung einer starken [üdischen Mehrheit in Palästina innerhalb eines Menschenalters, die es uns erlaubt, dort ein eigenes kulturelles, politisches und wirtschaftliches Leben zu führen, so genügen die von Ruppin und Lichtheim gegebenen Zahlen. Dies ist der Kalkül, von dem Ruppin ausgeht: Um eine das Leben des Landes beherrschende jüdische Mehrheit zu schaffen, müßten wir in 30 Jahren (diese Zeit wird voraussichtlich als unsere Bewährungsfrist bis zur politischen Neuordnung Palästinas uns gesetzt werden) wenigstens I1/2 Millionen Juden nach Palästina bringen. Das wäre erreicht, wenn im Durchschnitt der ersten zehn Jahre jährlich 20 000 Juden einwandern, im zweiten Jahrzehnt die doppelte, im dritten die dreifache Zahl (wozu dann die natürliche Vermehrung kommt). Gelingt es unserer Anstrengung, die Zahl schon im ersten Jahrzehnt auf doppelte Höhe zu bringen, so können wir das Ziel schon nach etwa 20 Jahren erreichen, bei einer Verdreifachung schon nach etwa 15. Jahren. Aber das Ziel und die aus ihm folgende Bewertung unserer Erfolge sind die gleichen. Ruppins Zahlen sind also in diesem Sinne Minimalzahlen; sie sind in einem anderen Sinne Maximalzahlen, weil sie eine starke und regelmäßige Progression der Ziffern annehmen und Rückschläge, innere und äußere Reibungen nicht miteinsetzen. Ganz andere Maßstäbe sind anzulegen, wenn „Palästina in kürzester Zeit das jüdische Einwanderungsland“ (Chamitzer) sein soll, wenn es als Aufnahmeland für die gesamte jüdische Auswanderung oder doch ihren weitaus größten Teil dienen soll, wenn also als Ziel der Palästina- Wanderung die Lösung der Judenwanderungs- und Judennotsfrage gesetzt wird. Vergegenwärtigen wir uns, was das heißt! Die jüdische Auswanderung vor dem Kriege betrug jährlich 100000—150000 Menschen. Sie hat nicht einmal genügt, um den Zuwachs der Ostjuden durch die natürliche Vermehrung hinwegzuführen, hat also die Zahl der Ostjuden nicht verringert, geschweige denn ihre soziale und wirtschaftliche Lage fühlbar erleichtert. Im Gegenteil haben sieh die Ostjuden und ihr Elend in den letzten Jahrzehnten vermehrt. Infolge des jüdischen Massenunglücks im Kriege und der schauderhaften Pogrome ist mit Sicherheit anzunehmen, daßi nach der Oeffnung der Grenzen die Ziffer der Auswanderung auf 300000—400 000 pro Jahr emporschnellien wird. Diese Zahl also oder eine ähnliche müßte jährlich in Palästina untergebracht werden wenn Palästina das jüdische Ein wände rungsland sein soll. T r i e t s c h und Chamitzer halten das für möglich. Angesichts solcher Zahlen gewinnt die Frage der Aufnahmefähigkeit Palästinas eine furchtbar ernste Bedeutung. Furchtbar ernst ist auch die Verantwortung' derjenigen, die den jüdischen Massen Hoffnung machen, daß Palästina eine solche Masseneinwanderung aufnehmenkann. Unsere Betrachtung über diese Frage müssen wir auf die allernächsten Jahre beschränken, weil nur diese übersehbar sind, weil die Arbeit der ersten Jahre entscheidend für das Gelingen oder Mißlingen unserer Kolonisationspläne ist, und weil eine später erst wachsende Aufnahmefähigkeit Palästinas für die ersten und dringendsten Nöte der Auswanderung kein Heilmittel ist. HL Kann Palästina in den nächsten Jahren, die vor uns liegen, eine Einwanderung von Hunderttausenden aufnehmen? Nein, Ueber diese Antwort besteht eine bemerkenswerte und in solcher Geschlossenheit geradezu seltene Uebereinstimmung fast aller derer, die Palästina aus langjähriger eigener Erfahrung kennen. Warum kann Palästina das nicht? Aus verschiedenen Ursachen, die wir nacheinander erörtern wollen. Zunächst muß gerade der, welcher eine rasche Massensiedlung in Palästina herbeiführen will, sich mit dem Gedanken abfinden, daß umfassende Vorarbeiten dazu nötig sind, und diese brauchen Zeit, auch wenn sie sofort und mit höchster Kraftanspannung begonnen werden. Diese Vorarbeiten vor einer größeren Einwanderung sind aber absolut unerläßlich. Würden wir sie unterlassen oder aus mißverstandener Eile nur oberflächlich und nebenher betreiben, so wäre unabsehbares Unglück die notwendige Folge; und vor allem das Gegenteil dessen, was angestrebt wird, nämlich schwere Verzögerungen der Kolonisation infolge unausbleiblicher Rückschläge und stückweiser, notgedrungener, imorganischer Nachholung der versäumten Vorarbeiten. Einige wichtige von diesen will ich nennen. Wir haben gewaltige Terrains in Besitz zu nehmen, nicht nur zusammenhängende, sondern auch verstreute: herrenloses Land, türkisches Kron- und Wakufland, enteigneten Großgrundbesitz und privates durch Kauf erworbenes Land. Nun liegt das Kataster- und Vermessungswesen Palästinas so im argen, daß die Uebemahme in keinem Falle, wie wir aus Hunderten von Erfahrungen schon wissen, einfach sein wird. Ueberalf, selbst bei herrenlosem Land, wird es Tausende von Protesten arabischer Grenznachbarn regnen, die den großen Besitzwechsel nach Kräften zu einem Versuch der Bereicherung ausnutzen werden. Es ist bei der Unsicherheit der jetzigen Abgrenzungsverhältnisse als sicher anzunehmen, daß die englische Landesverwaltung überhaupt unsere Okkupation neuer Ländereien nur unter einer Bedingung zulassen wird: daß unserer Uebemahme eine gründliche, Auseinandersetzung mit den Nachbarn durch Neuvermessung' und Katastrierung vorhergeht. Und daran tut sie recht. Würden wir versuchen, das zu umgehen, so würden wir — wie auch bisher immer — blutige Konflikte mit den Nachbarn zu gewärtigen haben. Was das heißt, und wie das die Kolonisationsarbeit verzögert, weiß jeder, der die Geschichte der bisherigen jüdischen Kolonisation kennt. Eine solche Neuvermessung eines großen Teils Palästinas ist aber, nach dem Urteil des kompeten-

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