Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 627-628 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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627 VOLK UND LAND 628 Francs würden also weit m e ii r als das Doppelte des niedrigeren Oettingerschen Jahresbedarfs ergeben, so daß absolut nicht einzusehen ist, weshalb dieser Typus der Oettingerschen „Arbeiterheimstätte“ nicht gerade die beste Form für minderbemittelte Kolonisten darstellen soll. Es sei denn, daß man Oettingers blanken Rechenfehler zum geheiligten Prinzip erhebt. Ein Muster von Klarheit entwickelt Oettinger auch in der Frage des Bedarfs einer Kolonistenfamilie. Er sagt auf Seite 40 und 41 seiner Schrift: „Für die höchst bescheidene Unterhaltung einer mittleren Familie sind 900 Frcs. notwendig.“ — Weiter heißt es: „Es möge ganz ausdrücklich betont werden, daß dieses mutmaßliche Budget einer Kolonistenfamilie \veit hinter den tatsächlichen Ausgaben der Kolonisten und Arbeiter in Palästina zurücksteht. Die doppelte Gesamtziffer oder 1800 Frcs. würde den wirklichen Verhältnissen eher entsprechen. Es sollen unsere Zahlen ober keineswegs als etwas Anstrebenswertes angesehen werden, da ein Herunterdrücken der .Bedürfnisse auf ein niedriges Niveau in einem krassen Mißverhältnis zu den wirtschaftlichen und nationalen kolonisatorischen Zielen stehen würde. Unsere Zahlen sollen vielmehr gerade im Zusammenhänge mit diesem Hinweise die Entbehrungen, auf welche Ansiedler gefaßt sein müssen, veranschaulichen.“ fn der darauf folgenden Zusammenfassung aber ist der Unterhalt der Familie wieder mit 900 Frcs. angegeben. Zur Sache selbst sei bemerkt, daß 900 Frcs. gewiß nicht viel ist, aber es ist auch nicht allzu wenig, wenn man das Budget sich genauer ansieht und daraus entnehmen kann, daß innerhalb der auf die Lebensmittel entfallenden Summe von 700 Frcs. durchaus hinreichende Quanten angegeben sind, von denen noch dazu sechs Siebentel aus der eigenen Wirtschaft stammen, also neben dem Vorzug der Frische auch den des billigen Gcstehungspreises haben werden. Weshalb der Kolonist dann, wie Oettinger sagt, „tatsächlich“ eher die doppelte Summe, nämlich 1800 Frcs., ausgeben soll, ist nicht recht verständlich, es wäre das auch sehr viel mehr als das durchschnittliche Friedensbudget von Bevölkerungen hochentwickelter europäischer Länder. Es wäre viel besser angebracht, bei selbst arbeitenden Kolonisten überhaupt nicht von einem Geldbedarf sondern von einem Verbrauch an Produkten und von dem Arbeitsquantum zu sprechen, das zur Gewinnung dieser Produkte notwendig ist. Dann wird man in jedem Falle darauf kommen, daß schon ein Teil der in einer Familie gegebenen Arbeitskräfte zu einer reichlichen und guten Ernährung genügt. Von weiteren Irrtümern und Merkwürdigkeiten ist in Oettingers Arbeit nach den Mitteilungen von Dr. Chamitzer noch folgendes zu erwähnen (ohne daß damit eine erschöpfende Liste gegeben sein soll): Bei seinem Typus 3 setzt er für die Pflege der Pflanzungen während der ertraglosen Periode (6 Jahre) 6000 Frcs. ein und außerdem unter Nebenkosten für 8 Jahre 7200 Frcs. als Unterhalt der Familie. Danach würde der betreffende Pflanzer acht Jahre lang die Hände einfach in den Schoß legen und Rentier spielen können, was natürlich die Anlagekos.ten unverhältnismäßig erhöht und die Rentabilität stark verringert. Oder aber — von einem anderen Gesichtspunkt aus gesehen — es wird dadurch das Minimum des erforderlichen Bodenausmaßes unnötig vergrößert. Des ferneren berücksichtigt Oettinger bei diesen Typen nicht, daß die Kulturen im 7. und 8. Jahr (sogar [ schon vorher) wenn auch nicht den vollen, so doch immerhin einen nennenswerten Ertrag 1 bringen.; Interessant ist auch noch der Oettingersche Schematismus: Zu jeder Kolonie müssen ein Gemeindewald und Weidealmende gehören, also selbst auf kostbarstem zu intensivsten Kulturen geeigneten Boden. Er nimmt allerdings an, daß es bei jedem Dorf für landwirtschaftliche Kulturen ungeeignete Terrains gäbe. Schließlich ist noch zu erwähnen, | daß lOettinger für eine Kolonie von 100 Familien ein ISynagogenterrain von 10 Dunam, für die Schule ein [solches von gar 30 Dunam und ferner ein Krankenhaus »mit 10 Dunam Land ansetzt. Es sollen eben „mit Gewalt“ und ohne Rücksicht huf die Kosten alle möglichen städtischen j Vorteile geboten, werden. Sehr viel nützlicher j (und für den Einzelnen billiger) wäre das, wenn man von vornherein bei viel kleinerem Bodenausmaß, als Oettinger im Durchschnitt ansetzt,* eine viel größere Zahl von Kolonisten ansetzt. Was bei seiner Kolonie von 100 Familien recht unwirtschaftlich ist, bekommt sofort Sinn, wenn die Kolonie 500—1000 Kolonistenfamilien Umfaßt. Trotz der Totschweige-Politik, welche die Offiziellen der Chamitzerschen „Enthüllung“ gegenüber für richtig befunden haben, hat die Veröffentlichung in „Volk und Land“ bereits starkes Interesse hervorgerufen. Diesem Interesse verdanke ich auch die Einsendung eines älteren Prospektes des Jüdischen Verlages, der Oettingers Buch einen „Markstein“ nennt. Und auf demselben Prospekt werden Urteile zitiert, in denen Oppenheimer von einem „gut und klar geschriebenen Büchlein“ spricht, und in denen es von Ruppin gar als „das Gediegenste“ bezeichnet wird, was auf dem Gebiete der jüdischen Kolonisation in Palästina bisher geschrieben Worden sei. Höher . geht es wirklich nicht. Der Leser aber mag .sich erstaunt fragen, was Oettinger wohl getan hätte, wenn er vor der Drucklegung — etwa vom Korrektor — auf den oben gezeigten grundstürzenden Fehler aufmerksam gemacht worden wäre. Hätte er die in der Arbeit eines Lebens gewonnenen Anschauungen einer völligen Revision unterzogen? Hätte er sein Buch neu geschrieben? Hätte er dargestellt, daß bereits 5000 Frcs. weitaus genügen, um einem fleißigen Kolonisten nicht nur zu einer Existenz, sondern sogar zu Wohlstand zu verhelfen? Alles das ist so außerordentlich unwahrscheinlich, daß ich bei allem Respekt vor dem persönlichen Charakter Oettingers doch eher annehmen muß, daß er im besten Falle betroffen geschwiegen und seine Arbeit zurückgezogen haben würde. Dann aber hätten wir einen so eklatanten Zusammenbruch der offiziellen Anschauungen mit ihrer Kritik- und Gedankenlosigkeit nicht gehabt, und jeder wahre .Freund unseres Aufbauwerkes in Palästina wird schließlich diese Katastrophe des j Offizialismus als die Hoffnung auf eine neue lebendige Entwicklung begrüßen. Auch Oettinger wird man schließlich dafür | dankbar sein müssen, daß er — freilich in ziemlich I selbstmörderischer Form — dazu verholten hat, I die unglaubliche Kurzsichtigkeit gewisser offizieller j Herrschaften aufzudecken, die mit den Allüren und | dem Tonfall der Wissenschaftlichkeit sich von jeher | dagegen gesperrt haben, die tatsächlichen Möglich- | keiten Palästinas im Sinne der jüdischen Koloni- | sationsbestrebungen fruchtbringend zu verwerten. | Ueber die Leichtgläubigkeit und offenkundige | tiefste Interesselosigkeit vieler unserer