Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 623-624 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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623 VOLK und LAND 624 OETTINGERS „METHODEN UND KAPITALBEDARF“ Von Davis Trietscli. V o rh e in e rk u n g. Mit Herrn Oettinger bin ich persönlich im Frühjahr 1911 y.usammengekommen. Ihm ging der Ruf voraus, daß er in der landwirtschaftlichen Schule Suroki in Beßarabien gerade auf dem Gebiet der Klein- JandWirtschaft, des Gemüse- und Obstbaus Vorzügliches geleistet hätte. Ich freute mich sehr, daß für unser Palästinawerk in diesem Falle jemand gewonnen war, der aus der intensiven Wirtschaft kam, und stand ihm gern zur Verfügung. Ich veranlaßte ihn auch zu einem kleinen Ausflug nach der Obst baukolonie Eden bei Oranienburg, wo auf kleinsten Landflächen (von 800 qm an) gewirtschaftet wird, und erhoffte mir alles Mögliche für Palästina davon, wie Oettinger die Edener Wirtschaftsweise beurteilte und wie er sich auch im allgemeinen über den intensiven gartenbaulichen Betrieb als die für uns und für Palästina geeignetste Betriebsform aussprach. Der Ausbruch des Krieges ließ ihn in Palästina offenbar nicht über Vorbereitungen hinauskommen. Aber ich war aufs äußerste betroffen, als ich seine ersten Aeußerungen aus Palästina und nach seinem dortigen Aufenthalt zu Gesicht bekam. Hieraus gi ig deutlich hervor, daß auch er der palästinensischen Psychologie zum Opfer gefallen, war, die bei allzu vielen dortigen Kolonisten darin besteht, nur möglichst viel Land und möglichst viel Geld in die Hände zu bekommen. Der Umstand, daß "auf diese Weise die jüdische Ansiedlung im Lande nur einer geringen Zahl offen stehen kann, wird von Vielen dort nicht nach Gebühr beachtet. Auch neuerdings erst h jt man sich ja bereits gegen den Standpunkt „Palästina den Palästinensern“ wahren müssen, der so zu verstehen war, daß manche palästinensische Kolonistenkreise die große Zeit dahin verstehen, daß zunächst einmal recht ordentlich für die schon Ansässigen gesorgt Werden solle. Die Schaffung einer starken jüdischen Bewohnerschaft im Lande sei erst ein weit dahinter liegendes Erfordernis. Soweit ich also mit Herrn Oettinger persönlich zu tun hatte, standen wir in den besten Beziehungen. Freilich kann weder dies noch irgendein noch viel besseres persönliches Einvernehmen dazu dienen, sachliche Gegensätze zu mildern, da, wo deren schärfste Hervorhebung im Interesse der Sache notwendig wird. Die Von Oettinger in feinem Buche gegebenen Grundlagen bilden seit ihrem Erscheinen ein neues Kolonisations-Bibelchen für die gesamte zionistische Offizialitat. Allenfalls ist von Dr. Ru pp in die Einschränkung gemacht worden: einerseits, daß die Ertragsziffern vielleicht um ein Viertel zu hoch angegeben seien, und andererseits, daß Rentabilitäten bis zu 2 o'o für wesentliche Teile des Kapitals (oder gar für das ganze) schwerlich besonderen Anreiz bieten können. Aber hiervon abgesehen herrschte in unseren Reihen anscheinend tiefe Befriedigung über die geringe Rentabilität und die hohen Kosten der jüdischen Ansiedlung in Palästina, ln wohltuendem Gegensatz zu den übertriebene Hoffnungen weckenden Angaben gewisser Nichtfachleute, hat hier ein gründlicher Kenner und solider Rechner unserem Werke die tragfesten Unterlagen geboten. Unsere Nationalökonomen, unsere Kaufleute, unsere Nationalfondsvcrwaltung und unser gesamtes Publikum „Du trittst ruhig der Kritik entgegen, So unangreifbar ist noch keiner gewesen. Wer dich lesen könnte, kann dich nicht widerlegen, Wer dich widerlegen könnte, kann dich nicht lesen.“ haben sich durch Anerkennung von Oettingers Berechnungen und durch deren Uebernahme in ihre eigenen Kolonisationspläne weitgehend mit diesen Plänen identifiziert. Ich selbst habe von Anfang an kein Hehl daraus gemacht, wie ich über Oettingers „Methoden“ denke, aber freilich habe ich es nicht über mich gewinnen können, bei der unglaublich zerfahrenen Art der Aufstellung seiner Rentabilitäten diesen in ihren Einzelheiten nachzugehen. Ich bin auch aus diesem Grunde nie dazu gelangt, eine Besprechung von Oettingers Schrift, zu der ich von einem der ersten Wirtschaftsfachblätter aufgefordert worden war, zu schreiben. Aber immerhin kann ich mich damit legitimieren, daß ich beispielsweise in der Wiener „Jüdischen Zeitung“ u. a. geschrieben habe: „Oettinger ist für mich erledigt, da er sich durch weitgehende Anerkennung seines striktesten Widerparts (Professor Ballod) selbst hinreichend widerlegt. Außerdem mögen Andere darüber streiten, ob er seine zweiprozentigen Rentabilitäten auseinandersetzt, um sie zu empfehlen oder aber um davor zu warnen. Mich interessiert dieses Rätsel nicht genug.“ Schließlich aber bin ich vielleicht doch dem zionistischen Publikum eine eingehendere Erklärung dafür schuldig, weshalb ich mich nicht näher in Oettingers Ziffern versenkt habe, und ich will diese Erklärung hier geben. Wenn ich unter den sechs Oettingerschen Typen gleich beim ersten einen Kapitalbedarf von 27 000 Francs sehe, von dem gar aus nationalen Geldern 12 500 Francs zu 2 “o und der Rest zu 5 % beschafft werden sollen, um schließlich zu einer Gesamtrentabilität von 1,9 Prozent (!) zu gelangen, so bin ich, schon eigentlich fertig und befinde mich ziemlich in - der Lage, in der der General Bonaparte auch einmal auf Weiteres vernichtet hat. Er fragte im italienischen Feldzug irgend einen Stadthauptmaran, warum er nicht bei seinem Einmarsch Salut geschossen hätte. Der Befragte erwiderte: „General, ich habe 18 Gründe, erstens hatten wir kein Pulver. . . *“ — Hier unterbrach ihn Bonaparte und sagte: „Die andern 17 Gründe schenke ich Ihnen.“ — — — Aber wertvoll ist es doch im höchsten Maße, daß Dr. Chamitzer sich nun der Mühe unterzogen hat, zu zeigen, wie die Sache sich rechnerisch im Einzelnen anläßt, und was alles unsere Herren Offiziellen und Fachleute, Geschäftsleute und Nationalfiondsdirektoren usw. usw. mit Genugtuung „unterschrieben“ haben, als sie die Oettingerschen „Methoden“ auf ihren Davids-Schild erhoben, — aus reiner Freude daran, daß hier das Kolonisationswerk als so unwirtschaftlich, unlohnend und schwer hingestellt wird. War doch damit eine Art nachträglicher „Rechtfertigung“ der Parteigewaltigen geboten, die in ihrer ganzen 'Wirtschaftsperiode sich stets jeden großzügigerem Ansiedlungswerk in Palästina teils prinzipiell, teils „aus rechnerischer Vorsicht“ einschränkend entgegengestellt hatten. Dabei ist man bei dieser Veröffentlichung noch mit der besonderen Vorsicht verfahren, daß die erste Auflage der Schrift unmittelbar nach Erscheinen zurückgezogen wurde. Aber auch die zweite Auflage, die mit der Bezeichnung „zweites