Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 20-21 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 617-618 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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617 VOLK UND LAND 618 tivgenossenschaft bleibt, sondern dal) sie sieb, wie wir es oben schon erwähnten, zu einer Mischform von Produktiv- und Produzentengenossenschaft oder sogar zu einer reinen Produzentengenossenschaft entwickelt. In letzterem Falle würde jeder der Genossen seinen abgeteilten Boden allein bewirtschaften und nur die Verwertung der Produkte würde der Genossenschaft obliegen. Allenfalls würden vielleicht gewisse Zweige der Wirtschaft, z. B. die Anlage einer Baumpflanzung, gemeinschaftlich betrieben werden. Welche Form für die Ansiedlung der Getreidebauern die richtigere ist, ob die reine Produktivgenossenschaft oder die reine Produzentengenossenschaft odereine Mischform von beiden, ist von vornherein nicht generell zu beantworten. Es hängt im wesentlichen von den inneren Eigenschaften der Ansiedler ab. Sind sie durch eine langjährige Arbeit miteinander verbunden und in ihren Leistungen und Anschauungen einander gleichartig, so wird die Form der Produktivgenossenschaft am Platze sein, ln Fällen, wo diese innere Harmonie und Gleichheit der Leistungen nicht in genügendem Maße vorhanden ist, wird die Produzentengenossenschaft oft der bessere Weg sein, um die Genossenschaft vor inneren Konflikten zu bewahren und ihre Entwicklung zu fördern. Bei den Häuslergenossenschaften, die ebenfalls aus den Arbeitergenossenschaften hervorgehen, ist von vornherein klar, daß sie nicht Produktivgenossenschaften sein können. Der Häusler soll ja in der Hauptsache von Lohnarbeit leben und seine eigene Parzelle nur in seiner freien Zeit oder durch seine Familienangehörigen bewirtschaften lassen. Das kann naturgemäß nur dann geschehen, wenn jeder Häusler seine 'eigene Parzelle neben seinem Häuschen hat. Nur bei de» Baumpflatizungen wäre eine gemeinsame Anpflanzung vorzuziehen, weil sich hierdurch die Kosten verringern und die spätere Verwertung einer gemeinsamen großen Pflanzung leichter ist, als die vie'er kleiner und verschiedenartiger Pflanzungen. II. Die Achusa. Während die Arbeitergenossenschaften zum Ziele haben, unbemittelte, aber in der Landwirtschaft in Palästina bereits ausgebildete und selbst arbeitende landwirtschaftliche Ansiedler zusammenzuschließen, verfolgt die Achusa den Zweck, bemittelten, mit der Landwirtschaft nicht vertrauten, und zu schweren körperlichen Arbeiten nicht fähigen Juden in Osteuropa die landwirtschaftliche Ansiedlung in Palästina zu ermöglichen. Die erste Achusa wurde im Jahre 1900 von einer Gesellschaft amerikanischer Juden in St. Louis gegründet. Sie zählte ungefähr 50 Mitglieder. Nach ihren Statuten hatte jedes Mitglied im Laufe von 5 Jahren in vierteljährigen Ratenzahlungen die Summe von 1400 Dollar aufzubringen. Für diesen Betrag sollten in Palästina fitr jedes Mitglied 70 Dunam mit Mandeln bepflanzt worden. Die Uebersiedlung der Mitglieder nach Palästina sollte erfolgen, sobald die Mandelpflanzungen Ertrag abworfen würden (d. h. etwa 5 Jahre nach ihrer Anlage). Bei der Uebersiedlung sollte jedes Mitglied noch so viele Mittel in Händen haben, um sich in Palästina ein Haus zu bauen und lebendes und totes Inventar anzuschaffen. Die Achusa kaufte im Jahre 1910 Boden bei Poria (in der Nähe von Tiberias) und legte, ihrem Plane gemäß, dort Mandelpflanzungen an, deren Kosten sich allerdings erheblich höher stellten, als es in den Statuten der Gesellschaft vorgesehen war. Zu der Uebersiedlung der Mitglieder nach Palästina kam es noch nicht, weil, bevor die Pflanzungen Ertrag gaben, der Weltkrieg ausbrach. Nach dem Achusaprinzip wurden dann zahlreiche andere Gesellschaften in Rußland und Amerika begründet, welche Pflanzungen in Ruchama, Kafrurie, Merchawia anlegten, ln dem letzten Jahre vor dem Kriege hatte die Achusaj bewegung besonders große Dimensionen ange-! nommen, und es waren mehr als 20 Gesellschaften mit etwa 1000 Mitgliedern entweder schon gegründet oder in Gründung begriffen. Was der Achusa ihren besonderen Wert verleiht, ist der Umstand, daß die Achusa einen Weg zeigt, bemittelten und bisher in städtischen Berufen tätigen Juden auf schnellstem Wege eine landwirtschaftliche Existenz in Palästina zu verschaffen. Die Mitglieder der Achusa können so lange an ihrem Wohnort bleiben und ihrem Erwerb nachgehen, bis ihre Pflanzungen in Palästina' so weit gediehen sind, daß sie von ihrem Ertrage leben können. Sie kommen auf diese Weise ohne jeden Zeit- und Geldverlust in die palästinensische Landwirtschaft hinein und haben hier nur solche Arbeiten auszuführen, die sie nach kurzer Vorbereitung bei einigem Organisationstalent leisten können. Aus diesem Grunde kommt der Achusa auch weiterhin eine große Bedeutung in der jüdischen Kolonisation zu, doch müssen in dem Achusaj plane folgende Erfahrungen berücksichtigt werden : a) Die bisherige Entwicklung der Achusabewegung war dadurch gehemmt, daß den Achusoth keinerlei Quelle für Agrarkredit offen stand, j so daß jedes Mitglied das ganze Kapital für den j Kauf und die Bepflanzung des Bodens sowie für den späteren Bau eines Hauses und Anschaffung des Inventars aus eigenen Mitteln aufbringen mußte. Diese Ausgaben wurden bereits vor dem Kriege bei einer zu bepflanzenden Fläche von etwa 80 Dunam auf 25—30 000 Franken geschätzt, doch ist es besser, mit einer Summe von 35—40 000 Franken zu rechnen. Diese Summe übersteigt in den meisten Fällen die Mittel, die den Mitgliedern! der Achusa zur Verfügung.stehen. Soll die Achusa- ' bewogung eine größere Ausdehnung annehmen, so ist es die erste Bedingung, daß ein Hypotheken- [ kredit innerhalb eines geschäftsmäßigen Rahmens j durch eine Agrarbank zur Verfügung gestellt wird. Hierzu kommt eventuell noch die Bereitstellung I des Bodens in Erbpacht durch den J. N. F. b) Zur richtigen Anlage der Pflanzungen gehört ein stabiles Arbeiterelement, das mehrere Jahre hindurch auf dem Platze bleibt. Solche Arbeiter sind unter den jüdischen Arbeitern (und die Be- { schäftigung von jüdischen Arbeitern muß im natio-! nalen Interesse von der Achusa gefordert werden) nicht zu haben, wenn man sic einfach als Tagelöhner beschäftigt und nicht ihr Schicksal in irgend- , einer Form mit dem Schicksale der Pflanzungen