Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1919)
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 603-604 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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604 VOLK UND LAND 603 der arabische Staat Alepj>o und l>amaskus bekommt. Wenn diese Städte und das Qebiet, Ln dem sie liegen, an Frankreich fällt, so wird die englische Regierung beinahe sicher eine Eisenbahnlinie nach Mesopotamien anlegen, die eine direktere Verbindung /waschen Mesopotamien und Haifa herstellt und für die ganze Länge der Strecke unter englischer Verwaltung steht. Für die Anlage einer solchen Eisenbahn- und Motorstraße liegen keine technischen Schwierigkeiten vor, doch sind die wirtschaftlichen Aussichten einer solchen Linie ungewiß. Die Linie würde den Tigris und Euphrat verbinden und ein sehr aussichtsreiches Gebiet in diesem Teile schaffen. Westlich' des Euphrat würde sie die syrische Wüste durchqueren. Ueber dieses Land ist sehr wenig bekannt. Es ist möglich, daß es besser ist als sein Ruf, aber das miuß sich noch erweisen. Sicherlich wäre es besser, alle diese Probleme — Eisenbahnen, Handelsentwicklung und Verkehrswege überhaupt — nicht vom Standpunkt des Wettstreites, sondern vom. Standpunkt der Zusammenarbeit aus anzusehen. Durch die Aufteilung des Ottomanischen Reiches zerstören wir eine einzigartige ökonomische Einheit. Eis wäre weit besser, die Vorzüge dieser ökonomischen Einheit zu erhalten, als an ihre Stelle eine Fülle von Konkurrenz un te r nehmuri gen zu setzen. Wenn die Friedenskonferenz imstahde wäre, über das türkische Erbe im' Sinne des Völkerbundes zu entscheiden, anstatt sich von einer Menge miteinander wetteifernder Pläne beeinflussen zu lassen, so würde sie versuchen, so zu handeln. Der wirtschaftliche Ruin der galjzischen Juden „Die Juden Galiziens haben infolge der Kriegsereignisse einen direkten Schaden von ungefähr U/s Milliarden Kronen erlitten. Diese Schätzung ist sehr vorsichtig und nähert sich mehr der Friedensbewertung. Zehntausende jüdische Familien irren heute obdachlos in Galizien herum, wohnen in Löchern, Baracken oder liegen auf dem Pflaster; Hunderttausende haben ihre Einrichtungsgegenstände, ihre Geschäftslokale, Werkstätten nicht mehr wiedergefunden. Wenn wir das jüdische Nationalvermögen vor dem Kriege in Betracht ziehen, so können wir den Verlust und die jüdische Verarmung mit mindestens zwei Drittel des ehemaligen jüdischen Vermögens veranschlagen. Außer dem direkten Schaden kommen indirekte hinzu. Wenn wir noch an die enorme Zahl der jüdischen, Blutopfer und der Kriegsinvaliden denken, die zu Lasten unserer Gemeinschaft fallen, dann können wir einen ungefähren Ueberblick gewinnen, mit welchem kolossalen wirtschaftlichen Gebrechen die galizische Judenheit behaftet ist — ein Zustand, der der vollständigen Verarmung dieses fleißigen, arbeitswilligen Elementes gleichkommt. Wir wissen,, daß der österreichische Staat erst nach langem Hin- und Herschwanken sich endlich entschloß, seiner Pflicht, wenn auch nur im gewissen Maße, nachzukommen und an den Wiederaufbau des Landes zu schreiten. Es wurde eine Wiederaufbauzentrale bei der galizischen Stadthalterei eingerichtet und über eine Milliarde zu Zwecken, des Wiederaufbaus verausgabt. Doch das alles schien nicht für die Juden bestimmt zu sein. Denn dieser ganze Millionensegen ergoß sich nur auf die Agrarier, die sich derart an. diesen Fonds festsaugten, daß für die Juden nichts übrig blieb, trotzdem diese verhältnismäßig den größten Schaden erlitten und die Agrarier infolge der Kriegskonjunktur auch sonst zu den. Bevorzugtesten gehört hatten. Die Dörfer wurden rechtzeitig mit allem versehen,, während in den Städten nicht einmal für primitive Unterkunft für die heimkehrenden Flüchtlinge gesorgt wurde. So stehen wir heute an der Schwelle der neuen Zeit bettelarm, obdachlos, ohne Kapital und Produktionsmittel, nur daß mit dem Fortschreiten dieser neuen Zeit neue Opfer und neue Schäden dank den chronisch gewordenen Pogromen hinzukommen. (ln Lemberg beträgt der materielle Pogromschadeu nach den bisherigen unzulänglichen Berechnungen über KU Millionen Kronen.) Diesem unerträglichen Zustand muß ein Ende gemacht werden. Ein Volk von fa d 1 Million Seelen darf nicht zu Parias degradiert werden und es darf ihm picht jede Erwerbslind Arbeitsmöglichkeit genommen werden. Es handelt sich übrigens nicht nur um galizische Juden, sondern auch um unsere Brüder in der Bukowina, in Polen , und fast im. ganzen Osten. Ein Friedensvertrag, der nicht irgendeine Lösung dieser Frage enthalten würde, wäre ungenügend, ungerecht, unmenschlich. Der Friedenskongreß darf sich seinen moralischen Pflichten nicht entziehen. Es muß aus dem internationalen Wiederaufbaufonds der jüdischen Volksvertretung die ganze notwendige Entschädigungsquote überwiesen werden; denn nur ein jüdisches Wirtschaftsamt, ausgestattet mit allen nötigen Mitteln, ist imstande, den jüdischen Wiederaufbau;n die Hand zu nehmen und die jüdischen Siedlungs- und Wirtschaftseinheiten nicht nur auf-, sondern auch umzubauen. Nach unseren bisherigen Erfahrungen verwahren wir uns dagegen, daß man uns im Zusammenhang mit der allgemeinen Entschädigungsfrage des Landes abfertigt. Wir haben kein Vertrauen mehr zu einer derartigen Erledigung. Nur. ein jüdisches Amt im Rahmen der nationalen Selbstverwaltung wird imstande sein, die nötige berufliche und soziale Wiedergeburt und Umschichtung reibungslos durchruführen, zum Segen des Volkes, des Landes und der Menschheit. Die Juden verlangen die Wiedergutmachung ihrer durch die Kriegsereignisse erlittenen Schäden, wobei für die Pogromschäden die e-nzelnpn Pognomländer unter internationaler Kontrolle und Bürgschaft aufzukommen hätten („Jüd. Volksblatt“.) Dr. Tenenbaum. PALAESTIN A Zur Vorgeschichte des Zionismus So jung die politische Bewegung des Zionismus ist, so uralt ist der ihm innewohnende Gedankeninhalt. Aber auch die politische Bewegung als solche hat ihre Vorläufer gehabt, und es gibt keinen Zeitpunkt, von dem iman so recht sagen könnte, er sei die eigentliche Geburtsstunde des politischen Zionismus. Auch Herzls Auftreten bedeutet gedanklich keinen Einschnitt in diese Geschichte, wenn er .auch dier Bewegung den großen Schwung verliehen hat, der von seiner Persönlichkeit ausging. Schon im fünfzehnten Jahrhundert gibt es Regungen, die deutlich auf eine modern politische Erfassung des Problems hindeuten, wenn es auch beim jüdischen Volke unmöglich ist, die überlieferte Vörstellungs- und Gefühlswelt des Volkes von seinen staatspolitischen Ideen reinlich zu sondern. Viel Schwärmerei spielt natürlich dabei mit. Der rätselhafte jüdische Gefangene, der aus Magdeburg gebürtig, 1540 in Augsburg festgesetzt wird, weil er Anspruch darauf erhebt, König der Juden und der Gothen zu sein, gehört mit hierher. Dann aber nehmen die Anzeichen der werdenden Bewegung zu. Bald hier, bald dort lassen sich Stimmen hören, welche von einem zukünftigen jüdischen Reiche sprechen. Ganz besonders das bibelgläubige England der Puritaner gibt einen günstigen Boden für solche Schößlinge ab. Crom well steht ihnen günstig gegenüber. James Harrington, dessen gesammelte Schriften im Jahre 1700 erschienen sind, macht den Vorschlag, das von den Engländern unterworfene und damals nahezu entvölkerte Irland, das er in diesem Zusammenhänge Panopea nennt, den Juden zu landwirtschaftlicher Kolonisation zu übergeben. Sie sollten für einige Jahre zwei Millionen jährlich an die Regierung zahlen,