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Volk und Land · 1919-05-10 · Heft 19 (10.5.1919) · p. Seite 599-600

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 19 (10.5.1919)
Date
1919-05-10
Page
Seite 599-600 (sequence 14)
Language
German
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500 VOLK und LAND 600 Was geschieht? Wir gehen im Folgenden eine Stimme aus Deutsch- Oesterreich ■ wieder, die sicherlich manches von dem aussprieht, was auch in weiten Kreisen der reichsdetitschen Zionisten gedacht wird. Es wäre erfreulich, wenn der Palästina-Delegierten tag" in der Lage wäre, wenigstens etwas den Schleier zu lüften, den das E. A. C. über seine Pläne zur Einnahme Palästinas durch den jüdischen Menschen und durch die jüdische Arbeit gebreitet hat. „Bittere Enttäuschung muß uns ergreifen, wenn wir sehen, was eigentlicn jetzt vorgeht. Spaltenlange Berichte findet man über Aeußerungen der Staatsmänner und über ihre Sympathien für den Zionismus. Wenn der Zionismus nicht eine Volksbewegung und eine Notwendigkeit auf der Linie der. Geschichtsentwicklung ist, dann können ihm auch Sympathiebezeugungen der größten Männer der Welt nicht helfen. Nein, ob sieb Herr Pichon oder ein anderer Diplomat so oder so zu unserer Bewegung stellt, sie muß sich später oder früher durchringen mit ihnen oder gegen sie. Nicht dies soll also ausschließlich den Inhalt der Zeitungen bilden, sondern wir wollen erfahren, wie wir uns verhalten sollen gegenüber den Aufgaben, die vor uns stehen, wir wollen uns unterrichten über die Möglichkeiten der Auswanderung, über die geplante Organi sation derselben, über die Vorbereitungen im Lande unserer Vater, die es ermöglichen sollen, den großen Strom der Auswanderer dort aufzunehmen. Nichts, aber nichts wird darüber gesprochen. Statt dessen hört man nur ein Dämpfen, ein Zurufen: „Nur nicht auswandern, nur sich nicht mit dem Gedanken tragen, die Menschen zur Auswanderung aufzumuntern, denn wir müssen die Auswanderung behutsam, langsam bewerkstelligen. Erst viel später soll die Emigration beginnen, und nur einige Tausend sollen auswandern dürfen." Unsere Führer merken nicht, was im Osten vorgeht, Sie sehen nicht die Sturmzeichen, die sich von Tag zu Tag mehren; die Ereignisse in Lemberg, Kalisch, Pinsk, in der Ukraine und in Rumänien scheinen noch keine genügend deutliche Sprache zu reden. Was empfinden sie, trotz wirklicher J-iebe zum Vofke, von Judennot und Judenelend, sie, die im Westen leben und von den Schauplätzen der furchtbarsten Ereignisse weit entfernt sind. Sie merken nicht, daß der Druck und die Pein so unerträglich geworden sind, daß Millionen Menschen mit Sehnsucht und Bangen nur den Augenblick erwarten, der es ihnen ermöglicht, ihr Bündel zu schnüren und sich auf den Weg zu machen. Wenn sie es merkten, dann würde man nicht von einer allmählichen Einwanderung hören, dann würden jn erster Linie Pläne ausgearbeitet werden, um die Auswanderung in geordnete Bahnen zu leiten. Und ob unsere Führer wollen oder nicht, die Massen werden wandern, weil sie wandern müssen, werden wandern, ohne auf einen Passierschein des Jüdischen Emigrationsamtes zu warten. Wird man ihnen Palästina verschließen, dann werden sie anderswohin gehen; wenn aber, wie es den Anschein hat, fast die ganze Welt die gastlichen Tore den Juden schließt, so werden diese Judenmassen, diese armen, geknechteten und gepeinigten Menschen doch nach Palästina als ihrer einzigen Zuflucht gehen müssen. Es mutet uns fast unglaublich an, wenn wir gegenüber diesem Elend, das im Osten herrscht und gegenüber den großen Auswanderungsziffem vor dem Kriege die Aeußerungen einiger unserer sachverständigen Herren vernehmen. 10 000 Menschen, höchstens 20 000 jährlich sollen in den ersten zehn Jahren nach Palästina gehen; und auf diese Weise soll die jüdische Frage im Osten gelöst und in Palästina eine jüdische Majorität gebildet werden! Soll das der Ernst dieser Herren sein, oder glauben sie wirklich, Kinder vor sich zu haben? Bis wrir auf diese Art und, Weise in Palästina eine Majorität erhalten, eine Majorität, die auf unser Geschick in der Diaspora einwirken könnte, bis zu dieser Zeit wird die Hälfte der Juden in der Diaspora durch Pogrome, Katastrophen und eine aus bitterster Not wendigkeit einsetzqnde Assimilationsbewcgung zugrunde gegangen sein. Die Propagatoren dieser Idee vergessen, daß auch die Araber nicht ruhen werden, sondern, daß sie sich kraft ihres erwachten nationalen Gefühls und der erlangten Selbständigkeit :n Palästina weiter entwickeln. Was heute mit Leichtigkeit zu erlangen wäre, die Ueberflügclung der Araber, wird in zw anzig oder dreißig Jahren ein Ding der Unmöglichkeit sein. Aber nicht das geht uns in erster Linie an, was in zwanzig oder dreißig Jahren geschehen wird, sondern das, was in den ersten fünf Jahren geschieht; denn diese werden für die ganze Bewegung die entscheidenden sein. Es sollten daher alle Fragen, die bisher erörtert wurden und weiter auftauchen, ob sie die Arbeit in der Diaspora, die Frage der Sprache, Erziehung usw. be handeln, als Nehenfragen angesehen werden, die Kar dinalfrage soll lauten: Wie sollen und können wir die Zeit ausnützen, um den Emigrationsstnom, der mit Bestimmtheit in großem Umfange einsetzen wird, in geregelte Bahnen zu lenken, wie ist diese Frage nach Sein oder Nichtsein des jüdischen Volkes zu lösen? Bisher wurde leider alles auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Man begnügte sich damit, vom Zionismus als von einer abstrakten Idee zu: sprechen, wie aber dieser abstrakten Idee Gehalt zu geben, auf welche Art und Weise das Land, das wir nun endlich dank der Geschicklichkeit unserer Führer in politischer Hinsicht bekommen haben, jüdisch zu machen sei, darüber wässen wir nichts, darüber herrscht die größte Ungewißheit, dafür w'iirde bisher noch nicht einmal der primitivste Plan vorgelegt. Wird es uns aber nicht gelingen, in kurzer Zeit einen beträchtlichen Teil des jüdischen Volkes nadh Palästina zu leiten und dort die Majorität zu erlangen, da-hr» ist der Zionismus wirklich eine Utopie, dann hat er für das jüdische Volk im Osten keinen Wert. Eines Phantoms wegen, das nach den Plänen unserer zag haften Parteisachverständigen im besten Falle nach hundert und hundertfünfzig Jahren verwirklicht werden könnte, dürfen wir nicht unsere und die Existenz ganzer Generationen nach uns in Frage stellen. Es ist sehr, sehr bedauerlich, daß bis jetzt in dieser Kardinalfrage nichts geschehen ist; und so müssen wir alle anderen Fragen beiseite lassen und alle unsere Kräfte sammeln, um das Verspätete nachzuholen. Das Aktionskomitee müßte unverzüglich allen Organisationen die erforderlichen Weisungen geben und den notwendigen umfangreichen Apparat schaffen, der die große Aufgabe bewältigen kann. Die für die Emigration in Betracht Kommenden müssen registriert, vorgebildet und auf ihre Verwendbarkeit geprüft werden, damit unsoziale Elemente, Arbeitsscheue, Unverträgliche, ausgeschieden werden. Der Phn für die ersten Arbeiten wäre zu entwerfen: Das Land muß vermessen, Pläne für Straßen, Bahnen, Kanäle, Stauwerke, Kraftanlagen, Häfen gemacht werden. An den in Betracht kommenden Hafenplätzen muß für Unterkunft gesorgt, die Bereitstellung der nötigen Schiffe gesichert werden. Mit den einzelnen Regierungen wären Verhandlungen über Erleichterungen bei der Ausw'anderung speziell mit der englischen Regierung über Abtretung von Baracken, Zelten, landwirtschaftlichen und sonstigen Geräten, Tieren usw. einzuleiten. Die Arbeit w'äre möglichst bald aufzünehmen und zwar vor allem die im Interesse der Allgemeinheit liegenden Arbeiten: Bau von Häfen und Kommunikationen, Urbarmachung und Ameliorisierung des Landes. Zugleich müßte die Geldfrage gelöst werden; denn für diese Aufgaben sind Milliarden notwendig. Wir fürchten, nicht, daß die Vorbereitung zu groß für die dann kommende Bewegung sein kann; wenn sie es w'äre, so wäre es kein Unglück. Ein Unglück aber

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