Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1919)
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 597-598 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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597 VOLK und LAND zuhause aufgezogenen Kücken durchaus nicht essen mögen in der Staclt. Aber im Dorfe?! Ich denke mir, Frau Dr. Maisel-Schochat, auf die sich Frau Trietsch beruft, ist ebenso betrübt wie ich bei dem Gedanken, daß unser aller Traum vom eigenen Garten, mit den eigenen Blumen und Früchten, dem eigenen Gemüse, der eigenen Milch, den eigenen Eiern, und (trotz aller Empfindsamkeit!) mit dem eigenen Gänsefett und den eigenen Hühnchen nur ein Traum gewesen sein sollte. Doch stellen wir unsere Träume und Wünsche beiseite (wiewohl sie ja schließlich auch etwas gelten). Weiß Frau Trietsch nicht, daß die jüngste Forschung den KI e i n b e t r i e b in der Landwirtschaft als die rentabelste und zukunftsreichste Wirtschaftsform ansieht? Daß alle Autoritäten heute den Großbetrieb in der Landwirtschaft nur gelten lassen, insoweit er als Förderer des Fortschritts nützlich ist? Und eben die Frau ist es, die gut vorgebildete, tüchtige und mit Freuden schaffende Frau, die den Kleinbetrieb so rentabel macht, indem sie die Ausgaben auf ein Minimum reduziert und meist noch durch den Ueberschuß aus dem Küchengarten und dem Geflügelhof Geld einbringt. Auhagen zitiert in diesem Zusammenhänge das reizende norddeutsche Sprichwort: ,,Die Bäuerin bringt in der Schürze mehr ins Haus, als der Bauer mit 2 Pferden.“ Diese Frau zu erziehen, ist unser Bestreben. Diese Frau fehlt uns bis jetzt so schmerzlich an allen Ecken und Enden. Und nun soll sie überflüssig sein?! Frau Trietsch bleibt es uns ferner schuldig zu sagen, wie ihre neue Frau eigentlich den Tag verbringen soll. Der Mann muß neben seiner Feldarbeit Zeit haben für Politik und soziale Tätigkeit, und er hat sie besonders bei uns Juden reichlich.. Der Bäuerin soll jede Tätigkeit in Haus und Hof abgenommen werden, damit sie Zeit 598 für den Mann und die höheren Aufgaben der Frau hat. Dem Manne kann sie sich doch wohl nur in seiner freien Zeit widmen. Soll die ganze übrige Zeit der Allgemeinheit gehören? — Das englische Sprichwort drängt sich uns auf: ,,Charity begins at home.“ Wie viel freie Zeit eine moderne, geschulte Kolonistenfrau neben ihrer Arbeit, die notabene durchaus nicht Joch und Frone, sondern Lust und Freude ist, wieviel freie Zeit eine solche Frau haben kann, sehen wir in den Dörfern Neu-Englands. Dort lernen die Mädchen mit den Buben zusammen Latein und Griechisch (was ich Gott behüte bei uns nicht eingeführt haben möchte!) und helfen dabei fleißig in Haus und Garten. Sie werden auch theologisch gründlich geschult und beteiligen sich später als Frauen mit Feuereifer und viel Erfolg sowohl an den sozialen Arbeiten in der Gemeinde als auch an den üblichen theologischen “Diskussionen am Sabbath. Ja, schon vor hundert Jahren, als noch' Bier, Kerzen und Seife, Leinen, Wäsche und Kleider im Hause fabriziert wurden, standen diese Frauen schon völlig auf gleicher Stufe mit den Männern, genossen die gleiche gründliche Bildung und die gleiche Stellung in der Gemeinde. Wen es interessiert, darüber näheres zu erfahren, der lese die entzückenden, kulturhistorisch unschätzbaren Schilderungen der Beecher-Stowe in „Old-Town Folks“ und „The Ministers7 Wooing“ (Tauschnitz). Das ist der Weg — und ich glaube, wir Jüdinnen haben auch das Zeug daztu, ihn zu gehen. Wir haben manche Aehnlichkeit mit den Puritanern, die als armselige Flüchtlinge übers Meer zogen und mit starken Herzen und starken Händen in der -Wildnis ein Gan Eden schufen: Neu- England. Mögen auch unsere Frauen es jenen nachtun, dann wird das Bibel wort wahr wjerden von der ,;tüchtig|en Frau, deren Wert höher ist denn Rubin und Pier len.“ iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiMiiiiitiiiimiitiiifiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiHiimiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiui 1 AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND PALAESTINA - ARBEIT Der Palästina-Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ist nun endgültig für den 26.—29. Mai nach Berlin, Kaisersaal des „Rheingold“, Bellevuestraße, einberufen worden. Er hat folgende Tagesordnung: Montag, den 26. Mai, vormittags 9»/» Uhr, präzise: 1. „Die politische Form des Gemeinwesens in Palästina.“ Richard Lichtheim. 2. Diskussion. Nachmittags 4 Uhr, präzise: 1. Ansiedlungsmöglichkeiten (allgemeine Landesverhältnisse Palästinas, Fragen der öffentlichen Arbeiten, der Landwirtschaft, der Industrie, des Handels, Berufsvorbereitung). Davis Trietsch. 2. Diskussion. Dienstag, den 27. Mai, vormittags Q1/* Uhr, präzise: Fortsetzung der Diskussion über das Referat von Davis Trietsch. Nachmittags 4 Uhr, präzise: Unterreferate: Sanitäre Fragen: a) allgemeine: Dr. Brünn, b) spezielle: Dt. Elias Auerbach. Diskussion. Bau- und Unterkunftsfragen. Prof. Baerwald. Diskussion. „Frauenarbeit in Palästina“. Fr. Sonia Gronemann. Mittwoch, den 28. Mai, vormittags 91/* Uhr, präzise: 1. „Nationalisierung des Bodens.“ Dr. Fritz Sternberg. 2. Diskussion. Nachmittags 4 Uhr, präzise: 1. „Kapital und Arbeit.“ Dr. Max Strauß. 2. Diskussion. Donnerstag, den 29. Mai, vormittags 91/* Uhr, präzise: 1. „Die Finanzierung der Kolonisation.“ Hans Goslar. 2. Diskussion. Nachmittags 4 Uhr, präzise: 1. „Bildungswesen.“ Professor Dr. Loewe. 2. Diskussion.