Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1919)
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 583-584 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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583 VOLK und LAND 584 Rationiert, die jeden Passanten anhielt. Sinuhe hatte daher auf seiner Flucht große Sorge, unbemerkt an ihr vorbeizukommen. „Ich duckte mich nieder in einem Gebüsch,“ so erzählt er, ,,aus Furcht, die Wache auf der Mauer, die gerade Dienst hatte, möchte mich sehen.“ Wenn ferner Ammi-enschi das Ansinnen Sinuhes scharf ablehnte, eine Huldigungsgesandtschaft an den neuen Pharao zu senden, so ist erwiesen, daß von ägyptis c h e r ‘Herrschaft in P a I ä st i n u um d a s Jahr 2i>00 n i ch t die Hede sein kan n. Gleichwohl waren die gegenseitigen politischen Beziehungen nicht ausschließlich feindliche. Es gab einen regelmäßigen Botendienst über Syrien und Palästina nach und von 'Aegypten. Sinuhe fand, als er entwichen war, nicht weit von der Grenze einen freundlichen Beduinenfürsten, der in Aegypten gewesen war. (Vgl. auch die Wanderung des Stammvaters Abraham von Kanaan nach Aegypten. 1. Buch Moses, Kap. 12, Vers 10.) Anderseits hatten sich schon vor seiner Ankunft Aegypter bei Ammi-enschi aufgehalten. Dieser gedenkt mit warmen Worten des vor kurzem verstorbenen Amenemhet I., rühmt überhaupt Aegypten, dessen Sprache in Retenu nicht unbekannt sei. Die politische Entspannung lörderte den Handelsverkehr. Wenn Amenemhet f. aut dem Nil eine Ffotte von Zedernschiffen besaß, so war aas Bauholz offenbar aus Byblos bezogen. Ein anderes Zeugnis für einen friedlichen Verkehr zwischen beiden Ländern besitzen wir aus der Zeit Sesostris II. (um 1900 -1887): unter Führung des Scheichs Abscha kamen 37 Beduinen und brachten Augenschminke als Handelsware. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Aegypten wußte sich durch die rastlose Arbeit der ersten Herrscher der 12. Dynastie genugsam erstarkt, um einen wuchtigen Schlag gegen die ,,Asiaten“ zu wagen, die es an der Nordgrenze unaufhörlich bedrohten. Sesostris III. (1887—1849) unternahm einen gewaltigen Kriegszug gegen sie, den einzigen, von dem wir aus der Zeit des Mittleren Reiches' Kunde haben. Der Verlauf ist uns auf einem Denkstein überliefert, den Sebek-chu, ein General Sesostris III., in Abydos errichtet hat. Um die Quelle gleichsam zu verstopfen, aus der die Scharen der Feinde immer wieder hervorfluteten, drangen die Aegypter, wie einst unter Pepi I., in das eigentliche Palästina hinein bis hinauf nach Syrien, das voller Ingrimm und verächtlich ein „elendes Land“ genannt wird. Die Asiaten wurden besiegt. Mit selbstbewußtem Stolz erzählt Sebekchu, wie der König ihn belohnt habe: „Er gab mir einen Stab aus Silbergold in meine Hand, einen Bogen und einen mit Silbergold verzierten Dolch, dazu noch seine |eines gefangenen Asiaten) Waffen.“ Dieser Sieg verschaffte für lange Zeit Ruhe. Auf der Sinaihalbinsel waren ständige Brunnen, Zisternen, Baracken für die Arbeiter, Häuser für die Beamten und Befestigungen gegen die plündernden Beduinen eine unerläßliche Notwendigrkeit. Einiges hiervon hatten schon frühere Könige, besonders Sesostris 1., eingerichtet, aber erst jetzt konnten diese Anlagen mit gewisser Sicherheit .für die Zukunft und in größerem Umfange ausgeführt werden. Amenemhet III (1849—1801), der Sohn und Nachfolger Sesostris III., machte die Station Sarbut-ei Chädem zu einer wirklich brauchbaren Kolonie für die Minenarbeiter, so daß sich aus den bisher unregelmäßigen Unternehmungen aut der Halbinsel eine dauernde Industrie entwickelte, die der königlichen Schatzkammer alljährlich einen großen Ertrag brachte. Ueber die Sinaihalbinsel hinaus im eigentlichen Palästina festen Fuß zu fassen, gelang Aegypten trotz vielfacher Versuche zunächst nicht. Hier übten die Babylonier ununterbrochen, wenn auch nicht immer mit großem Nachdruck, die Herrschaft aus. Eine nachhaltige Aenderung dieser Machtverhältnisse wurde letzten Endes durch eine Völkerbewegung herbeigeführt. Durch das Vordringen der Hetiter, die im 18. Jahrhundert in Babylonien einströmten und sich allenthalben in Vorderasien festsetzten, war eine sieh weiter und weiter fortpflanzende Völkerbewegung entstanden, die sich von 'Osten her über Syrien und Palästina bis nach Aegypten ausbreitete. So machten etwa um 1700 die nichtsemitischen Kassiten, aus dem Gebiete östlich des Tigris hervorbrechend, erfolgreiche Einfälle in Babylonien, in dessen Besitz sie seitdem fast 600 Jahre blieben. Etwa um dieselbe Zeit traten 'die westlichsten semitischen Beduinen — Hyksos, d. h. Hirtenkönige genannt ■— nach Aegypten über. Der Verfall des Mittleren Reiches und der Mangel einer straffen Zentralregierung machte es ihnen leicht, die Herrschaft an sich zu reißen. Sie dauerte von etwa 1680—1580. Als Residenz wählten sie nicht die bisherige Hauptstadt Theben in Unter-Aegypten, sondern Avvaris irrt östlichsten Delta, denn von hier aus konnten sie ihre asiatischen Besitzungen besser im Zaum halten. Zweifellos bildeten .Syrien und P a I ä s t i n a einen Teil ihres Reiches. Mit ihrer Herrschaft ging es indessen zu Ende, sobald das Nationalgefühl der einheimischen Aegypter wieder erwachte. Amosis I., der Begründer der 18. Dynastie und des Neuen Reiches, vertrieb sie (1580). Nach dem Fall ihrer Hauptstadt Awaris verfolgte er sie bis nach Südpalästina. Erst nach einer Belagerung von 3 Jahren gelang es ihm, die stark befestigte Stadt Scharuhen, in die sich die Hyksos zurückgezogen hatten, zu erobern. Daß sie sich so lange in Palästina halten konnten, ist nur verständlich, wenn dieses Land ihnen gehört hatte. (Breasted-Ranke, Geschichte Aegyptens, S. 200.) Ein anderes Zeugnis hierfür sind die in Gezer aufgefundenen Skarabäen des Hyksoskönigs Chian. (Kittel, a. a. O., S. 88) Da die Hyksos weiterhin in Syrien^ bis zum Euphrat feste Stützpunkte und überdies hier an den stammverwandten Völkern hilfsbereite Bundesgenossen hatten, so mußten die Aegypter, wenn sie jede Möglichkeit einer Wiederkehr der Fremdfinge ausschließe.n wollten, noch weiter nach Norden Vordringen. Hierzu reizte nicht minder der Niedergang der babylonischen Macht die Kassiten, denen die nach Unabhängigkeit strebenden Assyrer mannigfache Schwierigkeiten bereiteten, konnten infolgedessen an der Peripherie ihrer Machtsphäre, ihre Interessen und bisherigen Rechte nicht mit hinreichendem Nachdruck wahrnehmen. Um so mehr drängten sich den Aegyptern die gewaltigen politischen Vorteile auf, wenn es ihnen gelang, gerade jetzt in Palästina und Syrien die Erben Babylons zu werden. Vielleicht ist noch Amosis I. oder bereits sein Nachfolger Amenophis I. (um 1550) in Syrien eingerückt. Sicherlich aber ist es von Tutmosis I. (um 1530) erobert worden, der sich rühmt, hier ein großes Blutbad unter seinen Feinden angerichtet zu haben. Palästina und Syrien sind jetzt A e‘g y pt e n 'tributpflichtig. Freilich sind 3ie noch keineswegs beruhigt. Von den Hyksos aufgestachelt, vereinigten sich die unterworfenen Fürsten, von den Mittam am mittleren Euphrat und wohl auch von den Kassiten und Hetitern unterstützt, zu einem Bunde gegen Aegypten. An der Spitze stand der König von Kadesch am Orontes. Bet Megiddo, also im Herzen Palästinas, warf sich die gesamte Heeresmaefit der Verbündeten Tutmosis in. entgegen, wurde aber blutig zurückgeworfen und mußte sich