Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1919)
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 581-582 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649293--0381-2649729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
581 VOLK und LAND 582 flotte nach der phönizischen Küste entsandt. Auf einem Wandgemälde in Deschasche sehen wir, wie seine Soldaten die mit Wall und Türmen stark bewehrte Stadt Netia auf Sturmleitern und mit mächtigen Stangen belagern. Diese Darstellung wird wirksam ergänzt durch ein mächtiges Relief in seinem bei A'.;usir ausgegrabenen Totentempel, das die Hteimkehr der nach dem Libanongebiete entsandten Kriegsflotte zum'Gegenstand hat. Neben den ägyptischen Matrosen stehen die gefangenen Asiaten, die gezwungen werden, in den HuIdigUngsrut einzustimmen: „Heil dir, Sahure, Gott der Lebendigen, die deine Schönheit sehen.“ Nicht minder glücklich war eine Expedition Sahures nach der Sinaihalbinsel: sie kehrte reich mit Schätzen beladen heim. Trotz dieser Erfolge konnte weder hier noch im angrenzenden Südpalästina der Widerstand der Bevölkerung gegen die Begehrlichkeit der Aegypter völlig gebrochen werden, so daß Expeditionen zur Sicherung der Bergwerke notwendig blieben. Zudem war Aegypten in wachsendem Maße von Beduinenschwärmen — den oben erwähnten Amoritern — bedroht, welche von der syrischarabischen Steppe heraufziehend, Palästina überfluteten. Von hier strebten sie weiter nach Osten, fanden aber an Sargon von Agade ihren Meister. Indem sie auf ihren Wanderungen nach Süden bis ins östliche Nildelta vordrangen, bedrohten sie die Interessensphäre Aegyptens. Pepi I., der der auswärtigen Politik mehr als irgendeiner seiner Vorgänger seine Aufmerksamkeit widmete, sandte (ca. 2550) seinen Günstling und Feldherrn Una gegen die „Heriuscha“, d. h. Sandwanderer, wie die Aegypter die nomadisierenden Nachbarn spöttisch zu nennen pflegten. Dieser Feldzug bedeutet das erste genauer datierbare Eindringen ägyptischer Truppen nach Palästina. Una sammelte, wie er in seinem Bericht überliefert, ein Heer von vielen Zehntausenden, zu dem alle Teile des Reiches einschließlich der Neger, ihre Kontingente gestellt hatten. In fünf Kriegszügen drang er über die Sinaihalbinsel hinaus bis in das Kulturland Palästinas und kehrte erst mit seinem Heere heim, „nachdem es das Land der Sandbewohner zerstört hatte, nachdem es seine Festungen niedergeworfen hatte, nachdem es seine Feigenbäume und Weinstöcke umgehauen hatte,. nachdem es dort Krieger zu vielen Zehntausenden erschlagen hatte, nachdem es eine große Menge davon als Gefangene [fortgeführt hatte].“ Ein sechster, gleichfalls erfolgreicher Zug, den Una zur See unternommen hatte, führte ihn gar bis ins „Land der Gazellennase“, d. h. bis i n die Gegend des Karmef. Die Feldzüge Pepis I. (6. Dynastie) haben so wenig wie die seiner Vorgänger eine wirkliche Unterwerfung Palästinas und der phönizischen Küste zur Folge gehabt. Noch weniger gelang es im Lauf der folgenden Dynastien (7.-—10.), zumal sie eine Periode innerer Schwäche und Unordnung waren. Für die ganze Dauer des Alten Reiches überhaupt ist die babylonische Vorherrschaft in diesen Gegenden geschichtlich feststehende Tatsache. Der Anspruch auf ihren Besitz ist gleichwohl seitens der Pharaonen nie aufgegeben worden. Sobald daher mit dem Beginn des Mittleren Reiches (11. Dynastie, ca. 2160) geordnete Verhältnisse im Staate eintraten, wurden die auf Palästina gerichteten Bestrebungen mit großem Eifer wieder aufgenommen. Dies gilt besonders von den Königen der 12. Dynastie, die überhaupt bemüht waren, die Machtstellung der alten Pharaonen wiederzugewinnen. Ihr Begründer Amenemhet I. (2000—1970), der tatkräftige Reorganisator des Landes, und sein Mitregent und Nachfolger Sesostris I. (1980—1935) unternahmen gelegentliche Raubzüge nach Palästina und Syrien, ohne daß ihnen indessen die Niederwerfung der Heriuscha geglückt wäre. Dieser Mißerfolg ist aus der berühmten Erzählung des Sinuhe erwiesen, der wir im übrigen auch mancherlei Mitteilungen über friedliche Beziehungen zwischen beiden Ländern verdanken. Die Erzählung spielt in der Z.eit Sesostris I., ist aber wohl erst am Ende der 12. Dynastie (ca. 1780) verfaßt. Der Autor ist unbekannt. Sie erfreute sich bei den Aegyptern des Mittleren und Neuen Reiches großer Beliebtheit. Wurde sie doch, aut Scherben oder Steinsplitter geschrieben, den Toten zu ihrer Unterhaltung im Jenseits ins Grab mitgegeben. Sinuhe war, wie wir erfahren, eine am Hofe bekannte Persönlichkeit. Einst begleitete er als Gefolgsmann den Kronprinzen Sesostris nach Lybiep. Hier erfuhr er bei zufälliger Anwesenheit im Zelte des Sesostris den Tod des alten Königs Amenemhet I. Während Sesostris sofort zur Sicherung seines Thrones in die Heimat eilte, entfloh Sinuhe nach Asien, weil er sich bei den voraussichtlichen Wirren aus irgendwelchen Gründen seines Lebens nicht sicher fühlte. Nach einer 'an Entbehrungen reichen Wanderung kam er über Byblos, der phönizischen Hafenstadt, nach ,,Kedem“, dem Wüstengebiet östlich von Damaskus. Hier blieb er anderthalb Jahre, bis der Fürst Ammi-enschi von Ober-Retenu, dem palästinensischen Bergland, ihn auf lange Zeit für sich gewann. Er gab ihm seine Tochter zur Frau, wies ihm eine an Vieh, Getreide, Obst und Wein reiche Landschaft als Eigensitz an und machte ihn 'zu seinem Heerführer. Sinuhe zeigte sich der Gaben und Ehren wert und rechtfertigte durch hervorragende Kriegstafen das Vertrauen, das Ammienscfii auf ihn gesetzt hatte. Je älter er al>er wurde, desto mehr sehnte er sich nacn der Heimat zurück. Da kam ein Handschreiben seines Königs Sesostris sehr gelegen, in dem er zurückzukehren gebeten wurde, damit nicht Asiaten ihn bestatten und in ein Schaffell hüllen. Sinuhe sah se'in Vaterland wieder und lebte dort „vom König geehrt, Dis der Tag des Abschiedens fierankam“. (Vgf. Greßmann a. a. O. I, 210), So spannend Sinuhes Lebensroman ist, der hier nur in kurzem Umriß wiedei^regeben sei, bedeutsamer ist für uns. was wir aus ihm über die Verhältnisse Palästinas erfahren oder folgern dürfen. Es ist zunächst ohne Zweifel, daß Palästina um 2000 von der Sinainaibinsel an bis hoch im Norden von Semiten besetzt war. Sind doch Bezeichnungen wie ,,Kedem“ (vgl. Hebräisch Kedem Osten) und Ammi-enschi (vgl. Hebräisch am Volk, isch Mann) semitisches Sprachgut. Wenn Sinuhe „von einem Land zum andern“ weitergegeben wurde, so hat es offenbar einen Staatenbund und eine Zentralregierung nicht gegeben. Vielmehr lebten die Stämme miteinander um der Weideplätze und Brunnen wegen in dauernder Fehde und suchten ihr Gebiet aut Kosten der Nachbarn zu vergrößern. Ihre Raubzüge dehnten sich sehr weit aus und wurden zumal den Aegyptern gefährlich. Diese hatten deshalb ein Sperrfort — Fürstenmauer .genannt — errichtet, um „die Beduinen fernzuhalten und die Sandwanderer abzuwehren.“ Auf der Mauer war eine Grenzwache