Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1919)
- Date
- 1919-05-03
- Page
- Seite 569-570 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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569 VOLK UND L AND 570 Die Kapitulationen werden natürlich abgeschabt, und die Nationalität jeder im Lande geborenen oder naturalisierten Person wird als ^Bürger von Erez Israel“ bezeichnet. Diese Forderungen sind Maximalforderungen, die zur Vorlage an die Zionisten, nicht aber an die Friedenskonferenz bestimmt sind. Das muß man sich besonders klarmachen, wenn n an sie mit den eigentlichen in Paris unterbreiteten Forderungen vergleicht. Die Agudas Jisroel und der jüdische Kongreß j Der üruppenverband der „Agudas Jisroel“ in! Deutschland versendet ein Rundschreiben folgenden ln hats: 1. Der Kongreß soll aus unsern jüdischen Gemeinden nach dem Vorhaben der Kongreßfreunde „Volksgemeinden'* machen. Wohl sind viele Gemeinden verbesserungsbedürftig. Wohl verlangen Mar Orthodoxen vorbehaltlos, daß jeder Jude Vollmitglied sein kann, unbekümmert um seine Steuerkraft. Wohl verurteilen wir mit aller Schärfe jegliche Sonderbehandlung ostjüdischer Brüder, die man „Ausländer“ zu nennen beliebt! Es muß und wird damit anders werden. — j Aber wir wehrte uns dagegen, daß die rein religiösen I Gemeinden in soziale Gebilde umgeschaffen werden, j daß die altehrwürdige Zibbur-Institution nach Tagest mode reformiert werde. 2. Der Kongreß soll nach dem Wunsche seiner Werber die „jüdisch-nationale“ Schule schaffen. Wohl wünschen wir gewiß sehnlichst gutjüdische Schulen herbei auf dem Boden der Gotteslehre und des überlieferten Gesetzes. - Aber wir wehren uns dagegen, daß unsere Kinder in unjüdisch-jüdische Schulen gezwängt werden; in Schulen, in denen das Judentum als rein politischer Nationalbegriff aufge/eigt wird; in Schulen, die den Abfall vom Gesetz und die Gesetzestreue gleichberechtigt nebeneinander und als ohne Belang für die Gesamtheit darstellen; in Schulen, die nicht aufbauen auf Ahawas hatauro und Jiras schomajim. 3. Der Kongreß soll nach dem Willen seiner Einberufer die Juden Deutschlands zu einer politischen Einheit zusammenschließen. Wir haben aber in Deutschland keine politischen Sonderbestrebungen; wir verlangen in Deutschland lediglich Vollbürgerrecht und die Möglichkeit, unbeschränkte Thoratreue zu üben. Somit gäbe der Kongreß ein grundfalsches Bild und den Anlaß zu bedenklichen Mißverständnissen. 4. Der Kongreß bezweckt ferner, und zwar ausgesprochen in erster Reihe, „zionistische“ Propaganda. — Wir zionstreuen Nichtzionisten wollen uns aber nicht zum Vorspann dieser Gelüste benutzen lassen. 5. Aus der kongreßfreundlichen Presse kommt der arglose Leser leicht zu dem Eindruck, als seien in andern Ländern die Juden schon fast einmütig und ge schlossen zu den daselbst Unberufenen Kongressen erschienen. Das ist unzutreffend. Die Schilderungen der Massenerfolge sind übertrieben*). - Und w'ir würden durch unsere Teilnahme dazu verhelfen, daß anderswo wiederum der falsche Eindruck entsteht, als sei die Orthodoxie der Kongreßbewegung zugetan. Das aber müssen wir vermeiden. 6. Der Kongreß hierzulande soll nach der Absicht seiner Betreiber als Glied die Kette der andern Landeskongresse schließen und später in einem Weltkongreß gipfeln. Was soll uns der im Gegensatz zur Thora stehende, rein nationale Weltkongreß? Er müßte unser jüdisch Volksbekenntnis in seiner sinaitischen Reinheit trüben und verfälschen. Unsere Weltanschauung ist; getrennt von der kpngreßfreundlichen. Hier das Gottesj *) Für diese kategorische Behauptung ist die A. J. i den Beweis bis jetzt schuldig geblieben, und wird j ihn weiterhin schuldig bleiben müssen. D. Sch. I judentum der Thora dort thoralose Politik. Wohl mögen praktisch beide Gruppen Hand in Hand arbeiten, wo und insoweit es ohne Grundsatz-Verletzung angeht. Aber geistig darf es keine Vermischung und Verwischung geben. Darum lehnen wir die Beteiligung am Kongreß ab. WIRTSCHAFT | Wirtschaftsaussichten in Palästina | „Board of Trade Journal“ vom 13. Februar 1919 i beschäftigt sich eingehend mit den Wirtschaftsverhältnissen in Syrien und Palästina und führt u. a. aus: Die Länge der Schienenwege in diesen Ländern beträgt 2080 km, abgesehen von den Kleinbahnen, die von den britischen Expeditionstruppen errichtet wurden. Vielfach wurden die Bahnen im Laufe der Operationen beschädigt. Die Verwaltung der französischen Linien durch die Türken während des Krieges wird erhebliche Schadensvergütungen an diese Gesellschaften erfordern. Immerhin bleibt in Syrien und Palästina ein Eisenbahnnetz bestehen, das gegenüber der derzeitij gen wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder einen i Vorsprung hat, und in dieser Beziehung sind die beiden Länder in günstigerer Lage als Mesopotamien. Im Einklatfg mit der Fortentwicklung der Länder müssen Lokalbahnen errichtet und die Häfen Alexaudrette, Haifa und Jaffa ausgebaut werden. Die Bagdad- Bahngesellschaft besitzt eine Konzession für Alexandrette; für Haifa und Jaffa wurde im Jahre 1913 eine Konzession an Frankreich erteilt. Die Aussichten für die Verwendung von Wasserkraft zur Elektrizitätserzeugung sind günstig, um so mehr als von allen syrischen Städten nur Beirut und Damaskus elektrische Anlagen besitzen. Für die Ent- und Bewässerung muß viel geschehen, um die Landbebauung voll durchzuführen. Verschiedene Industriezweige, deren Rohstoffe im Lande produziert werden können, sind entwicklungsfähig, u. a. das Mahlen und Pressen von Oel, der Zuckeranbau, die Herstellung von Baumaterial, sowie die Alkohol- und Papierfabrikation. Die syrischen Industrien beschränken sich bisher auf die Seidenspinnerei, die Textilindustrie und die Olivenöl- und Seifenfabrikatiön, die einige Bedeutung erlangten. Die Mrnenindustrie ist vernachlässigt, das Fehlen inländischen Brennstoffes hindert die industrielle Entwicklung wesentlich. Die Landwirtschaft, von der alles abhängt, liegt infolge der Unsicherheit der Besitz Verhältnisse und wegen des schlechten Steuersystems darnieder. Ebenso wie Mesopotamien, hat der Türke Syrien ruiniert. Eine^ Ordnung der Besitzverhältnisse, eine gerechte Besteuerung und gute Be- und Entwässerung dürfte die Produktionsfäfngkeit Syriens heben. Der Krieg brachte in Syrien und Palästina viele Aenderungen hervor. Die Straßen wurden — besonders im Süden — verbessert, ein neuer Zeitabschnitt ist angebrochen. Die Bevölkerung aber ist fortgezogen, sehr viel Vieh ist vernichtet, die Oliven- und Maulbeerbäume wurden gefällt und der ganze Ueberseehandel unterbrochen. Blühende Industrien, selbst solche, wie die Libanoner Seide und der Jaffaer Orangenhandel, verloren ihre Märkte, die Häfeu waren von der Schiffahrt abgeschlossen, viel Land liegt unbebaut da. Die Zukunft des Landes hängt vollständig von den politischen Verhältnissen ab, so daß diese Fragen nicht eher erörtert werden können, bis Ruhe und Ordnung geschaffen ist. „Egyptian Gazette“ vom 11. Februar 1919 läßt | sich aus -Jerusalem melden: Infolge der teilweisen j Wiederaufnahme der Verbindungen zwischen Palästina | und der Außenwelt sind die Preise der Lebensmittel gc- ■ stürzt. Mehl ist von 13 auf 8 Piaster pro Rottel (0,44! Kilogramm), Zucker von 20 auf 14 Piaster gefallen. I Spekulanten, die durch Zurückhalten von Waren während