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Volk und Land · 1919-05-03 · Heft 18 (3.5.1919) · p. Seite 565-566

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 18 (3.5.1919)
Date
1919-05-03
Page
Seite 565-566 (sequence 13)
Language
German
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565 VOLK UND LAND 566 teilen und zu beschäftigen. In der ganzen Welt ist es üblich, daß nach einem zweijährigen Schulunterrichte , man zuerst als Gehilfin unter Leitung tüchtiger Landj wirte beschäftigt ist, um von deren reicher Erfahrung zu genießen und nur nach mehr oder weniger lang- I jähriger Praxis einen selbständigen Posten zu übernehmen. Bei uns mußten aber die Mädchen meist direkt nach Absolvierung der Mädchenfarm selbständig in Ge- ■ meinschaft mit noch 10—15 meist unausgebildeten Genossinnen arbeiten. Denn die Zahl der in der Haus¬ und Landwirtschaft ausgebildeten Mädchen ist so klein, daß jeder einzelnen, bevor sie noch mit ihrer Ausbiß düng richtig fertig' ist, schon wichtige Aufgaben warten, und sie sich verpflichtet fühlt, so schnell als möglich den ihrer harrenden unausgebildeten Genossinnen zu Hilfe zu kommen. Außerdem gibt es im Lande kaum j viel Frauen, die selbst so gut ausgebildet sind, daß j die Mädchen unter ihrer Leitung was lernen könnten. Selbstverständlich können diese kleinen Frauenwirtschaften nicht auf der Höhe stehen, wie wir es uns gerne wünschen, trotzdem dabei mit ungewöhnlicher Liebe, Fleiß und Selbstlosigkeit gearbeitet wird und oft viel Intelligenz und Initiative zu merken ist. Es fehlt uns an einer großen Zahl gut ausgebildeter, mit! viel Erfahrung ausgerüsteter landwirtschaftlicher Ar- | beiterinnen, die uns die weitere Gründung kleiner! Frauenwirtschaften, deren weitere Ausbildung und Verj vollkommnung ermöglichten, die als wünschenswerte Ge- S nossinnen in die männlichen Genossenschaften eintreten konnten, um den Haushalt und die landwirtschaftlichen Arbeitszweige der Frau dort auf die nötige Höhe zu bringen und immer vorwärts zu schieben, die an der landwirtschaftlichen Erziehung der neu heranwachsenden Generationen und der aus dem Golus unvorbereitet Heranwandernden tatkräftig teilnehmen könnten. Es fehlt uns auf dem Gebiete der Landwirtschaft an Tradition und Instinkt, wir müssen es durch Wissen, und Können ersetzen, was uns bei unserer natürlichen Intelligenz nicht allzu schwer fallen kann. Und, ich bin überzeugt, wir werden dann den Konservativen, für alles Neue, was die Wissenschaft bringt, ein taubes Ohr schenkenden Bäuerinnen gegenüber nicht im Nachteil sein. Wir müssen nur den ernsten Wunsch haben, das Wissen und Können mit der Arbeit aufs innigste zu verbinden. Wir haben eine furchtbar schwere Aufgabe: wir müssen alles aus nichts schaffen. Dias Land ist noch eine Wüste, das wenige, was da ist, ist technisch auf einer zu niedrigen Stufe, als daß es uns als Vorbild dienen könnte; jeder von uns muß so gut ausgebildet dorthin gehen, daß er sein eigenes und der anderen Vorbild sein könnte. Jeder der unausgebildet dorthin geht, so gut sein Wille auch sein mag, so stark seine moralische Kraft, muß doch eine gewisse Zeit, als Last betrachtet werden, bis er auf Kosten der anderen, sagen wir, meistens der kolonisierenden Gesellschaft ausgebildet wird, und dabei wird seine Ausbildung jioch bis in unabsehbare Zeit eiine nur mangelhafte dort sein können. Es ist deshalb die Pflicht eines jeden, der hinüberzugehen gedenkt, seinen jeweiligen Aufenthalt in Europa dazu zu benutzen, um sich womöglich sehr gut auf dem Gebiete auszubilden, auf dem er in Palästina tätig zu sein beabsichtigt. Diese Notwendigkeit, sich in Europa gut auszubilden, bevor man nach Palästina geht, trifft füt alle Tätigkeitsgebiete gleich zu, denn nur unter dieser Bedingung können wir auf einen wirtschaftlichen Erfolg trotz der abertausende» 1 Schwierigkeiten, denen wir auf jedem Gebiete in diesem noch unentwickelten Lande begegnen werden, hoffen. Ich hielt mich aber besonders bei der Landwirtschaft und beim Haushalte auf, weil ich hier den Schwerpunkt unserer Arbeit sehe und die Hauptaufgabe der Hechaluzim. Selbstverständlich brauchen wir in Palästina alles, was ein normal lebendes Volk braucht, und es wird für aII diese Berufe, die es unter den anderen Völkern gibt, Platz geben. Wir haben uns aber immer an das wirtschaftliche und intellektuelle Leben der anderen Völker auf allen Gebieten außer der Landwirtschaft beteiligt. Das Volk muß in dieser Hinsicht gewissermaßen umsatteln — tes muß aus dem Luftvolke, das aus der Luft lebte, bodenständig werden, und von dem leben, was tes durch seiner Hände Arbeit schaffen wird. Dies Umsatteln ist ja eigentlich der Eckstein unseres ganzen neuen Nationalbaues, das wird auch unser Probestein sein. Die Arbeit, und zwar die landwirtschaftliche Arbeit, sollen wir zur Basis unseres neuen, selbständigen, nationalen Lebens machen. Das wird aber unserem Volke, das gerade daran nicht gewohnt ist, das instinktiv immer nach einer anderen Richtung denkt und schafft, das sich gegen diesen Punkt immer am leichtesten versündigen wird, sehr schwer fallen. Und da es der schwerste Teil unserer schaffenden Arbeit ist und bleiben wird — muß es die Hauptaufgabe der Hechaluzim sein, durch Selbstarbeit im Beispiel voranzugehen, durch früher erworbenes Wissen, Können und Erfahrung die Landwirtschaft zu fördern und weiter zu bringen, damit sie leichter und ertragsfähiger wird, und die Intelligenz den nötigen und möglichen Spielraum bei dieser Beschäftigung frndet. Nun weiß ich, daß die meisten, die hinüberzugehen gedenken, die Frage beschäftigt, wie werden sie dort existieren, welche Berufe die besten wirtschaftlichen! Aussichten haben. Es läßt sich aber kaum mit Genauheit heute etwas darüber sagen. Wer weiß, wie das Leben sich in Palästina nach dem Kriege gestalten wird? Wer weiß, welche Gebiete sich besonders schnell entwickeln und die besten Existenzbedingungen bieten werden? Man kann aber, glaube ich, mit Sicherheit sagen, daß es noch lange in den kulturellen Ländern Europas leichter und bequemer zu leben sein wird, als in Palästina, und daß es wirtschaftlich Hoch lange vorteilhafter sein wird, die anderen für sich arbeiten zu lassen, als selbst zu arbeiten. Wer sich aber nach diesem richtet, gehört nicht in unsere Hechaluzbewegung. Was aber die gut ausgebildeten Arbeitskräfte betrifft, wurden sie immer, und das wird besonders in der Zukunft der Fall sein, sehr geschätzt und fanden ein großes Betätigungsfeld, sogar im Kriege — die Bedingungen aber zu ihrer Arbeit mußten sie oft selbst schaffen. Das war das Schwere, aber auch das Schöne in unserer Arbeit in Palästina. Wir kommen in ein Land, wo niemand etwas für uns vorbereitet hat, wir sollen das Land und das Leben für uns nach unserem Wollen, Können und Mögen schaffen. Jeder muß suchen, seinen Anteil an dieser großen Arbeit zu haben, jeder muß den Mut fassen, sich vom Golus loszureißen und seine Pflicht gegen sich, sein Volk und Vaterland, so schwer die Bedingungen auch sein mögen, endlich zu erfüllen. Und wer Mut und Willen hat, den echten Mut und den echten Willen, dem werden die palästinensischen Verhältnisse nicht zu schwer fallen.

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