Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1919)
- Date
- 1919-05-03
- Page
- Seite 559-560 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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559 VOLK UND LAND Nach dem deutschen Bericht von 19<)4 spatere enthalten genauere Angaben über das Lehrlingswerk nicht inehr — unterhielt die A. I. U. damals 37 'Lehrlingswerkstätten für Knaben, mit rund 700 Schülern, und 23 für Mädchen mit ebenfalls rund 700 Schülerinnen, davon 300 in Salonik. Wie vielseitig diese Berufsausbildung ist, beweist ein Bericht, den der Leiter der Allianceanstalten in Salonik 1904 an die A. I. U. senden konnte. Er Schreibt u. a.: „Unbestreitbar kommt iinserm Lehrlingswerk das Verdienst der sich von Tag zu Tag verstärkenden industriellen Entwicklung zu. Zu Hunderten zählen die auf unserer Schule ausgebildeten Arbeiter -- heute Familienväter —, die in ihrer Handarbeit eime anständige Existenz finden. — An der Spitze dieser Industrie ist zu nennen: eine Ziegelbrennerei, diverse .Mühlen, mehrere Fabriken für Strumpfwirkerei, eine .Fabrik für Kupferschmiedearbeiten, eine andere für Weißblecharbeiten. Die israelitischen Arbeiter sind in den meisten dieser industriellen Etablissements, zahlreich, einige von diesen sind ganz von unseren Glaubensgenossen besetzt. Werkstätten für Tischlerei und Kunstschnitzerei sind reichlich vorhanden, man läßt die Möbel nicht mehr aus Wien kommen. — Die hiesigen Teppicharbeiter, Posamentierer, Schmiede, Stuhlarbeiter, Marmorarbeiter sind durch unser Werk vorgebildet worden. Unter ihnen verdienen einige 4—5 Frcs. täglich. Die Buchdrucker sind insgesamt Juden.“ Aber auch nach Beendigung der Lehrzeit weiß die A.l.U. ihre Schüler an sich zu ketten. Sie hat die Schüler am gleichen Ort zu den „Vereinen ehemaliger Schüler der A. I. U.“ zusammengeschlossen, und da diese Schüler zum Teil aus sehr wohlhabenden Familien stammen, so ist das Vermögen dieser Vereine nicht unbeträchtlich. Sie verwenden es meistens in ausgezeichneter Weise. So unterhält der Verein in Casablanca das dortige Lchrlingswerk, das er gründete. Es wurde schon erwähnt, daß auch wohlhabende Leute ihre Kinder der A. I. U. anvertrauen. Gerade diese sind es nun, die ausschlaggebend sind für die — gewollte oder ungewollte — politisch französische Nebenwirkung, die aller Arbeit der A. I. U. anhaftet. Zunächst einmal sprechen fast alle Schüler der A. I. U. französisch, in den allermeisten Fällen als die einzige europäische Sprache, die sie beherrschen. Durch Jahrzehnte hindurch war das Französische geradezu die Schulsprache der A.l.U., bis sich neuerdings einige Mitgliedergruppen, z. B. die Deutsche Konferenzgemeinschaft, dagegen gewehrt haben. Es ist dann an einigen Schulen — aber nur an ganz wenigen — Deutsch und an anderen Hebräisch als Schulsprache eingeführt worden. Soweit mir bekannt ist, wird aber an allen diesen Schulen auch Französisch unterrichtet. Die Folge dieser Sprachpolitik war für den Orient und besonders für die Türkei zunächst die, daß die Verkehrssprache im Handel fast überall das Französische geworden ist. Der Umstand, daß gerade die Juden es sind, die diese Sprache fast alle sprechen, ist von größter Bedeutung gewesen. Nun wissen wir aber heute besser denn je, welche Bedeutung 560 j die Sprache für den Handel hat. Jeder Kaufmann I sucht sich seinen Kunden und seinen Lieferanten j da, wo die Sprache kein Verkehrshindernis ist. Ebenso sucht jeder Nichteuropäer, der in Europa seinen Studien obliegen will, die Quellen der Wissenschaft da auf, wo sie ihm nicht durch eine noch erst zu erlernende Sprache gleichsam verrammelt sind. So wanderte bisher der ständig sich mehrende Strom Studierender aus dem Orient, unter ihnen als integrierender Bestandteil die jüdische Intelligenz, nach Frankreich, dessen Hochschulen, besonders die Sorbonne, jederzeit überschwemmt waren von Lernenden aus dem Balkan und von jenseits des Mittelmeeres. Für die allermeisten von ihnen waren die paar Studienjahre in Frankreich das einzige europäische Erlebnis, und Frankreich selbst mußte daher für sie der Gipfel aller Kultur sein. Die Leitung der A.l.U. leugnet natürlich, daß sie irgendwie in einem anderen Interesse handelt, als in dem des Judentums. Das mag, von einem gewissen subjektiven Standpunkt aus gesehen, richtig sein. Objektive Beobachter haben darüber anders geurteilt. So sagt Hugo Grothe in seinen „Wanderungen in Persien“ (Berlin, 1910): „Ein Wirken in französischem Sinne ist von der Alliance, die ihre Leitung ja in Paris hat, stets bestritten worden. Mein Augenschein hat mich gelehrt, daß die in diesen Schulen gepflogene Unterrichtssprache wie die Staatsangehörigkeit der Lehrer, nicht minder das rege Eintreten der französischen Konsulate für die Schöpfung der Alliance Israelite, wenn sie von letzterer auch niefit zur Stärkung der Machtmittel Frankreichs geplant sind, doch in der Tat einen derartigen Erfolg h aben . , .“ Die A. I. U. hat es ihren eigenen Mitgliedern außerordentlich schwer gemacht, Einblick in die wirklichen Verhältnisse zu gewinnen. So eingehend sich ihre Berichte über jede politische Intervention zugunsten bedrängter Juden äußern, so vollkommen schweigen sie sich über alles aus, was irgendwie zu Rückschlüssen auf die Wirkung der Schularbeit führen könnte. Durch ein klug ausgearbeitetes Statut — „das Zentralkomitee bestimmt, wieviel seiner Mitglieder in Paris tvohnen müssen“ —, ist den nichtfranzösischen Mitgliedern des Zentralkomitees jeder Einblick internerer Art entzogen Ein Herr, der jahrelang zu den deutschen Mitgliedern des Zentralkomitees gehörte, sagte dem Schreiber dieser Zeilen, daß ihm niemals etwas Näheres über die Art des Unterrichts, des Lehrermaterials, der Schulbücher usw. bekannt geworden sei. Was die Alliance tat, tat eine kleine Gruppe französischer Herren, die niemandem Rechenschaft schuldig zu sein schienen. Es ist vor einigen Jahren zu einem Konflikt zwischen der Pariser Leitung und der Organisation der deutschen Mitglieder gekommen, der aber nicht sehr ernster Natur war. Später hat sich diese deutsche Organisation von der A. I. U. für die Dauer des Krieges losgesagt, weil angeblich ein antideutsches Zirkular von der A. I. U. an die Juden der neutralen Länder versandt wurde. Interessant ist es, daß das bisherige Organ der Alliance in