Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1919)
- Date
- 1919-05-03
- Page
- Seite 557-558 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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557 VOLK UND LAND 55S Bürger. Die A.I.IJ. lrat sich nie wesentlich um die religiösen Bedürfnisse gekümmert. Das entspricht ganz der französischen Auffassung, wie sie in der Trennung zwischen Staat und Kirche dokumentiert wird und ist sehr verschieden vom jüdischen Denken im Sinne des traditionellen Judentums. Ebensowenig ist es der A. I. U. in den Sinn gekommen, das Judentum in anderer als in religiöser Beziehung als Einheit zu werten. Auch das entspricht ganz der französischen Auffassung' von der Judenenianzipation. Danach haben die emanzipierten Juden ’aufgehört, etwas anderes zu sein, als „Staatsbürger jüdischen Glaubens“ der Länder, in denen sie emanzipiert wurden. Diese konstruierte „egalite“ galt der Alliance als das höchste Ziel. Was sie anstrebt, ist also lediglich, wenn man so sagen will, die Europäisierung des Judentums; genau wie Frankreich die Europäisicrung der Völker anstrebt, auf die es seine „Kulturmission“ ausdehnt. Daß das Schulwerk der A. I. U. seinen Zweck, die soziale Lage der orientalischen Juden zu heben, in ausgezeichneter Weise erfüllt hat und damit auch den Ländern nützte, in denen sie leben, kann keinem Zweifel unterliegen. Es lohnt sich, die Entwicklung dieses Erziehungswerkes eingehender -zu betrachten. machen. Das ist nun für europäische Begriffe keine sehr aufregende Ziffer in Preußen besuchen 19 "> der Bevölkerung die Volksschule - aber für orientalische Verhältnisse ist es geradezu ein Rekord! Gingen doch durch die türkischen Staatsschulen insgesamt nur wenig mehr als 1 der Bevölkerung. Die Gesamtausgaben der Türkei für Unterrichtszwecke beliefen sich 1914 nur um 200 000 Mark mehr als das Schulbudget der A.I.IJ. Wie die zweite Tabelle zeigt, verteilen sich die Schulen der A. 1. IJ. in der Türkei über das ganze Land. Besonders zu finden sind sie natürlich in den größeren Städten, in denen die Masse der Juden lebt. Schulen der A. I. U. in der Türkei (1913): Knaben- Mädchenschulen und schulen und gemilchte Kinder- Schnlen g:i*-len Europäische Türkei: Konstantinopel, Adrianopel, Oallipoli, Kirkilisse, Rhodus, Rodoito, Silivri, Tschorlu . . 1*‘> U> leinasien: Aidin, Ascar, Brussa, Cassaba, Dardanellen, Magnesia, Melas, Menemen, Nagli. Pergame, Smyrna, Tireh W urla. . . . 14 8 Oesamt- Schülerzahl 8<i23 4*215 Syrien: Alleppo, Beirut, Haifa, Damaskus, Jaffa, Jerusalem, Saffed, Saida, Tiberias, Tocate. 10 7 4 Mesopotamien: Amara, Bagdad, Bassorah, Hannekine, Hille, Mosnl, Filahie_9_4_4 236 Insgesamt 38 Schulotte 49 29 21432 1870 besaß die A.I. U. 14 Schulen mit 2900 Schülern 75 Lehrern 1880 „ „ „ 48 „ „ 5200 „ 257 „ 1890. „ „ „ 54 „ „ 11500 „ 364 1900 „ „ „ 100 „ „ 24 000 „ 798 „ 1910 „ „ „ 153 „ „ 42000 „ 1310 „ 1914 „ „ „ ia*> „ „ 4S000 1472 Entsprechend dieser Steigerung der Leistung ist auch der Haushalt der A. I. U. im Laufe der Zeit außerordentlich gestiegen. Er betrug: 1880 . 110000 Frcs. 1890 . 287000 „ 1900 . 1200000 „ 1910 . 2000000 „ 1914.2 00" 000 „ Die Schulen verteilen sich in folgender Weise auf die verschiedenen Länder des Balkans und des Orients:; Schulen der A.I.U. im Orient (1913): Knaben- Mädchenschulen und scbu'enund Schäle rgemischte Kinderzahl Schulen gälten Türkei: Siehe besondere Tabelle . . . 49 Marokko; Azemur, Casablanca, El Ksar Fez, Larache, Marakesch, Mazokan, Meqines, Mogador, Rabat, Safi, Sale, Seffru, Tanger, Tetuan. 15 Tripolis: Tripolis. 1 Ägypten: Alexandrien, Kairo, Tantah Persien: Hamnadan, lspataan, Kirmanschah, Seneh, Schiras, Teheran ... 6 Algier: Algier, Konstantine, Oran . . 3 Bulgarien: Samacoff, Schumla ... 2 Serbien: Monastir, Uesküb. 3 O riechenland: Kawalla, Janina,Drama, PrAVA9« 6al/\n!l/ n Insgesamt 79 Schulorte 93 OS 43297 Wie diese Tabelle zeigt, wrar die Arbeit der A. I. U. den Zahlen nach in der ehemaligen Türkei so intensiv, wie in den übrigen Orientländern zusammengenommen. Sowohl die Anzahl der Schulanstalten. w ie die Gesamtzahl der Schüler umfaßt ungefähr die Hälfte 'derer im ganzen, Orient. Wenn man bedenkt, daß die gesamte jüdische Bevölkerung des türkischen Reiches zu Begian des Krieges — nach Trietsch — etwra 420 000 Seelen zählte, so ergibt sich, daß die Schüler der A.I.IJ. nicht weniger als 5 o/u des gesamten türkischen Judentums aus- Neben diesen Zahlen treten die Leistungen der andern in der Türkei arbeitenden jüdischen Organisationen, soweit es sich um Schulpolitik handelt, zurück. Die Arbeit des „Hilfsvereins der deutschen Juden“ und besonders die der Zionistischen Organisation mögen, vom Standpunkt des Judentums, Qualitäten besitzen, die ihre Leistungen wertvoller gestalten. Aber für die nüchterne Betrachtung der augenblicklichen Verhältnisse muß daran festgehalten wrerden, daß bis auf den heutigen Tag die Erziehung des jüdischen Nachwuchses in der Türkei in den Händen der A. I. IJ. lag, und dieser auf Jahre hinaus selbst im besten Fall unter dem nachwdrkenden Einfluß einer Erziehung stehen wird, die im wesentlichen nicht nur europäisch, sondern französisch gewesen ist. Dem Versuch, der sich aus der ganzen Sachlage mit Notwendigkeit aufdrängt, ganz langsam und allmählich in neue, erst zu schaffende Verhältnisse hinüberzuleiten, stellen sich Hindernisse entgegen, die verankert liegen in der vorzüglichen Art, in der das Schul werk der A. I. U. vom pädagogischsozialen Standpunkt aus organisiert ist. Der Schüler der Alliance bleibt auch nach dem Verlassen der Schule im innigsten Zusammenhang mit ihr. Zunächst dadurch, daß die Fürsorge der A. I. U. für ihre Zöglinge mit Ablauf der eigentlichen Schulzeit durchaus nicht aufhört. Man hat sehr richtig erkannt, daß Schulbildung allein gar nichts fruchtet und unter orientalischen Verhältnissen w irklich eher schädlich als ^nützlich ist, wenn nicht gleichzeitig dafür gesorgt wird, daß auch eine systematische Vorbereitung auf einen Beruf stattfindet, der dieser intellektuellen Ueberlegenheit erst die Möglichkeit gibt, ihrem Träger zum sozialen Aufstieg zu verhelfen. Aus diesem Grunde hat die Alliance vielen ihrer Schulanstalten Lehrlingswerkstätten beigefügt, und zwar, was für den Orient besonders wichtig ist, nicht nur für Knaben, sondern auch für Mädchen.