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Volk und Land · 1919-05-03 · Heft 18 (3.5.1919) · p. Seite 547-548

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 18 (3.5.1919)
Date
1919-05-03
Page
Seite 547-548 (sequence 4)
Language
German
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547 VOLK UND LAND 548 ist sein Himmelreich. Wir können nicht Vorsehung spielen. Nur gebe man auch uns Nichtzionisten das Recht der Selbstbestimmung; wir wollen in Deutschland kein jüdisches Volk sein, sondern nur eine jüdische Religions- und Stammesgemcinschaft bilden und deutsche Volksgenossen bleiben. 6. Wenn Sie Anstand nehmen an meinen Worten, daß ich für die französischen und englischen Juden nicht viel anders empfinde, als für die französischen und englischen Christen, und darauf hin glauben, mein religiöse s Gemeinschaftsbewußtsein als nicht sehr groß einschätzen zu können, so haben Sie Ihre Kritik auf Worte gestützt, die Sie aus dem Zusammenhang gerissen und mißverstanden haben. Ich habe davon gesprochen, daß wir deutschen Juden mit den französischen und englischen Juden keine Volksgemeinschaft haben, und wenn ich daran die Bemerkung geknüpft habe, daß ich für sie nicht viel anders empfinde als für die französischen und englischen Christen, so handelt eis sich dabei um völkische Empfindungen, bei denen mein religiöses Gemeinschaftsbewußtsein garnicht in Frage kommt. Ich lasse mich an Treue zu den Gemeinschaften, denen ich angehöre, von Niemandem übertreffen und mein Vorleben sollte mieh vor dem Vorwurfe schützen, daß mein jüdisches Solidaritätsgefühl unzulänglich sei und der Vertiefung fähig sei. Mein geistiger und seelischer Konnex zu dem französischen Juden ist natürlich enger als zu dem französischen Christen — wie denn auch mein geistiger Konnex zu dem französischen Juristen ein engerer ist als zum französischen Nichtjuristen — und ich werde ceteris paribus mich am meisten zu denen hingezogen fühlen, mit denen ich die meisten gemeinschaftlichen Berührungspunkte habe. Wenn aber die Völker gegeneinander stehen, so stehe ich zum deutschen Volk und es tritt hinter das deutsche Gemeinschaftsbewußtsein jedes andere, sei es religiöse, soziale usw. Gemeinschaftsbewußtsein zurück. Weshalb Sie mich in den Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Juden stellen, die-es bedauern, durch rein äußere Momente gezwungen zu .sein, die Verbindung mit dem Entente-Judentum aufgeben zu müssen, verstehe ich nicht. Ich habe als deutscher Jude natürlich auch lieber Frieden mit den französischen Juden als den Zustand des Krieges. Das Gefühl des Neides auf die Zionisten ist mir fremd; denn für mich ist der Zionismus nicht das, was der Vatikan für den Katholizismus ist; die Einheit des Judentums wird durch dessen Nationalisierung nicht sowohl gefördert als zerstört. 7. Gewiß ist es nicht Sache der zionistischen Organisation. Aeußerungen Einzelner zu unterdrücken; nur soll sie nicht durch deren vorbehaltlose Aufnahme im offiziellen Organ Unklarheit über ihre eigene Auffassung schaffen und soll von vornherein zu ihnen Stellung nehmen. 8. Den Gedanken, daß das nichtzionistische Deutschland sich mit der Tatsache des werdenden jüdischen Palästinas in einer Weise abfindet, die seiner und der jüdischen Sache würdig ist, habe ich propagiert, noch ehe Sie Ihre öffentliche Aufforderung an mich richteten. Ich bin für ihn ei «getreten bei Formulierung der Pnogrammpunkte, die der Vorstand des Zentralvereins der Delegiertenversammlung unterbreiten wird und bei Aufstellung der Forderungen, die die jüdische Sachverständigenkommission für den Friedenskongreß gestellt hat. Insoweit Palästina nur als Siedlungsland in Frage kommt, wird kaum ein deutscher Jude den Siedlungsbesfrebungen und Arbeiten seine Sympathie versagen. Wenn viele abseits stehen und tätige Mitarbeit an der Wiedererrichtung Palästinas nicht leisten wollen, so sind es keineswegs immer unedle Motive, die sie dabei leiten, etwa das Motiv, daß sie die Rücksicht auf die eigenen politischen Verhältnisse höher stellen als die Pflicht gegenüber der jüdischen Allgemeinheit. Zahllose Juden sehen in der Nationalisierung des Judentums und in dem Erwachen von Staatsaspirationen eine große Gefahr für das Judentum, die Judenheit in Palästina und in der Diaspora. Vielen wird die Mitarbeit verleidet, wenn man die Palästinaarbeit mit dem Volksgedanken verquickt und als Bedingung zur Anteilnahme am Kongreß, der die Palästinaarbeit regeln soll, verlangt, daß der teilnehmende Jude $ich als jüdisch-national fühlt, das Bekenntnis der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke ablegt. 9. Ihr Wunsch, daß das deutsche Judentum durch praktische Palästinaarbeit den inneren Frieden erhält, begegnet sich mit Wünschen und Bestrebungen, denen ich seit Jahren in dem Ostkomitee, der Viod, den Verhandlungen mit der Zionistischen Parteileitung nachgelebt habe. Daß ich dabei selbst viel innere Befriedigung erlebt habe, kann ich zu meinem größten Leidwesen nicht sagen. Mir wird heut ein zionistisches Wiener Blatt vorgelegt, in welchem ich ein Unverbesserlicher genannt werde, ein Mensch mit Knechtessinn, der Sklavenlohn einheimst, ein Verräter und Verbrecher an der Sache des Judentums, ein Mann, der mit Ludendorf und Tirpitz auf einer Stufe (!) steht, ein Schädling, der leichtsinnig und unverantwortlich handelt u. a. m. So zu lesen in der „Wiener Morgenpost“ vom April 1919. Und warum Räuber und Mörder? Ich soll nach einem Zitat der „Jüdischen Rundschau“ aus dem Hamburger Israelitischen Familienblatt bei meinem Vortrage vom 26. Februar 1919 über das neue Programm des Zentralvereins gesagt haben, daß wir für die Erhaltung des deutschen Einflusses in Palästina nicht nur als Juden, sondern vor allem als Deutsche arbeiten sollen. Ich soll, wie die „Jüdische Rundschau“ meint, zur Palästinaarbeit nicht aus jüdischen Motiven, sondern aus deutsch-chauvinistischen Interessen aufgefordert haben. Ich habe nicht gesagt, was man mich sagen läßt, und ehe ^man mir Sklavensinn, Verrat und Verbrechen vorwirft, hätte man authentische Berichte dessen abwarten sollen, was ich gesagt habe. Was ich gesagt habe, ist im wesentlichen in meinem Aufsatz: „Was nun?“ in den Neuen jüdischen Monatsheften: „Im Deutschen Reich“ und jetzt auch stenographisch wortgetreu in den Mitteilungen des Syndikus vom 14. April 1919 ubgedruckt. Danach habe ich Folgendes gesagt: „Und nun komme ich auf eins: Palästina. Ich habe in den Reihen unserer Freunde einen großen Zwiespalt erlebt. Ich habe Freunde, die mir gesagt haben: Was geht uns Palästina an, uns ist Deutschland näher als Palästina. Das ist, verzeihen Sie mir, ein beschränkter Standpunkt. Palästina wird als eine jüdische Heimstätte erstehen . . . Ich darf die Fäden, welche die deutschen Juden mit Palästina verbinden, nicht zerreißen und wir müssen auch an Palästina Anteil nehmen. Und zwar tue ich das schon iim des Deutschtums wegen, weil es deutschen Interessen entspricht, daß wir die Fäden zu Palästina aufrecht erhalten, ganz abgesehen davon, daß schließlich Palästina für viele Juden das Land der religiösen Sehnsucht ist. Sie werden darin keine Inkonsequenz sehen: Ich lehne den Zionismus um des Judentums willen ab und nehme Anteil an Palästina und unterstütze es schon um des Deutschtums willen. Das sind Fragen, die wir mit den Zionisten zusammen.

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