Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1910)
- Date
- 1910-04-24
- Page
- Seite 535-536 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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536 535 ,.a.^=:L.= -— VOLK UND LAND Der Pogrom von Pinsk Die polnische Soldateska hat in Pinsk ein furchtbares Blutbad angerichtet. Die Delegierten der jüdischen Kooperativ-Gesellschaften der Stadt hatten sich versammelt, um eine rationelle Verteilung der von der amerikanischen Lebensmittelkommission zugewiesenen Lebensmittel und des von den amerikanischen Juden gesammelten Geldes durchzuführen. Vor allem sollte anläßlich der herannahenden Feiertage eine Verteilung von Mazzothmehl an die arme jüdische Bevölkerung organisiert werden. Diese gewiß harmlose Versammlung wurde vom polnischen Militär gewaltsam aufgelöst, das Haus umzingelt, die Teilnehmer der Versammlung von Soldaten erschossen. Dem entsetzlichen Morden, welchem die Juden schutzlos preisgegeben waren, sollen 50 bis 100 Menschen zum Opfer gefallen sein, darunter eine große Anzahl junger Leute von der Organisation „Zeire-Zion“ und „Hechaluz“, der jüdischen Jungmannschaft, die sich für ein tätiges Leben als Arbeiter im jüdischen Palästina vorhereitet. Noch fehlen nähere Einzelheiten über die Ereignisse. Das pine jedoch ist klar, daß wir hier wieder vor einer beispiellosen Schandtat der Polen stehen, die nicht von irgendeinem Straßenpöbel, sondern von dem stolzesten Organ des neuen polnischen Reiches, von der polnischen Armee, ausgeführt wurde, deren Verantwortung die polnische Regierung trifft und deren Fluch das ganze polnische Volk zu tragen hat. Als das polnische Volk durch den Zusammenbruch des Militarismus der Mittelmächte von den äußeren Fesseln der Fremdherrschaft befreit war, war seine erste Tat der Meuchelmord. Die Bluttage von Lemberg beflecken als unauslöschliches Brandmal das erste Blatt der Geschichte des selbständigen Polen. Entrüstung und Entsetzen hat in jenen Novembertagen die ganze zivilisierte Welt erfüllt. I>ie Polen haben die Ereignisse zunächst verheimlichen, dann leugnen wollen. Es wurden die sinnlosesten Argumente zur Rechtfertigung des Massenmordens erfunden. Die Juden wurden als Träger des deutschen Einflusses verschrieen, als Verbündete der Ukrainer hingestellt, sie wurden einmal als die Besitzenden bezeichnet, gegen welche sich die Wut des besitzlosen Volkes richte, das anderemal als die Elemente der bolschewistischen Propaganda, gegen welche die Regierung mit allen Mitteln ein schreiten müsse. Die Untersuchungskommissionen, welche das Material objektiv geprüft haben, haben der Welt grauenerregende Berichte vorgelegt und haben einwandfrei festgestellt, daß die polnischen Legionäre überall die Anführer der Pogrome waren, daß die polnische Gesellschaft sie gewollt und. gebilligt hat und daß die Regierung zumindest passiv zugesehen hat. Die neue polnische Regierung Pilsudski-Paderewski hat es sich angelegen sein lassen, den übein Eindruck: der Judenpogrome zu verwischen. Aber auch aus den farblosen Erklärungen der polnischen Regierungsmänner war kein deutlicher Wille zu entnehmen, die Judenfrage in Polen wirklich ehrlich zu lösen. Man sprach, viel von der hohen Kultur des polnischen Volkes, von Menschlichkeit, von bürgerlicher und religiöser Gleichberechtigung, aber man hatte taube Ohren gegenüber den Vorstellungen der mit den Bedürfnissen des jüdischen Volkes vertrauten führenden jüdischen Politiker. Die Polen wollen sich mit der Tatsache nicht ab finden, daß auf polnischem Gebiet heute außer der polnischen Nation noch eine Reihe nationaler Minderheiten lebt, die ebenso wie das herrschende Volk ein Recht zu leben hat. Sie fordern von den Juden ein völliges Aufgeben Ihrer Eigenkultur und ihrer Eigenart ohne zu bedenken, daß diese Forderung selbst bei bestem Willen aus psychologischen und soziologischen Gründen einfach unerfüllbar ist. Statt also den Weg zu gehen, der einzig zur Herbeiführung eines erträglichen Verhältnissen zwischen Polen und luden, damit auch einzig zum Gedeihen des polnischen Reiches führt, an dem die polnischen Juden in gleicher Weise interessiert sind wie die Polen, führen sie einen systematischen Ausrottungskrieg gegen das jüdische Volk, kämpfen mit den Waffen des Pogroms und des wirtschaftlichen Boykotts und säen zersetzenden Haß. Die pol nische Regierung spielt der Welt allerlei Komödien vor, veranstaltet „Enqueten“ über die Lösung der Juden frage, setzt Kommissionen ein, gibt Proklamationen und Manifeste heraus, die mit schönen Worten nichts sagen, verbreitet in der Welt kleine Nachrichten über das angebliche Entgegenkommen der Polen gegenüber den Juden, lanciert Pressemeldungen und entstellt die Wahrheit. Den fremden Staatsmännern, die nach Warschau kommen, werden Potemkinsche Dörfer vorgebaut, die polnischen Büros im Ausland luid in Paris mobilisieren alle ihre Beziehungen, um eine polenfreundliche Stimmung zu erzeugen und hinter den Kulissen dieser schön aufgeputzten Szenerie werden die Juden weiter gemordet. Die polnische Telegraphenagentur verbreitet die Interpellationsbeantwortung des Heeresministers Leczniewski auf eine Anfrage der jüdischen Abgeordneten wegen der „Ereignisse in Pinsk“, ohne auch nur mit einem Worte zu erklären, welcher Art diese Ereignisse eigentlich waren. Selbstverständlich wird wieder mit Lügen und grotesken Entstellungen gearbeitet. Es wird behauptet, daß es sich um die Auflösung einer geheimen Versammlung von Kommunisten gehandelt hat, | von welcher auf Soldaten geschossen wurde. Demgegen-! über steht der Bericht des Delegierten der amerikanischen Lebensmittelkommission, Herrn Zuckermann, der j keinen Zweifel über den tatsächlichen Sachverhalt zui läßt. Das polnische Büro will offenbar wieder die in! Paris herrschende Stimmung gegen den Bolschewismus i zur Beschönigung der polnischen Schandtaten aus- | nützen. Es wird diesmal nicht gelingen. Nur der blinde Haß gegen alles, was jüdisch ist, ist die Triebfeder dieses I Bubenstreichs gewesen, der eine ganz harmlose itinen- | jüdische Veranstaltung zum Anlaß nahm, um die tierij sehen Mordinstinkte einer halbwilden Soldateska zu bej friedigen. I Der Schrei, der aus Pinsk herübertönt und vom j gesamten jüdischen Volk vervielfacht jveitergegeben wird, j ist die verzweifelte Anklage eines Volkes gegen ein 1 Volk. Die Machthaber, die in Paris versammelt sind, ] um die Welt zu verteilen, müssen diesen Schrei hören, j Es darf nicht der Anschein entstehen, als ob die Friedenskonferenz „Wichtigeres“ zu tun hätte, als sich mit jüdischen Dingen zu befassen. Es gibt im Augenblick nichts Wichtigeres. Solange solche Taten möglich sind, wie das Blutbad von Pinsk, werden alle Arbeiten der | Pariser Konferenz vergeblich und erfolglos sein und j der Friede wird nicht kommen. Nicht die scheinbar | großen, sondern die scheinbar kleinen Fragen sind heute das Entscheidende. Der Körper Europas ist noch er- ■ füllt von Seuchenherden, welche gerade dort ihren Sjitz haben, wo mehrere Völker Zusammenleben und eine friedliche Verständigung nicht erzielen können. Die i Friedenskonferenz muß als wichtigste Frage den Schutz der nationalen Minoritäten auf ihre Tagesordnung stellen. Das jüdische Nationalfoomitee in Paris wird aus den unglückseligen Ereignissen von Pinsk neues Material für seine Arbeiten gewinnen. Die polnischen Umtriebe müssen entlarvt werden. Das unschuldig vergossene Blut von Pinsk schreit zum Himmel. („Wiener Morgenzeitung.“) WIRTSCHAFT Gewinnung von Kulturland durch Einführung motorischer Gespannkrafl*) ln letzter Zeit wird häufig darauf hingewiesen, daß unsere schwierige Ernährungslage bedingt, daß sich die Landwirtschaft von „all zu viel bodenfressender Viehzucht“ freimache. An erster Stelle kommt als bodenfressendes Vieh, das in unsere volkswirtschaftliche Lage nicht mehr hineinpaßt, das Pferd in Frage. Es ist ein Gebot der Stunde, an eine allmähliche, aber gründliche Ausrottung des Pferdebestandes heranzugehen. Ehe Beseitigung des Pferdes und der Ersatz der Kraftleistung dessen durch maschinelle Kraft bedeutet die Gewinnung von Milliardenwerten. *) Wir entnehmen diese Ausführungen, die für die landwirtschaftliche Kolonisation von großem Interesse I sind, der Fachzeitschrift „Der Kraftpflug“,