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Volk und Land · 1910-04-24 · Heft 17 (24.4.1910) · p. Seite 529-530

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 17 (24.4.1910)
Date
1910-04-24
Page
Seite 529-530 (sequence 11)
Language
German
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VOLK UND LAND 530 529 die nicht schon oft vor der Frage gestanden: Ist es notwendig, daß ich einen Arzt hinzuziehe? Er wohnt so weit, er ist so stark beschäftigt, wahrscheinlich ist es nur eine Kleinigkeit, und ich möchte ihn nicht gern vergeblich bemüht haben. Undaus dieser Rück sichtnahmc auf den Arzt erwächst - - wenn auch in den meisten Fällen kein Nachteil für das Kind zum mindesten der Mutter eine grobe unnötige Sorge, sie nimmt die ganze schwere Verantwortung auf sich und leidet naturgemäß darunter, sie bezahlt die bei unserer jetzigen Aerzteknappheit wirklich notwendige Rücksichtnahme mit ihrer Gesundheit und mit ihren Nerven. Man kann mir zu diesem Punkte entgegenhalten, daß eine Mutter nur eine Rücksichtnahme kennen darf, und das ist diejenige auf ihr Kind. Nun läßt sich diese Lehre nicht jedem einimpfen, ein wirklich rücksichtsvoller Mensch wird diese Einseitigkeit für sich nicht durchsetzen können. Aber außerdem wird das bedenkenlose sofortige Rufen des Arztes auch gar nicht immer nützen. Mir selbst, die ich mich schon immer furchtbar schwer dazu entschließe (es kostet mich — nicht aus Aerztescheu uijd ebensowenig der Ausgabe wegen jedesmal einen richtigen Kampf), ist es des öfteren passiert, daß ich die Rückfrage erhielt: „Ist es so dringend, daß ich nochheute kommen muß? Rufen Sie doch morgen nochmals an.“ Es spielt also Ln diese Bedenken die Ueberbürdung der Aerzte stark hinein, und oft auch, gleichzeitig außer der erwähnten Rücksichtnahme die Frage der Kostenrechnung, die in unserer Zeit nicht gerade klein ist, wie auch die Erfahrung, daß sich nachher meistens die Erkrankung als eine Kleinigkeit erweist. Die Hausfrau wird so sehr zu kleinlichem Rechnen erzogen, und hier, wo es sich gleich um Summen handelt, sollte sie mit einem Male alles Rechnen hintansetzen können? Trotz aller Liebe zu den Ihrigen wird sie es wohl nicht immer tun können. Daß bei wirklich dringenden Fällen alle diese Bedenken schweigen Werden, ist ja selbstverständlich. Aber die Tatsache, daß der Mutter bzw. den sonstigen Angehörigen die schwere Verantwortung überlassen ist, darüber zu entscheiden, ob der Arzt sofort hinzuzuziehen ist oder nicht, ist ein schweres Unrecht diesen Angehörigen sowohl, wie dem Kranken gegenüber, da die Versäumnis immerhin böse Folgen haben kann. Besonders groß wird diese Möglichkeit in einem Lande wie Palästina sein, für das ich an dieser Stelle die Neuordnung anregen will, da das heiße Klima ein rasches Vorschreiten der Krankheit und ein rasches Verbreiten vofi Epidemien begünstigt. Bei der jetzt üblichen Bezahlung des Arztes, der bei seiner Liquidation das verbriefte Recht hat, sich nach den Vermögensverhältnissen seiner Patienten zu richten, ist es im Zusammenhang mit seiner Ueberbürdung nur die allzu natürliche Folge, daß er erst zu allerletzt diejenigen besuchen wird, bei denen er nur eine kleine Taxe liquidieren kann. Von den wenigen Idealisten, die zum Glück noch nicht ganz ausgestorben sind, denen wirklich in erster Reihe daran liegt, allen, ganz gleich, ob reich;, ob arm, ihre schnellste und beste Hilfe angedeihen zu lassen, dürfen wir ganz ruhig absehen, sie sind leider unter dem bisherigen System zu dünn gesät; sie bilden eine seltene Ausnahme, und wir haben mit der Regel zu rechnen. — Die Einzelbezahlung der Aerzte hat also zweierlei Fehler: 1. daß sie überhaupt notwendig ist, und so in zahlreichen Fällen der sofortigen Hinzuziehung des Arztes im Wege steht, und 2., daß sie nicht einheitlich ist und dadurch die Aermeren benachteiligt. Von dem Kranikenkassenwesen kann ich absehen, weil meine späteren Vorschläge ein Kassenwesen gänzlich ausschließeu. Was die Ueberbürdung der Aerzte betrifft, die Tatsache, daß ausgerechnet ein so verantwortungsvoller, so viel Aufmerksamkeit und Frische erfordernder Beruf so jeder vernünftigen Zeitregelung entbehrt, so kann ' man eigentlich nicht verstehen, daß der Zug der Zeit, der so allgemein auf Verkürzung der Arbeitszeit ausgeht, gerade beim Aerztestand Halt zu machen scheint. Gerade hier sollte eine Reform in erster Reihe cinsetzen, was um so leichter wäre, als es an Aerzten ja keineswegs fehlt, sie sind nur so ungleichmäßig beschäftigt. Es gibt so viele, die nur zu gern mehr beschäftigt sein möchten, und andere wieder, die vor Ueberbürdung ihren Beruf nicht in angemessener Weise auszuüben imstande sind. Und es ist mit diesem Beschäftigt- oder Unbeschäftigtsein keineswegs das Urteil über de Betreffenden zu fällen. Jedermann weiß, 1 wie sehr die Wohngegend, die Nähe bekannter und stark frequentierter Aerzte bei der Wahl der Niederlassung und bei dem Erfolg der Anfänger mitsprechen, und wie fast alle lange Zeit vergeblich auf die ersten1 Patienten warten müssen, und manchmal sich erst durchsetzen können, indem sie die „Praxis“ eines anderen Arztes Übernehmen. Also auch im Interesse der Aerzte ist : hier eine Neuregelung unerläßlich. Warum sollten gerade sie — früher oder später tritt die Ueberbürdung doch ein — zu Arbeitstieren herabgedrückt werden, die keine freie Tagesstunde haben und auch in der Nacht noch gerufen werden können, denen ihre Beschäftigung weder Zeit läßt, sich in ihrem Berufe weiter auszubilden, noch dazu, sich für Dinge außerhalb ihres Berufes 1 irgendwie gründlicher zu interessieren. Fachsimpelei, i zu frühes Verbrauchtsein, das Nichtschritthalten mit den! Errungenschaften der Wissenschaft sind die unausbleiblichen bösen Folgen. Und auf der anderen Seite das j benachteiligte Publikum! i In engstem Zusammenhang mit der Ueberbürdung 1 und mit den Zufälligkeiten, die bei der Behandlung seitens der Aerzte mitsprechen, steht das Uebel des Gebundenseins an den einmal hinzugezogenen Arzt. Man mag im Laufe der Behandlung noch so sehr den Wunsch haben, den Arzt zu wechseln, oder einen anderen hinzuzuziehen, und man wird sich meist doch nur bei sehr ernst scheinenden Fällen dazu entschließen. Der Arzt betrachtet einen solchen Vorschlag als ein Mißtrauensvotum ihm gegenüber, und das möchte man — besonders w enn es sich um einen langjährigen Hausarzt handelt — natürlich vermeiden. Einen anderen Arzt ohne sein Wissen zu befragen, ist auch nicht gut angängig, es widerspricht der sogenannten Aerzteordmmg, und so unterbleibt die Konsultation eines zweiten Arztes oft, bis sie zu spät kommt. Das sind; alles Uebelstände, die abgeschafft werden müssen und können. Ich möchte dazu folgende Vorschläge machen. Die Aerzte dürfen - nicht mehr von den Einzelnen; bezahlt werden. Sie sollten vielmehr angemessen besoldete Beamte des Gemeinwesens sein, das dafür zu | sorgen hat, daß bei Beobachtung einer etwa acht- | ständigen Arbeitszeit mit außerdem abwechselnd verteilter Nachtdienstpflicht, eine ausreichende Anzahl von | Aerzten vorhanden ist. Wie viel Aerzte auf eine Bevölkerung zu rechnen sind, kann sich nur aus der Praxis j ergeben, aber man wird darüber nicht im Unklaren! bleiben, und für den Anfang eher ein Zuviel als ein Zuwenig an Aerzten vorsehen müssen. Die notwendige Sanierung des Landes, ebenso wie die stetig neu entstehenden Kolonien werden sofort für alle etwa I UeberzähHgen ausreichende Beschäftigung bieten.- Es darf nicht mehr dem Ermessen der Angehörigen überlassen bleiben, ob ein Arzt gerufen wird, sondern es muß die Verpflichtung eingeführt werden, daß i bei jeder mit Fieber einsetzenden Erkrankung sofort die zuständige Behörde verständigt wird. Die zuständige Behörde hat sofort dafür zu sorgen, daß so SCiineli wie möglich nacheinander zwei Aerzte den Kranken besuchen, und es hat gar nichts zu bedeuten, wenn es sieb dann in einer großen Anzahl von Fällen um eine vergebliche Bemühung gehandelt haben sollte. Bei Kindern bis zu 2 Jahren, bei denen es sich 'meistens

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